Warum freiwillige Arbeit unbezahlbar ist

„Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt.“ So lautet ein Zitat von Oscar Wilde. Unter Ökonomen und Wirtschaftstreibenden müssen sich besonders viele Exemplare dieser Spezies tummeln, könnte man meinen. Sie wissen genau, wie viel etwas kostet – daraus ist schließlich die DNA des globalen Kapitalismus gemacht. Und Menschen, die etwas freiwillig tun? Die kein Geld dafür verlangen und sich sogar dagegen wehren würden, ihre Leistung einpreisen zu lassen? Alles Träumer? Ich würde behaupten, sie haben etwas verstanden, das nicht nur sie, sondern auch die Gesellschaft entscheidend weiterbringt.

Es ist nämlich gut, dass nicht alles einem finanziellen Anreiz unterliegt. Die in den USA forschenden Ökonomen Uri Gneezy und Aldo Rustichini zeigten das mit einem aufsehenerregenden Experiment in israelischen Kindergärten: Dort mussten Eltern, die ihre Sprösslinge um mehr als zehn Minuten zu spät abholten, eine kleine Strafe zahlen – mit dem einzigen Ergebnis, dass noch mehr Eltern zu spät kamen! Aus ihrer Sicht hatte sich das Normengefüge in der sozialen Beziehung zum Kindergarten geändert: Plötzlich war es keine Frage des Anstandes mehr, pünktlich zu sein – zu spät zu kommen war ein akzeptables Verhalten geworden, weil es einen Preis bekommen hatte.

Aus ähnlichen Gründen hat freiwilliges Engagement, zum Beispiel bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz, unentgeltlich zu sein. Es macht einen Unterschied, ob jemand hilft, weil er will, oder ob jemand hilft, weil er das Geld braucht. Darum ist Freiwilligkeit einer der sieben Grundsätze unserer Organisation – eine Haltung. Wer etwas von sich aus tut, ist motivierter und unabhängiger. Und obwohl dieses Engagement keinen Preis hat, ist der Wert hoch.

Für die Person selbst: Geben und Nehmen schafft einen Beziehung, durch die auch der Dienende empfängt. Für die Zivilgesellschaft: Freiwilligkeit ist ihr Fundament. Rund 46 Prozent der Österreicher sind freiwillig tätig und leisten dabei Millionen an Einsatzstunden. Und für die Arbeitgeber: Weil Menschen, die sich für andere einsetzen, auch in ihrem Arbeitsleben besonders aktiv und verantwortungsbewusst sind – und von sich aus ihre persönlichen, fachlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen erweitern. Das sind Fähigkeiten, die auch im Arbeitsleben nützlich sind und entsprechend berücksichtigt werden sollten, etwa bei Bewerbungen.

Und die Zyniker in der Wirtschaft? Oscar Wilde müsste sie mittlerweile wohl mit der Lupe suchen. Schlaue Manager haben längst erkannt, dass es mehr als monetäre Anreize braucht, um große Pläne zu verwirklichen und knifflige Projekte auf den Boden zu bringen. Es braucht Wissen und Gespür für menschliches Verhalten, gerne unter dem Begriff Führungsqualität subsumiert. Entscheidend sind am Ende aber motivierte Menschen. Und gibt es einen besseren Nachweis dafür, motiviert zu sein, als in seiner Freizeit freiwillige Arbeit zu leisten? Geben und Nehmen ist ein altes Prinzip der Menschheit. Wer gibt, wird sich wundern, was er dafür alles bekommt. Und er wird verstehen, dass etwas, das nichts kostet, viel wert sein kann. Manchmal ist es sogar unbezahlbar.

Über den Autor: Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer ist langjähriger Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz, seit 2013 Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes und als solcher oberster Freiwilliger der Hilfsorganisation.

Dieser Gastkommentar ist in unserer Dezember-Ausgabe erschienen. Forbes Austria erhalten Sie als Einzelheft oder Abonnement unter abo.forbes.at

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