(Zu) viel Gründungs-Optimismus bei der Top-Speakers-Lounge

Bei der von der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein veranstalteten Top-Speakers-Lounge zum Thema „Jungunternehmer zum Fliegen bringen“ am Mittwoch Abend, lag sehr viel Optimismus und Euphorie in der Luft. Vielleicht sogar zu viel?

Whatchado-Gründer Ali Mahlodji war der Star des Abends. Er sprach davon, sich als Fehler im System zu empfinden. Er ist Flüchtling, hat in seiner Jugend gestottert, die Schule abgebrochen und bereits 40 verschiedene Jobs ausprobiert. Dennoch hat er an seiner Idee, jungen Leuten einen Einblick in den Werdegang und Berufsalltag von Menschen zu ermöglichen, eisern festgehalten und sie verwirklicht. Whatchado versteht sich als Handbuch der Lebensgeschichten und hat mittlerweile zwölf internationale Auszeichnungen erhalten. Unter den unzähligen Videos, in denen Menschen von ihren Berufen erzählen, sind übrigens auch Interviews mit dem FORBES Austria-Team zu finden.

Ali Mahlodjis Weg zum Erfolg ist ebenso ungewöhnlich wie viele der auf Whatchado abrufbaren Karrierewege. Und natürlich hatte auch er Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser der Selbstständigkeit. „Doch dann habe ich mir gedacht: Wenn ich mir hier in Wien etwas breche, gehe ich einfach ins Krankenhaus, wenn ich Durst habe, könnte ich sogar aus der Toilette trinken usw. Wo auf der Welt gibt es noch so einen Ort, wo man sich mit seinen Ideen wirklich austoben kann?“ Dem Rat vieler Experten, die ihm von dem Projekt abgeraten haben, hat Mahlodji auch getrotzt. „Das Problem bei Experten ist: Sie haben das Wissen der Vergangenheit und nicht der Zukunft“, sagt er bei seiner Keynote-Rede vor sichtlich amüsiertem Publikum.

Ali Mahlodji2

Der Sprung ins kalte Wasser ist auch für Venturelab Schweiz-Geschäftsleiter Simon May der schnellste Weg ins Jungunternehmertum. Ausgehend von Christoph Kolumbus, der mit seiner Idee zur Entdeckung des schnellsten Seeweges nach Indien wohl der erste Start-upler der Geschichte war, berichtete May von den Top-Gründungsideen der Schweiz. Sie alle haben gemeinsam, alles 10 Mal schneller, 100 Mal besser oder 50 Mal effizienter anzubieten, als vergleichbare Branchenvertreter am bestehenden Markt. „Ideen sind wie Kinder, die eigenen sind immer die besten“, gibt er bei seiner Rede zu verstehen.

Neben den beiden Vortragenden nahmen auch Investorin Marie-Hélène Ametsreiter, EY-Rechtsexperte Wolfgang Eigner und der Schweizer Business Angel Christian Wenger am Podium Platz und diskutierten darüber, wie man Jungunternehmen auch bei uns „zum Fliegen“ bringen könnte. Vor allem rund um Gründung, Finanzierung oder der Wahl der Rechtsform ergeben sich für viele Start-ups Hürden, die durch entsprechende Informationen oder individuellen Support gemeistert werden können. Für Marie-Hélène Ametsreiter von Speedinvest zählt nicht nur der Wille zur (Verzweiflungs)tat, sondern sind in erster Linie die Rahmenbedingungen ausschlaggebend: „Drei Faktoren bestimmen, ob es in einem Land viele Start-up gibt: Talent, Geld und eine Kultur, die Gründungen zulässt. Ich glaube, wir haben hier sehr viele Talente, die tolle Produkte entwickeln. Auch finanziell sind wir schon weit gekommen. Wo es sich spießt, ist die Anschlussfinanzierung. Viele Unternehmen gehen, nachdem das Produkt am Markt ist, dann doch nach Amerika.“

Der Schweizer Business Angel Christian Wenger freut sich über die Entwicklung, dass Start-ups plötzlich „cool“ sind: „Als ich vor 20 Jahren in diese Industrie gekommen bin, wusste niemand, wie man ,Start-up` überhaupt schreibt. Die Entwicklung in den letzten 18 Monaten ist enorm. Heute kommen meine Kinder zu mir und wollen ein Start-up gründen“, erzählt er.

Lukas Sustala Marie-HÇläne Ametsreiter Simon May  Wolfgang Eigner

Trotz der großen Euphorie und immer größer werdenden Gründungs-Welle, die neben Österreich eben auch die Schweiz und Liechtenstein erfasst, sollte man nicht vergessen, dass laut Statistik jedes dritte Start-up scheitert. Es ist schön, optimistisch zu sein und jungen Entrepreneurs Mut zu machen. Doch die Risiken auszuklammern, kann Existenzen bedrohen – realistisch gesehen.

Drucken