Warten auf das grüne Licht

43,7 Milliarden US-$: Die Übernahme des Schweizer Agrarkonzerns Syngenta durch ChemChina wäre die größte chinesische Auslandsübernahme aller Zeiten. Die Aktionäre können es kaum erwarten, die Wettbewerbsbehörden genehmigten den Deal kürzlich unter Auflagen. Doch was wollen die Chinesen eigentlich mit dem Basler Saatgut- und Pflanzenschutzhersteller?

Insgesamt 300 Investitionen tätigten chinesische Unternehmen im Vorjahr auf ihrer ausgedehnten Einkaufstour quer durch Europa, 86 Milliarden US-$ standen auf der Quittung. Mehr als die Hälfte davon, 43,7 Milliarden US-$, würden für einen einzigen Deal draufgehen: den Kauf des Basler Agrarkonzerns Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern ChemChina.

Doch die Übernahme wartet noch auf das endgültige grüne Licht der Wettbewerbsbehörden. Die Kartellwächter der EU und USA stimmten dem Deal kürzlich unter Auflagen zu. Dazu müsste ChemChina den Großteil seines europäischen Geschäfts mit Pflanzenschutzmitteln veräußern. Der Abschluss der Transaktion, der für das zweite Quartal 2017 erwartet wird, scheint damit immer wahrscheinlicher.

Den Syngenta-Investoren schmeckt die monatelagen Zitterpartie aber so gar nicht. Denn seit das Kaufangebot von 465 US-$ pro Aktie am Pflanzenschutz- und Saatguthersteller verkündet wurde, interessiert sich kaum ein Stakeholder noch für etwas anderes als einen erfolgreichen Abschluss. Das auch deswegen, da die Offerte eine Prämie von fast zehn Prozent zum Kurs von 429 US-$ darstellen würde (zu Redaktionsschluss).

Überhaupt profitiert der Aktienkurs des Unternehmens seit zwei Jahren nahezu ausschließlich von Übernahmegerüchten. Erster Brautwerber war der US-Konkurrent Monsanto, der dem Basler Konzern zwischen 2014 und 2015 mehrere Fusionsangebote unterbreitete. Rund 46 Milliarden US-$ Mitgift standen damals im Raum. Um nahezu 40 Prozent ging der Aktienkurs des Basler Konzerns seit dem ersten Bekanntwerden nach oben. Das Management wies die Monsanto-Avancen jedoch ab, nicht einmal Verhandlungen kamen zustande. Und trotz des steilen Kursanstiegs brachte das mehrfache „Nein“ dem Syngenta-Management bei den Aktionären viel Zorn ein. Diese waren empört ob der Ablehnung, sahen sie doch damals schon eine Möglichkeit, ihre Kassen nicht nur theoretisch (sprich durch Kursgewinne) klingeln zu lassen. So gründeten sie kurzerhand eine Allianz mit dem etwas unkreativen Namen „Vereinigung kritischer Syngenta-Aktionäre“, die auf einer eigens eingerichteten Website schwere Vorwürfe erhob: „Als Aktionärinnen und Aktionäre von Syngenta sind wir der Meinung, dass das Unternehmen das Potenzial, Mehrwert zu schaffen, nicht ausschöpft.“

Dieser Druck dürfte nach dem Hin und Her zwischen Monsanto und Syngenta ChemChina ironischerweise den Weg geebnet haben. Denn wie Aufsichtsratspräsident Michel Demaré im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung „Finanz und Wirtschaft“ bereits vor einiger Zeit zugab, war die Eigenständigkeit nach dem Hickhack um Monsanto langfristig nicht mehr aufrechtzuerhalten. In einer so schwierigen wie der Pflanzenschutz- und Saatgutbranche bräuchte es laut Demaré sinngemäß mehr Geduld, als die Aktionäre bereit waren, dem Unternehmen zu gewähren. Sie hätten durch die Angebote nämlich eine genaue Vorstellung, welchen Preis sie pro Aktie verdienen wollen. Eine solche Kursperformance  sei laut Demaré aus eigener Kraft und in der eigenen Branche schlicht nicht machbar. Denn auch die fast 40 Prozent, die der Titel seit Mai 2015 gewann, waren kaum auf die Performance von Syngenta zurückzuführen.

