Selbstgesteuert

Der Prothetik-Markt verblüffte in den vergangenen Jahrzehnten mit immer neuen Innovationen. „Gedankengesteuerte“ Armprothesen sind längst keine Seltenheit mehr. Betroffene können auch schon fühlen – der Markteintritt wird hier aber noch dauern. Mittendrin in alledem steckt Otto Bock Healthcare.

Er klappt seine rechte Hand auf und zu, spreizt und schließt die ­Finger, bringt sie wieder in die vorige Stellung, greift schließlich zum Wasserglas – und nippt daran. Begleitet von einem leisen Brummen laufen die Bewegungen flüssig ab. Große Mühe hat Alexander Pototschnig dabei zwar nicht, trotzdem muss er den Blick direkt auf die Positionen richten. Der 18-Jährige ist es mittlerweile gewohnt, die verschiedenen Funktionen ­herzuzeigen. Denn bei seiner Hand handelt es sich um keine biologische: Pototschnig trägt seit Kindertagen eine myoelektrisch gesteuerte Prothese, die am Unterarmstumpf ansetzt. Der Mikro­prozessor und das silberne Metall schimmern durch den durchsichtigen Überzug, Verstecken ist für Pototschnig keine Option. „Bei meiner Geburt bin ich mit einer Hand auf die Welt gekommen. Ich kann mit einer Hand Schuhe binden, kochen usw. Die Eingewöhnungsphase für die Prothese war nicht schwierig. Aber ich ­brauche die Prothese im Alltag: Beim Autofahren, Radfahren, auch in der Arbeit hilft sie.“

Damit meint er seinen Lehrabschluss dieses Jahr als Zerspannungstechniker bei Otto Bock Healthcare – dem Prothesen-­Weltmarktführer mit einer Niederlassung in Wien. Dabei handelt es sich um eine der drei Unternehmenssparten der Otto Bock-Firmengruppe. Der Konzernstammsitz ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs im niedersächsischen Duderstadt.

Pototschnigs eigener Background kommt ihm ­dabei zugute: Denn Pototschnig ­serviciert und repariert just nur das Handmodell, das er selbst trägt. Mit der „Michelangelo“-Prothese, sie wird in Wien gefertigt, können sieben Handpositionen ausgeführt werden – und damit etwa problemlos Geldscheine, Handys, Stifte und Teller gehalten werden. Sie basiert auf dem „Axon-Bus-System“, einem geschlossenen Datenübertragungssystem. „Indem ich die Oberarmmuskeln anspanne, entsteht Spannung, die an der Hautoberfläche messbar ist. Elektroden leiten diese an die Prothese weiter. Integrierte elektrische Motoren und Mikroprozessoren wandeln sie in Bewegung um. Man kann aber auch die Empfindlichkeit regeln“, erklärt der Niederösterreicher.

Mein Ziel ist es, dass die Betroffenen ihr Handicap vergessen. Das ist zwar eine Utopie – aber wir wollen dem nahe kommen.

Seine Prothese offen zu zeigen ist mittlerweile en vogue. Auch ganz oben auf der Weltbühne: So trägt das 22-jährige brasilianische Model Paola Antonini seit einem Verkehrsunfall eine Karbon-Beinprothese, auf Social Media wird sie dafür gefeiert. 2016 war sie etwa Paralympics-Botschafterin in Rio de Janeiro. Der Amerikanerin Aimee Mullins, ihr fehlen seit Geburt beide Unterschenkel, verhalfen ihre Beinprothesen zu einer steilen Karriere: Sprintrekorde bei den Paralympics in Atlanta 1996, Laufstegmodel, Ambassadress von L’Oréal, Schauspielerin. Die steigende gesellschaftliche Akzeptanz hängt besonders auch mit den Paralympischen Spielen zusammen: Leichtathleten wie der Deutsche Heinrich Popow (Goldmedaille in Rio 2016 und London 2012) stehen für diese Öffnung. Otto Bock mischt dabei kräftig mit: Das Unternehmen unterstützt Paralympics-Athleten seit 30 Jahren. Der 18-jährige Pototschnig ist selbst Leichtathlet und hat sich für die Weltmeisterschaften diesen Sommer in London qualifiziert. „Ich will beim 200- und 400-Meter-Sprint mindestens ins Finale kommen.“

Der Genesungsweg nach einer Amputation kann langwierig sein: Pflege des Stumpfes und Muskelaufbau nach der OP, Rehabilitationen bis zu einem halben Jahr, Unterstützung durch Therapeuten, Suchen der passenden Prothese, Prothesentraining. Schätzungen allein aus Österreich gehen von 2.000 Amputationen pro Jahr aus. Hauptursachen sind Unfälle, Infektionen oder Diabetes. Rund zwei Drittel betreffen die unteren Extremitäten. Otto Bock Healthcare hat sich deshalb der Medizintechnik verschrieben, um Menschen mit Handicap ihre ganz persönliche Mobilität zurückzugeben.

