Vernetzte Welt

Als Geostratege beschäftigt sich der in Indien geborene und in Singapur lebende US-Amerikaner Parag Khanna mit globalen Machtdynamiken. Seine These: Die Infrastruktur – und daraus entstehend die „Konnektivität“ – von Städten, Staaten und Unternehmen wird in Zukunft über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Doch was bedeutet das für die globalen Machtverhältnisse?

Selbst bezeichnet sich ­Parag Khanna als „Geostratege“. Von anderen wird der gebürtige Inder, der einen US-amerikanischen Pass hat, als Politikwissenschaftler, Experte für International Relations, Publizist oder Unternehmer bezeichnet. Khanna würde auf die Frage, was er denn letztendlich wirklich sei, vermutlich „All of the above“ antworten.

Bei jeder Art von Transportmitteln sehen wir ein Wachstum der Mobilisierung. Das ist ein Megatrend.

In all seinen Tätigkeiten, sei es als Senior Research Fellow an der Universität Singapur, sei es als CEO von Factotum, beschäftigt sich Khanna mit globalen Geschehnissen. Seine Bücher tragen Titel wie „Der Kampf um die Zweite Welt – Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“ oder „Wie man die Welt regiert“. In seinem Buch Connectography, das 2016 erschien, sprach Khanna von dem Erfolg von Staaten und Unternehmen als direkte Ableitung aus ihrer Konnektivität – sprich der Stärke ihrer Verbindungen. Dabei seien kleine, technokratisch regierte Staaten wie Khannas Wahlheimat Singapur oder die Schweiz in einer idealen Position, um erfolgreich zu sein.

Die Ankündigung von Präsident Trump, in die US-Infrastruktur zu investieren, sieht Khanna positiv – genauso wie Chinas Vorstoß, sich über die Belt-and-Road-Initiative mit Indien, Afrika und Europa per Schiff und Schiene zu verknüpfen. Doch wer wird in einer Zukunft das (geopolitische) Sagen haben, wenn Städte immer größer und Unternehmen immer mächtiger werden? Und welche Auswirkungen haben die massiven Infrastrukturausgaben der heutigen Zeit auf die geopolitische Stabilität und gesellschaftliche Zukunft?

Was genau bedeutet Konnektivität?

Konnektivität drückt sich in ­Infrastruktur aus. Für mich ­basiert das Konzept der Mobilität auf dem Fundament der Konnektivität. Da gibt es Transport, Energie und Kommunikation – das sind für mich die drei Hauptsäulen. Und die werden vernachlässigt. Wir vernachlässigen die Infrastruktur, egal ob wir sie sehen können, etwa bei Straßen oder Zugverbindungen, oder sie eben nicht sehen können, also etwa Internetkabel. Die alte Infrastruktur muss erneuert werden, das ist ein weltweites Phänomen. Ich plädiere dafür, dass wir die Infrastrukturausgaben pro Jahr weltweit von rund 2,5 Billionen US-$ auf fünf Billionen erhöhen. Wir geben also schon viel Geld für Konnektivität aus, aber es ist noch immer zu wenig. Ich sehe Konnektivität und Mobilität nicht nur als Menschenrechte, sondern auch als philosophisch, normativ und kommerziell wichtig.

In einer Rede sagten Sie, dass der von Ihnen geschaffene Begriff der „Connectography“ einen Quantensprung in der Mobilität der Menschheit bedeutet. Was heißt das?

Die Menschen beziehungsweise die Menschenmassen sind merkbar mobiler geworden. Das, indem in den letzten Jahrzehnten viel mehr Milliarden Menschen Grenzen überschreiten konnten. Da spielt die Mobilmachung der Urbanisierung eine Rolle sowie die Überquerung von Grenzen. In beiderlei Hinsicht sind die Transportmittel natürlich wichtig – Flugverkehr, Eisenbahnen, Auto­bahnen. In jeder Kategorie sehen wir ein Wachstum der Mobilisierung. Das ist ein Megatrend, der auch stark mit der Globalisierung zu tun hat. Und wir sehen heute, dass dieser Trend zunimmt.
Einige Experten sagen jedoch, dass die Mobilität nicht schneller wird – Autos, Flugzeuge, Züge fahren meist mit der gleichen Geschwindigkeit wie vor 70, 80 Jahren.