Dass Syngenta das Angebot mehrmals abgelehnt hat, hat Monsanto nie ganz verkraftet. Denn wenn man Medienberichten Glauben schenken will, lobbyierten die US-Amerikaner angeblich beim Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) gegen den Deal.

Die Frage, was für ein Unternehmen die Chinesen da eigentlich kaufen, geht indes völlig unter. Alle Augen sind auf den Abschluss gerichtet. Dabei ergibt der Kauf auf den ersten Blick für ChemChina nicht wirklich Sinn. So bezeichnet die Neue Zürcher Zeitung Syngenta gar als „steinigen Acker“. Das 2011 ausgegebene Ziel, die Ebitda-Marge (Betriebsergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) bis 2015 auf 25 Prozent zu erhöhen, wurde verfehlt. Das anschließend neu ausgegebene Ziel, bis 2018 auf 28 Prozent Marge zu kommen, scheint aus heutiger Sicht mit einem Wert nahe 25 Prozent völlig unrealistisch. Die Tätigkeit in Schwellenländern und das damit verbundene hohe Währungsrisiko machen den Baslern einen Strich durch die Rechnung.

Zudem dürfte angesichts der zunehmenden Konsolidierung in der Branche der Abstand zur Konkurrenz in Sachen Profitabilität noch steigen. Der schon angesprochene Merger zwischen Dow Chemical und DuPont sowie jener zwischen Monsanto und dem deutschen Agrarriesen Bayer bietet beiden Konzernen viel Potenzial für Kostenreduktionen.

Und genau deshalb wirft der Kauf durch ChemChina auch andere Fragen auf. Denn in der Regel werden Fusionen dieser Größenordnung genutzt, um mithilfe von Synergien Kosten zu sparen – etwa, indem ähnliche Geschäftsbereiche zusammengelegt werden. Doch ChemChinas Produktpalette deckt sich kaum mit der von Syngenta. Kostensenkungen scheinen also nicht primäres Ziel der chinesischen Investoren zu sein. Experten gehen vielmehr davon aus, dass China neue Technologien nutzen möchte, um seine wachsende Bevölkerung (rund 1,5 Milliarden Menschen) effizient zu ernähren. Das Land kommt mit der Nahrungsproduktion nämlich nicht nach. Seit der katastrophalen „Großen Hungersnot“ in China Anfang der 1960er-Jahre hat sich die tägliche Kalorieneinnahme im Land pro Kopf verdoppelt. Zudem ist China der weltweit größte Konsument von Agrarprodukten weltweit. Somit dürfte Peking in Zukunft jede technologische Innovation im Bereich Ernährung mit offenen Armen empfangen. Doch was genau sich ChemChina und der chinesische Staat von dem Zukauf erhoffen, bleibt unklar.

Für die Syngenta-Mitarbeiter könnte eine chinesische Beteiligung jedoch positiv ausgehen. Denn wie bei anderen Übernahmen zeigt ChemChina derzeit keine Ambitionen, den Standort in Basel zu schließen oder das Management auszutauschen. Personalkürzungen, wie bei der Schweiz-Division des französischen Transportunternehmens Alstom, das 2014 vom US-Mischkonzern GE übernommen worden war, scheinen also unwahrscheinlich. Bei der „Vereinigung kritischer Aktionäre“ dürfte diesbezüglich jedoch Gleichgültigkeit herrschen. Sie warten lediglich auf das grüne Licht der Wettbewerbsbehörden. Ob das auch kommt, erfahren sie im April.

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