Beim Geldausgeben glücklich werden

Geld kann sehr wohl glücklich machen, sagt Harvard-Professor Michael Norton. Zusatz: wenn man es richtig ausgibt. Denn das eigene Geld für Objekte und sich selbst auszugeben, hat eher wenig Einfluss auf unsere Zufriedenheit. Erfahrungen und Ausgaben für andere hingegen schon.

Michael Norton antwortet auf Fragen ruhig und bedacht, lächelt dann und wann und wirkt mit sich selbst weitestgehend im Reinen. Man hat so ganz und gar nicht das Gefühl, dass der Harvard-Professor gerade eine Odyssee hinter sich hat, im Laufe derer er wegen eines Schneesturms an der US-Ostküste über Chicago mit deutlicher Verspätung nach München reiste.

Denn Norton hielt im Microsoft Technology Center die Keynote für den „Think Forward Initiative Summit 2017“ des niederländischen Finanzdienstleisters ING. Die Initiative soll über drei Jahre hinweg und mit Partnern wie Microsoft, Dell und Deloitte Lösungen und Wege definieren, um Menschen bei sinnvolleren Finanzentscheidungen zu unterstützen. Das heißt unter anderem: ein besseres Verständnis von Finanzprodukten, geringere Schulden und mehr Geld für den Ruhestand. Das ist in der Theorie ein edles Ansinnen. Doch die Menschen sind entgegen den vereinfachten Annahmen von ökonomischen Modellen alles andere als rational, wenn es um das eigene Geld geht. Viel eher geben sie ihr Einkommen meist so aus, dass relativ wenig davon übrig bleibt und die Zufriedenheit kaum verbessert wird. Denn erwiesenermaßen machen uns große Häuser und edle Autos nicht glücklicher. Der Spruch, dass Geld allgemein nicht glücklich macht, ist jedoch falsch.

Das behauptet zumindest Michael Norton. Laut ihm kann Geld sehr wohl glücklicher machen, wenn man es richtig ausgibt. So beschreibt er in seiner Rede das Glücksgefühl, das wir beim Kauf eines Fernsehers haben – und vergleicht es mit dem Glücksgefühl einer ausgedehnten Reise. Beim Fernseher stressen uns im Vorfeld Anstrengungen beim Kauf, im Zeitverlauf nehmen dann die Qualität und somit auch das persönliche Glück ab. Die Reise erzeugt hingegen Vorfreude – Menschen empfinden laut Studien am Tag vor der Reise das größte Glücksgefühl – und schöne Erinnerungen.

Norton rät also, Geld für Erfahrungen auszugeben. Ähnliche Ergebnisse fand der Forscher beim Vergleich zwischen Ausgaben, die man für sich selbst tätigt, und Ausgaben für andere. Auch hier hat Geld, das man für Mitmenschen ausgibt, deutlich bessere Ergebnisse für unsere Zufriedenheit. Doch wie sieht das weltweite Glück angesichts steigender finanzieller Ungleichheit aus? Wie misst man Glück? Und ist die Einbeziehung von Glück in Staatsentscheidungen, wie es Bhutan mit seinem „Bruttonationalglück“ versucht, ein sinnvoller Ansatz?

Es wirkt, als würden die Menschen immer unglücklicher. Stimmt das? Ist Glück so wertvoll, weil es seltener wird?
Wir können nicht genau sagen, ob die Menschen im Zeitverlauf wirklich unglücklicher werden; teilweise, weil es schwierig ist, Glück über Generationen hinweg zu vergleichen. Wir wissen auch nicht allzu viel über die Bestimmungsfaktoren von Glück. Ich denke aber sehr wohl, dass die Beziehung zwischen Geld und Glück eine wichtige ist. Wir fokussieren uns nämlich auf Dinge, die Menschen ändern können, um glücklicher zu werden. Wir wollen Menschen helfen, mithilfe ihres Geldes – aber auch im Allgemeinen – glücklicher zu werden. Denn selbst, wenn die Menschen nicht unglücklich sind, wollen wir sie ja glücklicher machen.