Wir befinden uns in einer Phase der Beschleunigung. Wir haben Highspeedzüge, die auch in ­Eurasien ausgebaut werden. Auch Projekte wie der Hyperloop in den USA gehen in diese Richtung. Zudem gibt es Innovationen im Luftverkehr, es gibt Supersonic-Jets, die nur wenige Jahre von Testflügen entfernt sind. Die Evolution besteht aus solchen Sprüngen. Ob die voneinander zehn Jahre entfernt sind oder innerhalb von drei Jahren passieren, ist nicht so wichtig.

Dass China in die US-Infrastruktur investiert, zeigt ganz deutlich: Es gibt kein Wachstum ohne Konnektivität.

Donald Trump kündigte ein Infrastrukturprogramm in der Größenordnung von einer Billion US-$ an, Chinas Belt-and-Road-Initiative hat eine ähnliche Dimension. Zeigt sich hier der Kampf um die globale Vormachtstellung?

Ich denke nicht, dass das so ein Wettbewerb ist. Einerseits ist es ein Kernargument meines Buches, dass der Unterschied zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen Ländern nicht in der Ideologie begründet ist, sondern in dem Unterschied zwischen Alt und Neu. Länder, die einen neuen Infrastrukturbestand haben, werden erfolgreicher sein als jene mit einem alten Bestand. Es gibt also im Allgemeinen schon einen Wettbewerb. Das heißt aber nicht, dass in diesem konkreten Zusammenhang, wo die USA endlich mal wieder in die Infrastruktur investieren wollen, dass das die Handelsbeziehungen auf den Kopf stellen wird. ­Infrastruktur ist für mich Win-win, China investiert seit Jahrzehnten in die US-Infrastruktur und den dortigen Energiesektor. Wenn Infrastruktur ein Nullsummenspiel wäre, würden sie diese Investitionen ja nicht tätigen. Dann wäre das Brutto­inlandsprodukt ja ein nicht wachsender Kuchen. Doch er wächst, was wiederum zeigt: Es gibt kein Wachstum, ohne dass wir in die Konnektivität investieren.

Das heißt, die USA sind nicht besorgt, dass sich China im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative mit der halben Welt – unter anderem mit Europa – verbinden will?

Trumps Administration hat eine Delegation zum „One Belt, One ­Road“-Gipfel geschickt. Das hat Obama nicht getan. Das ist zwar eine kleine Geste, doch Obama hat versucht, die europäischen Staatschefs davon zu überzeugen, nicht an diesem chinesisch geführten Prozess teilzunehmen. Ich bin zwar kein Trump-Anhänger, doch man muss eingestehen, dass das pro-global war. Diese Konnektivität hilft aber auch den USA wirtschaftlich: Die Konnektivität wird zu Wachstum in den Schwellenländern führen, der Wohlstand dort wird steigen, wodurch diese Länder amerikanische Produkte kaufen können. Natürlich kann man die geografischen Hürden nicht überwinden, die USA liegen hinter einem großen Ozean. Was auf dem eurasischen Kontinent passiert, wird von China und Europa angeführt. Die Frage ist, inwieweit die USA profitieren können. Und das werden sie schon, die großen Gewinner ­werden aber natürlich die Europäer, die ­Chinesen und teilweise Araber und Zentralasiaten sein.

Beim Gipfel hat Indien ­Kritik geäußert, vor allem, weil die Belt-and-Road-Initiative territoriale und nationalstaatliche Ansprüche unterstützen würde. Ist das ein ­valides Argument?

Die Inder waren am Gipfel absichtlich nicht beteiligt – ­übrigens die Japaner ebenso wenig. Ich kann das nachvollziehen. Sie wollten Kritik äußern – und das haben sie getan. Es gibt seit 70 Jahren Reibungen wegen chinesischer Infrastrukturprojekte, die etwa durch die Kaschmirregion gehen. Gleichzeitig ist Indien zweitgrößter Teilhaber an der Asian Infrastructure Invest­ment Bank (AIIB). Einerseits hat Indien also eine Proteststimme, andererseits nimmt das Land an den Projekten indirekt teil.

