Warum Ai Weiwei eigentlich kein Künstler sein möchte

Von 14. Juli bis 20. November läuft Ai Weiweis erste große Einzelpräsentation in Wien. Einer der wohl bekanntesten zeitgenössischen Künstler stellt im 21er Haus sowie im Belvedere unter dem Titel „translocation-transformation“ aus. Dieses Mal konnte auch Ai Weiwei zur Eröffnung seiner eigenen Ausstellung kommen, respektive zur Pressekonferenz. Ein seltenes aber umso größeres Vergnügen, wie er erzählt. Zudem erklärte er, warum er nicht sicher ist, ob er überhaupt Künstler sein möchte. 

Ai Weiwei sitzt zwischen Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere und des 21er Haus und dem Kurator der Ausstellung Alfred Weidinger. Vor ihm baut sich eine Schar von Menschen auf, die Kameras in sein unaufgeregtes Gesicht halten und immer wieder von ihren Sitzplätzen aufstehen, um Fotos zu machen. Kurz zuvor, nämlich als der aus China stammende Künstler den Raum betrat, hätte man noch eine Stecknadel fallen hören können. Woher kommt das?

Nach einem Erdbeben 2008 im chinesischen Sichuan, blieb das chinesische Regime seinen Bürgern jegliche Information schuldig: wie viele waren gestorben und vor allem wer? Zusätzlich wurden seitens vieler Eltern Vorwürfe laut, die eingestürtzten Gebäude wären in schlechtem Zustand gewesen. Ai Weiwei hatte die Namen und weitere Daten über Behörden angefragt, sein Gesuch wurde aber ignoriert. Also trug er mit seinem Team eigens Namen von Opfern, sowie Geburtsdaten zusammen und postete jene. Das führte dazu, dass sich auch Familien involvierten, posteten und teilten. Schließlich kam das Regime in Zugzwang und veröffentlichte Daten: rund 3500 Schüler starben. Seit 2009 kann der Künstler nach eigenen Angaben wegen dieser Aktion keine offizielle Seite mehr betreiben. „Mein Blog bekam sehr viel Aufmerksamkeit und wurde deshalb auch geschlossen – würde jemand meinen Namen eingeben, würde er Begriffe wie „illegal“ oder „Nutzung von sensiblen Dokumenten“ finden.“ Innerhalb seines Geburtslandes China – und auch über dessen Grenzen hinweg – erregt er mit seinen Aktionen viel Aufmerksamkeit. Auch die des Regime, das ihm Steuerdelikte, Bigamie oder die Verbreitung von Pornografie vorwarf und ihn damit in etliche Gerichtsverfahren zwang. Aber Ai Weiwei gab bis dato nicht klein bei. Wahrscheinlich sind es diese Aktionen, die ihm diese Beliebtheit, und vermutlich auch notwendige Popularität verleihen: Als er bei einer versuchten Ausreise nach Hong Kong 2011 für rund zweieinhalb Monate inhaftiert wurde und niemand wusste, wo er steckte, war das nicht nur von medialem Aufschrei begleitet, sondern auch von einen Schreiben, in dem international hochrangige Politiker, Künstler und Intellektuelle seine Freilassung forderten. Sein Reiseverbot wurde 2015 aufgehoben, mittlerweile lebt und unterrichtet er in Berlin.

Das Hauptwerk ist die Installation „Wang Family Ancestral Hall“. Sie zeigt eine Ahnenhalle aus der Zeit der späten Ming-Dynastie. Was bedeutet Ihnen dieses Projekt? 

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese zwei Gebäude zusammenbringen konnte. Das hat Jahre gedauert. Es ist ein Wunder zu sehen, dass das funktioniert hat. Der Tempel den Sie jetzt sehen, wäre eigentlich größer, er ist nicht ganz vollständig. Dennoch kann man seine Schönheit erkennen.

Ai Weiwei, Wang Familie Ahnentempel 2015 © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien
Ai Weiwei, Wang Familie Ahnentempel 2015
© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien

Ein Teil ihrer Ausstellung ist „F Lotus“ eine Installation aus 1005 gebrauchten Schwimmwesten für den Brunnen vor dem Belvedere, um an Flüchtlinge zu erinnern. Warum liegt ihnen dieses Thema so am Herzen? 