Wie lässt sich das bewerkstelligen?
Wir haben entdeckt, dass der Grundgedanke, dass Geld nicht glücklich machen kann, weder richtig noch falsch ist. Wir haben in unserer Forschung beobachtet, dass die Art und Weise, wie wir unser Geld ausgeben, nicht wirklich Glück „kauft“. In diese Kategorie fallen Ausgaben für uns selbst, also ein Haus oder ein Auto, aber auch Kleinigkeiten, die wir für uns selbst kaufen. Das steigert unser Glücksempfinden nicht. Und dennoch geben wir für solche Dinge den Großteil unseres Geldes aus. Wir haben also untersucht, wie sich zwei Ausgaben auswirken: Nämlich statt Dinge zu kaufen, unser Geld für Erfahrungen auszugeben. Und statt Geld für uns selbst auszugeben, etwas für andere zu kaufen. Beide steigern unser Glücksempfinden deutlich. Bei Erfahrungen haben wir einerseits die Vorfreude und andererseits die schönen Erinnerungen, die etwa eine Reise begleiten und durchgehend glückssteigernd wirken. Und zweitens sind Ausgaben für andere Menschen besser für unser Glücksempfinden. Wir haben noch nicht alle Länder untersucht, aber die, wo wir Forschung betrieben haben, haben diese These bestätigt. Egal, ob die USA oder Uganda, die Ergebnisse sind eindeutig.

Michael-Norton, Microsoft Technology Center, München, 15.03.2017
Michael Norton: „ Wir haben entdeckt, dass der Grundgedanke, dass Geld nicht glücklich machen kann, weder richtig noch falsch ist.“

Wir haben entdeckt, dass der Grundgedanke, dass Geld nicht glücklich machen kann, weder richtig noch falsch ist

Wie gehen Sie mit Problemen bei der Messung von Glück um – etwa mit subjektiven Verzerrungen?
G
lück zu messen ist eine interessante Sache. Wenn man Menschen fragt, wo sie sich auf einer Skala von eins bis zehn einordnen würden, sagen die meisten Menschen nach einer kurzen Pause „Sieben“. Und das ziemlich unüberlegt, denn normalerweise müsste man doch eine Woche überlegen, wie glücklich man ist. Wenn ich Sie also heute frage, sagen Sie vermutlich „Sieben“, auch in einem Monat, auch in einem Jahr. Wenn Menschen aber ihren Job verlieren, sagen sie vielleicht „Sechs“ und wenn sie heiraten, vielleicht „Acht“. Ich weiß also nicht, was diese Angaben für einen anderen Menschen bedeutet. Und ich weiß auch nicht, ob meine „Sieben“ das Gleiche bedeutet wie Ihre. Aber wir sehen Abweichungen, bedingt durch Veränderungen im Leben der Menschen. Wir probieren also neue Dinge aus und beobachten, ob sie das Glücksgefühl erhöhen oder vermindern. Wenn uns etwas nach oben bringt, sollten wir mehr davon machen. Umgekehrt sollten wir eine Aktion weniger oft tun, wenn sie uns auf der Skala nach unten bringt. Ich vergleiche das oft mit Blutdruckmessungen: 120/80 ist ein guter Wert, aber niemand weiß, was das eigentlich heißt. Wenn wir aber stark von diesem Wert abweichen, wissen wir, dass wir etwas dagegen tun müssen.