Die Produktpalette geht weit über die Prothetik hinaus: An den Hauptstandorten Duderstadt und Wien forscht und entwickelt man zu Orthesen (medizinisches Hilfsmittel zur Stabilisierung und Entlastung von Körperregionen, Anm.), MedicalCare sowie Human Mobility (Rollstühle, Reha-Hilfsmittel). 2016 stieg der weltweite Umsatz von Otto Bock Healthcare um 4,3 Prozent auf 847 Millionen €, die Mitarbeiterzahl auf mehr als 6.500. Mit 45 Prozent hat die Prothetik daran den höchsten Umsatzanteil und ist mit sieben Prozent auch der größte Wachstums­treiber. Global vertreibt man die gesamten Produkte in über 50 Ländern. Hauptabsatzmärkte sind Westeuropa (mehr als 50 Prozent des Umsatzes) und die USA, die Region Asien/Pazifik ist ebenfalls im Wachsen begriffen.

Dabei hat man auch bei Otto Bock klein angefangen: Vor mehr als 90 Jahren, 1919, wurde das Familienunternehmen von Otto Bock gegründet. In Berlin fertigte man die ersten Prothesen und Orthopädiebehelfe an, um Versehrte aus dem Ersten Weltkrieg besser versorgen zu können. Schnell stellte man aufgrund des hohen Bedarfs auf eine serielle Prothesenherstellung um, damals noch aus Holz gefertigt. 1958 wurde der Grundstein für die Internationalisierung gelegt, als man eine Auslandsgesellschaft in Minneapolis, USA, errichtete. Seither ist die Unternehmensgeschichte eine der stetigen Innovation: In den 1960er-Jahren setzte man etwa Standards durch die Entwicklung myoelektrischer Armprothesen, die durch Muskelsignale gesteuert werden und durch schnelle Bewegungen und sichere Griffe bestechen.

„Wir haben schrittweise ein breites Produktportfolio aufgebaut, aufbauend auf dem C-Leg, die als weltweit erste Mikroprozessor-kontrollierte Beinprothese 1997 als Revolution gefeiert wurde. Inzwischen kam sie bei Versorgungen weltweit 70.000 Mal zum Einsatz. Diese Technologie ist heute für jeden Mobilitätsgrad verfügbar. Die einen gehen mit dem Genium X3 (Beinprothesensystem, Anm.) Wildwasserkanu fahren und für andere ist das Kenevo (Kniegelenk, Anm.) eine sinnvolle Alternative zum Rollstuhl“, beschreibt Otto Bock-Präsident und -Inhaber Hans Georg Näder die Produktvielfalt. Der Schwerpunkt liegt mit dem Faktor 1:10 jedenfalls klar auf den unteren Extremitäten.

Mein persönliches Motto ist, dass die Betroffenen ihr Handicap vergessen können.

Familie und Unternehmensphilosophie sind beim Otto Bock-Konzern nicht voneinander zu trennen: So übernahm der gebürtige Duderstädter 1990 bereits mit 28 Jahren die Führung von seinem Vater Max Näder, dem Schwiegersohn von Firmengründer Otto Bock. Nur drei Chefs in fast 100 Jahren zeugen von einer gewissen Beständigkeit. Um Beständigkeit, Freiheit und eine bessere Lebensqualität geht es auch im Wirkungsfeld von Otto Bock. „Mein persönliches Motto ist, dass die Betroffenen ihr Handicap vergessen können. Das ist zwar eine Utopie, die man nicht erreichen kann. Aber wir versuchen, dass wir dieser mit unseren Innovationen immer ein Stück näher kommen“, sagt Hans Dietl als CTO des Otto Bock-Konzerns, weltweit  für Forschung und Entwicklung (F&E) zuständig und Geschäftsführer der Wiener Niederlassung. Seit 30 Jahren ist er im Unternehmen tätig, ­langweilig werde die Medizintechnik nie, so Dietl. Denn für F&E lässt die Otto Bock-Gruppe einiges springen: Weltweit forscht man in zehn Entwicklungszentren, insgesamt flossen 2016 bereits über 57,2 Millionen € hinein. Für Dietl ist die Wiedererlangung der Mobilität sehr individuell ausgestaltet: „Das Ziel ist, ein höchst mögliches Maß an ­Mobilität wiederzuerlangen. Das kann sehr unterschiedlich und ein Rollstuhl genauso sein wie eine Orthese oder Prothese.“

Stellt sich dennoch die Frage, wo man technisch an Grenzen stößt: „Das kann man schwer sagen, denn das hängt von Art und Grad der Behinderung ab. Einen 28-Jährigen mit einer Oberschenkelamputation aufgrund eines Motorradunfalles kann man sehr gut an seine frühere Mobilität heranführen. Ich habe Freunde, die Flugzeuge steuern, die in der Wüste in Tansania wandern. Vieles ist schon möglich“, so Dietl.“

Nach Experten sind weiters der Differenzierbarkeit der ­Bewegungen Grenzen gesetzt: Während man etwa eine gesunde Hand vielfältig bewegen kann, ist das mit den technischen Mitteln nur bedingt möglich; je nach Modell bis zu 14 Griffarten und Handpositionen (etwa Tippen, Einnehmen von Mahlzeiten etc. mit der myoelektrischen Bebionic Hand). Die Robustheit ist ebenfalls ein Thema – und das bei allen Prothesenarten: Die Steuerung sollte möglichst nach den gleichen Mustern ablaufen, sodass es etwa beim Schwitzen nicht zu technischen Beeinträchtigungen kommt. Für Abschirmungen von Handystrahlen ist ebenfalls zu sorgen.