Wissen Sie, man muss sich das einmal vorstellen. Man setzt die eigenen Kinder in ein Boot, zu einem Schmuggler – weil sie flüchten müssen. Man muss alles hinter sich lassen, die Religion, die Sprache, die Kultur, vielleicht auch den eigenen Besitz, weil man hofft, dass die Menschen in Europa einem helfen können. Dann kommt man hierher zu Menschen, die glauben, dass man eventuell gefährlich, sogar kriminell ist. Das sagt einfach sehr viel über unsere Zeit aus.

Können wir es uns leisten, die fundamentalen Werte der Menschheit, etwa Mitgefühl, zu opfern und unter solchen Bedingungen zu leben? Vielleicht müssen wir genauer verstehen, in welcher Situation diese Flüchtlinge sind, wenn sie das eigene Kind in ein Boot setzen müssen und alles verlieren. Dann könnten wir verstehen, womit wir es zu tun haben. Wir haben aber nach wie vor die Fähigkeit jenen zu helfen, die weniger Glück hatten.

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F Lotus © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien

Als sie das Bild des ertrunkenen Säuglings Alan Kurdi auf Lesbos nachstellten, ernteten Sie viel Kritik. Wie empfinden Sie das heute – und welche Rolle spielt Social Media? 

Social Media bietet die Chance zur Veränderung, besonders in einer Gesellschaft wie der chinesischen. Dort können individuelle Meinungen nicht gehört werden. Es ist unmöglich, die eigenen Gefühle oder das eigene Denken auszudrücken – genauso, wie sich mit anderen Menschen zu vernetzen. Natürlich gibt es online viele Meinungen und somit auch viel Kritik. Es ist also auch eine Herausforderung fürs reale Leben. Ich bin glücklich, dass wir zu all diesen Stimmen und Geräuschen auch Diskussionen haben, die Status Quo und viele alte Strukturen herausfordern. Keine physischen Strukturen, aber Ideologien, Philosophien, Ästhetik, all diese Rahmenbedingungen. Für mich ist Social Media eine Demokratisierung.

Ai Weiwei © Belvedere, Wien

An welchem Punkt wussten Sie, oder haben Sie entschieden, dass Sie Künstler und Aktivist sein werden? 

Um ehrlich zu sein bin ich nach wie vor in einem inneren Kampf, ob ich denn nun Künstler sein soll oder nicht. Gestern Abend dachte ich daran, dass ich wieder Eröffnungen besuchen muss, Hände schütteln, Selfies machen. Die Menschen sind zwar sehr nett, begeistert und auch herzlich, ich kann mir nur leider all diese Namen nicht merken – das ist einfach nicht der Job den ich machen möchte.

Ich möchte kreativ sein, produzieren – und zwar so, dass es den Menschen Freude bringt. Aber mein Englisch ist leider nicht so gut, ich kann meistens auch nicht auf Chinesisch sprechen. Dabei geht so viel von meinem Charakter, meiner Person verloren. Und so sitze ich hier und warte, bis diese Konferenz vorbei ist. Als wir angereist sind, hat meine Freundin zu mir gesagt: „Wir waren schon in so vielen Städten, aber nie können wir einfach nur auf der Straße spazieren.“ Ich genieße auch die wenigen schönen Momente mit meinem Sohn. Wir waren in Griechenland, um Urlaub zu machen. Und dann waren wir doch in einem Flüchtlingslager – das ist schließlich mein Job. Es ist ein hartes Leben, ein harter Job, nicht zu bewundern.

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Und dennoch: Kaum ist Ai Weiwei von dem für die Pressekonferenz aufgebauten Tisch aufgestanden, bildet sich eine Traube an Menschen um ihn, die Autogramme auf Dokumente, Ausstellungskataloge, Fotos haben wollen. Sie haben sie über Jahre hinweg gesammelt und nur darauf gewartet, dass Ai Weiwei auf ihnen unterschreibt.

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