Neben der Art und Weise, wie wir unsere Ausgaben gestalten, gibt es noch viele andere Einflüsse auf unser Glück: Beziehungen, Hobbies etc. Welchen Anteil an Schwankungen im persönlichen Glücksempfinden haben unsere Ausgaben überhaupt?
Wir haben mit der finanziellen Situation begonnen, weil sie den Menschen einfach zu vermitteln ist. Sprich: „Statt diese zehn US-Dollar für diese Sache auszugeben, gib das Geld für diese Sache aus.“ Diese Verhaltensänderung ist einfach zu erreichen. Wie Menschen ihre Zeit gestalten, ist viel schwieriger zu beeinflussen. Wenn ich also sage: „Spenden macht glücklich, spende doch 100 US-Dollar an eine wohltätige Organisation“, machen das viele Menschen. Wenn ich aber sage: „Spenden macht glücklich, hilf doch eine Stunde in einer wohltätigen Organisation als Freiwilliger aus“, werden das deutlich weniger Menschen tun. Denn plötzlich geht es um ihre Zeit und nicht mehr um ihr Geld.


Helfen die Kontrolle und das Wissen über die eigenen Finanzen den Menschen, glücklicher zu werden?
Ein breiter Ansatz, der auch bei der Think Forward Initiative vorkommt, ist gut. Und zwar breit gestreut über die finanziellen Entscheidungen von Menschen. In unserer Forschung konzentrieren wir uns aber nicht unbedingt auf die verschiedenen Arten von finanziellen Entscheidungen, sondern auf den „hedonic payoff“ („emotionale Auszahlung“, Anm.). Da haben wir beispielsweise erkannt, dass Sparen keine große emotionale Auswirkung hat, weil es schlicht langweilig ist. Geld wandert einfach nur vom Lohnzettel auf ein Sparkonto, ohne dass wir es wirklich wahrnehmen. Es verschwindet einfach – und Verstecktes kann nicht wirklich aufregend sein. Wir haben also überlegt, wie wir solche Dinge attraktiver machen können. Ein Beispiel hat ein Student von mir entworfen: Dabei kann man Teile seiner Kreditkartenrechnung abbezahlen, indem man sie online anklicken kann, wodurch sie am Bildschirm „explodieren“. Das Resultat war, dass die Kunden ihre Schulden schneller abbezahlt haben. Das heißt, wir können den Menschen helfen, ihre Schulden zu verwalten, indem wir den Prozess spannender gestalten. Wir haben noch nicht die Antworten auf alle Fragen. Das Ziel ist, Möglichkeiten herauszufinden, die das persönliche Glück steigern, sodass die Menschen diese Lösungen öfter nutzen.


Eine Studie der Princeton University besagt, dass Menschen ab einem Jahreseinkommen von rund 75.000 US-Dollar durch mehr Gehalt kein zusätzliches Glück verspüren. Stimmt das?
Es scheint, dass diese Zahl in verschiedenen Ländern unterschiedlich ist, aber 75.000 US-Dollar ist keine schlechte Benchmark. Es kommt natürlich auch auf die Lebenskosten an. Bis zu diesem Punkt korreliert mehr Einkommen mit mehr Glücksempfinden, danach wird der Effekt kleiner. Die Geschichte, die bis jetzt jedoch erzählt wurde, ist, dass die Steigerung des Glücks danach gegen null geht – das stimmt nicht. Die Steigerung wird ab dieser Schwelle lediglich kleiner. Wir haben aber neue Daten von Millionären und die sind glücklicher als die Durchschnittsbevölkerung. Die Steigerung passiert also weiterhin. Wenn eine superreiche Person eine zusätzliche Million US-Dollar verdient, ist der Effekt aber natürlich kleiner als bei einem Durchschnittsbürger.

Die finanzielle Ungleichheit in der Gesellschaft steigt. Wie wirkt sich dieses Phänomen auf das Glücksempfinden innerhalb eines Landes bzw. auf der Welt aus?
Unsere Daten zeigen gemischte Ergebnisse. Ein starker Zusammenhang zeigt sich, wenn Menschen am meisten in ihrer unmittelbaren Umgebung verdienen. Bei gleichbleibendem Einkommen sind wir jedenfalls glücklicher, wenn wir mehr verdienen als unsere Nachbarn, als wenn andere mehr verdienen. Soziale Vergleiche haben also einen Einfluss. Wenn wir uns Ungleichheit auf einer breiteren Skala ansehen, war die gängige Meinung lange Zeit, dass Ungleichheit uns unglücklich macht. Das scheint noch immer so zu sein. Doch es gab kürzlich einige Forschungsergebnisse, die behaupten, dass der Zusammenhang nicht ganz so eindeutig ist, wie wir bisher dachten.