Beim 18-jährigen Pototschnig hat man das Gefühl, dass er mit seiner „Michelangelo“-Hand gut zurechtkommt. Im Alltag ist diese für ihn kein besonderes Thema, auch von detaillierten Fragen lässt er sich nicht irritieren. Dennoch: „Es fällt immer auf, dass man eine trägt, denn man muss schauen, wohin man greift. Gegenstände blind zu greifen funktioniert nicht, weil ich in dem Bereich nichts fühle.“

Damit spricht er eine ganz spezielle Technik an, die sich erst im Entwicklungsstadium befindet: die der „fühlenden“ Prothesen. ­Generell wächst und wächst der Prothetik-­Markt. Insbesondere im Bereich der bionischen Rekonstruktion: Prothesen werden über reaktivierte Nervenimpulse im menschlichen Körper gesteuert. Sie sind wahre Hightech-Produkte. Am Markt existiert bereits die „gedankengesteuerte“ Armprothese, der Betroffene „denkt“ die Bewegungen – sie wurde von Otto Bock in Wien gemeinsam mit US-Partnern entwickelt und 2007 als Prototyp präsentiert. Sie funktioniert so: Nervenbahnen, die vor der Amputation den natürlichen Arm steuerten, werden mit Nerven der Brustmuskulatur verbunden. Diese neue Verbindung wird zur Signalübertragung vom Gehirn an die Prothese genutzt. Die Muskelsignale, die während der Kontraktion entstehen, werden über Elektroden vom Brustmuskel abgeleitet und steuern so den künstlichen Arm. Der Betroffene kann die Prothese dadurch intuitiver nutzen und hat mehr Gelenke zur Verfügung als bei der rein über Muskelimpulse gesteuerten Prothese.

„Wir sprechen hier von der Targeted Muscle Reinnervation, TMR. Den TMR-Arm (DynamicArm Plus, Anm.) zu nutzen setzt eine Operation voraus. Die Markteinführung erfolgte 2010, allerdings noch ohne die Fühlfunktion. Diese – und die fühlende gedankengesteuerte Beinprothese – sind heute noch Zukunftsmusik. Aber wir arbeiten daran“, sagt Otto Bock-Präsident Näder. Wenn man sich die Firmengeschichte ansieht, dürfte es wohl nur mehr eine Frage der Zeit sein, bis diese kommerziell werden. Derzeit kosten die Otto Bock-Prothesen  – je nach Art der ersetzten Gliedmaße –zwischen 25.000 € und 80.000 €.

Als Prototyp besteht die „fühlende“ Armprothese bereits seit 2009. Sie wurde von Otto Bock und der Medizinischen Universität Wien  entwickelt und präsentiert – und prompt als Sensation gefeiert. Maßgebend beteiligt daran war Hubert Egger, Professor an der Fachhochschule Oberösterreich. Dabei wird ein selektiver Nerventransfer – Targeted Sensory Reinnervation (TSR) – am Prothesenanwender durchgeführt. Das Endergebnis: Informationen wie Temperatur oder Vibration werden über Mikrosensoren an den Zeigefingern aufgenommen und über elektrische Leitungen zur Brust weitergeleitet. Anhand eines Mikrochips werden diese Botschaften in Stimuli verwandelt, die das Gehirn verarbeiten kann. Prothetik-Experte Egger war 2015 auch federführend bei der „fühlenden“ Beinprothese – aufgrund der gesetzten neuronalen Verbindung kann der Patient an der Sohle des Prothesenfußes fühlen. Die „Phantom­schmerzen“ der Testperson sind damit verschwunden.

Wie es scheint, bleibt Otto Bock auch als Unternehmen weiterhin mobil. Erst kürzlich wurden 20 Prozent der Anteile an das schwedische Private-Equity-Unternehmen EQT verkauft, einen der in Europa führenden Investoren im Bereich „Medtech“. Zum ersten Mal hat man somit ­einen familienfremden Anteilseigner: „Das ist natürlich eine Zäsur. Aber keine Sorge: Wir bleiben mindestens so ­dynamisch wie bisher“, sagt Präsident Näder. Die Finanzmittel würden vor allem helfen, organisch zu wachsen. Der bereits dieses Jahr angekündigte ­Börsengang wird wohl bald folgen.

 

Text: Niklas Hintermayer

Fotos: Kurt Prinz, beigestellt

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