Das ist der Triumph der funktionellen ­Geografie über die politische Geografie. Und ­natürlich geht es genau darum – deswegen ist ­Indien so empört –, dass durch Schienen und Leitungen, die auch durch Kaschmir gehen, diese Region immer mehr Richtung Pakistan wandern wird. Doch andere Länder protestieren nicht – etwa Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan. Die mögen die Investitionen der Chinesen.

Ein anderer Trend in Sachen Konnektivität ist die Urbanisierung. Beispielsweise hat die chinesische Stadt Chongqing inklusive Umland die geografische Größe von Österreich und rund 30 Millionen Einwohner. Sehen Sie denn vielleicht sogar eine Rückkehr zu Stadtstaaten?

Ich bin Anhänger des Megacity-­Ansatzes, doch man muss das auseinanderhalten. Städte sind unsere älteste soziale Form und entwickelten unsere Gesellschaft historisch gesehen stärker als der Staat. Durch die Urbanisierung in Schwellenländern zeigt sich, dass Städte eine Mehrheit der Volkswirtschaft ausmachen. Daran merkt man, dass der Staat mehr auf die Stadt angewiesen ist als umgekehrt. Eigentlich war das schon immer so und ist auch heute wieder der Fall. Das heißt aber nicht, dass der Staat auseinanderfällt, das ist ein wichtiger Punkt. Manche ­sehen das so, aber ich denke nicht, dass Nationalstaaten abstürzen oder sterben werden.

Der US-Handelskonzern wäre die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Wie sieht es mit großen multinationalen Unternehmen aus? Sind diese in der Konnektivität ­wichtiger als Nationalstaaten? Und welche Auswirkungen haben sie auf geo­politische Dynamiken?

Die werden natürlich eine sehr große Rolle spielen. Die sind wichtig, weil sie schon jetzt große Sponsoren des Infrastrukturausbaus sind. Darunter fallen die traditionelle ­Infrastruktur, vor allem aber auch der digitale Bereich. Nach dem Prozentsatz der Gesamtausgaben in die digitale Infrastruktur sind Unternehmen sogar ­wichtiger als Staaten – das sehen wir seit den 90er-Jahren, damals waren es ­Telekommunikationsunternehmen. Große Unternehmen werden geo­politische Spieler, indem sie sich den rechtlichen ­Verpflichtungen gegenüber dem ­Heimatland entziehen können. Wir sehen, wie wichtig die ­Technologien sind und wie abhängig kleinere, ­ärmere Länder davon sind. Das ­nutzen die Unternehmen teilweise aus.

Doch wer werden die großen, wichtigen Player der geopolitischen ­Zukunft sein? Xi Jinping und ­Angela Merkel oder Bürgermeister wie ­Londons Sadiq Khan oder Elon Musk und Tim Cook?

All of the above. Ich war immer der Meinung – darüber habe ich auch in einem meiner Bücher namens „Wie man die Welt regiert“ geschrieben –, dass Vertreter aus dem privaten sowie dem öffentlichen Sektor gemeinsam daran arbeiten werden. Natürlich nicht immer auf der gleichen Stufe. In Sachen Klimawandel sind manche Städte wichtiger als Staaten, im Bereich Sicherheit sind Staaten wie Nordkorea wichtiger als Städte. In jedem Zusammenhang spielen immer Staaten, Städte, Unternehmen und Individuen eine wichtige Rolle. Tim Cook ist in gewisser Hinsicht wichtig, in anderen Zusammenhängen nicht – das Gleiche gilt für Polen und Indonesien. Und für den Bürgermeister von ­Lagos gilt das ebenfalls.

Welche Rolle gestehen Sie Europa in diesen Machtverhältnissen zu?

Europa ist noch immer eine der wichtigsten Regionen der Welt. Europäer zu sein, ist im Schnitt noch immer besser, als Amerikaner zu sein. Europa war für mich immer sehr anwesend und relevant. Der Handels­aufschwung wächst rasch, da geraten die USA gerade ins Hintertreffen. Eurasischer Handel könnte in den kommenden zehn bis 20 Jahren deutlich zunehmen, das ist eine riesige Chance, sich auch von den USA etwas zu lösen. Das ist auch die Welt­anschauung von Angela Merkel, dass man nicht immer auf die USA angewiesen sein sollte. Ich denke, das ­bietet gerade jetzt eine große Chance für Europa.

Text: Klaus Fiala
Fotos: Beigestellt, Pexels

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