Michael-Norton, Microsoft Technology Center, München, 15.03.2017
„Eine einfache Lösung ist folgende: Vor einem Kauf – egal ob online oder im echten Leben – sollten wir eine halbe Sekunde pausieren. Und uns überlegen, ob dieser Kauf uns glücklicher machen wird.“

Es gibt Ansätze, die Erzeugung von Glück in öffentliche Entscheidungen miteinzubeziehen. Bhutan ist mit seinem „Gross National Happiness“ das Vorzeigebeispiel. Ein richtiger Ansatz?
Es gibt auch in den USA bereits einige Städte, die Glück als Indikator verwenden. Ich denke, dass es wichtig ist festzuhalten, dass niemand jemals behaupten würde, dass Glück die einzige Entscheidungsbasis sein sollte – oder gar, dass es die wichtigste ist. Aber Glück sollte in Entscheidungen miteinbezogen werden. Die Einschätzung des persönlichen Glücks auf einer Skala von eins bis zehn sagt viel über die Situation eines Menschen aus. Wir wissen, ob er finanzielle Schwierigkeiten hat, ob er arbeitslos ist etc. Es soll niemand aufhören, sich für das Bruttoinlandsprodukt zu interessieren, nur weil das Bruttonationalglück auch eine Rolle spielt. Wir wollen, dass die Menschen finanziell sichergestellt und glücklich sind.

Wie können Finanzinstitute, deren Fokus in der Vergangenheit nicht immer das Glück ihrer Kunden war, ihre Kunden glücklicher machen?
Sehen wir uns Unternehmen an, die Produkte und Dienstleistungen an Kunden verkaufen – auch außerhalb der Finanzindustrie. Sie versuchen, Produkte und Erfahrungen zu designen, die Menschen begeistern. Apple ist das Vorzeigebeispiel: Das Unternehmen will, dass wir begeistert sind, wenn wir ein iPhone verwenden und es niemals aus der Hand legen. Die Finanzindustrie hat sich eher nicht auf diesen Ansatz fokussiert. Denn Banking ist typischerweise langweilig und stressig. Wenn wir aber wirklich wollen, dass Menschen ihr Verhalten ändern und bessere Finanzentscheidungen treffen, hilft nur Reden nichts. Das ist ungefähr so, wie den Menschen zu erklären, dass sie täglich Sport treiben sollen. Sie wissen das, tun es aber trotzdem nicht. Wenn es aber Lösungen gibt, die ebendiese Entscheidungen spannend gestalten, ist es wahrscheinlicher, dass die Menschen sie auch treffen.

Welchen Ratschlag würden Sie Menschen geben, um mit wenig Aufwand ein bisschen glücklicher zu werden?
Eine einfache Lösung ist folgende: Vor einem Kauf – egal ob online oder im echten Leben – sollten wir eine halbe Sekunde pausieren. Und uns überlegen, ob dieser Kauf uns glücklicher machen wird. Manchmal ist die Antwort „Ja“, und dann sollten wir den Kauf tätigen. Oft wird die Antwort aber auch „Nein“ sein. Ein Beispiel ist Kaffee: Ich mag Kaffee und trinke ihn gerne. Die Frage ist jedoch, ob der siebte Kaffee des Tages mich wirklich bedeutend glücklicher machen wird. Wahrscheinlich nicht. Und das ist zwar ein extremes Beispiel, aber wir können es auf jeden Kauf anwenden. Ich versuche, das zu tun. Und selbst wenn wir nicht glücklicher werden, können wir den Kauf noch immer tätigen – kein Problem. Doch diese halbe Sekunde könnte trotzdem zu einer besseren Aufteilung unseres Geldes führen.

Fotos: SLAVICA

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