Die neue Seidenstraße

Mehr als 1.000 Jahre stellte die alte Seidenstraße die wichtigste Handelsverbindung von China nach Europa dar. Die durch China angestoßene Initiative zur Wiederbelebung des Konzepts der Seidenstraße als Handelsroute zu Land und Meer („Belt and Road“) sieht den Aufbau eines eurasischen Wirtschaftsraumes vor. Infrastrukturprojekte sollen vor allem in den westlichen Regionen Chinas und in Zentralasien für neue wirtschaftliche Dynamik sorgen.

Die Pläne Chinas sehen den Aufbau von Infrastruktur in den Bereichen Transport (Hochgeschwindigkeitszüge, Flughäfen und Straßen sowie maritime Infrastruktur), Energieversorgung und Telekommunikation in den Ländern entlang der Seidenstraße vor. Zur Finanzierung der Projekte wurde im Jahr 2014 ein 40 Mrd. US-$ schwerer Seidenstraßen-Fonds geschaffen.

Gemäß Angaben des chinesischen Statistikamtes beliefen sich die Direktinvestitionen chinesischer Investoren entlang der Seidenstraße im Jahr 2016 auf 14,5 Mrd. US-$, was einen Rückgang von 2 % im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Mit dem im Mai 2017 in Peking abgehaltenen Belt-and-Road-Forum (BRF) unterstrich die chinesische Regierung ihr Vorhaben, die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Länder entlang der Seidenstraße weiter auszubauen. Dafür wurden zusätzliche Investitionen angekündigt. Im Juni 2017 wurde ein Memorandum of Understanding des Europäischen Investmentfonds (EIF) und des Seiden­straßen-Fonds (SRF) über ein Engagement von 500 Mio. € beschlossen. Im Rahmen eines „China-EU Co-Investment Fund“ (CECIF) wollen EIF und SRF gemeinsam in Private-Equity-Fonds und Risikokapitalfonds investieren, um vornehmlich kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit China-Bezug in Europa zu unterstützen.

Mit 16 zentral- und osteuropäischen Ländern am Ende der Seidenstraße hat China zudem die „16+1“-Initiative gegründet. Transport und Infrastruktur zählen zu den Schwerpunkten dieser Initiative, ebenso wie Kooperationen in den Sektoren Logistik, Umwelt und Energie, Land- und Forstwirtschaft und Tourismus.

Weitere Impulse gehen von der ebenfalls durch China initiierten Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) aus, zu deren insgesamt 57 Gründungsmitgliedern auch Österreich zählt. Die Entwicklungsbank wurde mit ­einem Startkapital von 100 Mrd. US-$ ausgestattet und tritt als zusätzliches Finanzierungsinstrument für Infrastrukturprojekte in Asien auf. Bislang wurden 13 Projekte in Tadschikistan, Bangladesch, Pakistan, Indonesien, Myanmar, Oman, Aserbaidschan und Indien genehmigt.

China erschließt sich so neue Exportmärkte gerade in Sektoren, in denen im Inland Überkapazitäten bestehen. Die Seidenstraßeninitiative bezieht sich allerdings nicht nur auf das Ausland, sondern fördert auch die Entwicklung bestimmter Regionen in China selbst. Dabei übernimmt sie zum Teil Zielsetzungen der 1999 vorgestellten „Go West“-Strategie. Österreich könnte längerfristig von der Verkürzung der Transportzeiten, die aus dem Infra­strukturausbau resultieren, profitieren und diese für eine Erhöhung seiner Exporte nach Asien nutzen. Vor allem aber ergeben sich aus der Initiative Chancen für Geschäfte mit chinesischen Unternehmen auf Drittmärkten; die starke wirtschaftliche Präsenz Österreichs in Ost- und Südosteuropa spielt dabei eine besondere Rolle.

Einige Beispiele aus den letzten Monaten belegen, dass das Angebot österreichischer Unternehmen in den Branchen Logistik, Transport und Infrastruktur, Umwelt und Energie, Land- und Forstwirtschaft, Tourismus und Finanzdienstleistungen in diesem Zusammenhang gefragt ist. Gleiches gilt für Österreich als Standort für ­Zentral- und Osteuropazentralen chinesischer Firmen. Auch das wertvolle Know-how österreichischer Thinktanks in der Region schafft gute Voraussetzungen für mehr Zusammenarbeit.

Gerade das verstärkte Engagement der chinesischen Wirtschaft in den CEE-Ländern – ob als Ausfluss der „Belt-and-Road“-Initiative oder der Aktivitäten im Rahmen der „16+1“-Plattform – erfordert es, österreichische Unternehmen für das The ma weiterhin zu sensibilisieren sowie Österreich im Rahmen des politisch und institutionell Möglichen an die Initiativen Chinas heranzuführen. Ziel muss es sein, mögliche Konkurrenten von morgen schon heute zu Kooperationspartnern zu machen.

Martin Glatz
Glatz ist bereits seit 1984 in der Außenwirtschaft Austria tätig. Seine Stationen führten ihn als stellvertretenden Wirtschaftsdelegierten nach München, Montreal und Kairo, bevor er als Regionalmanager für den Bereich Fernost im Head Office in Wien tätig war. 2014 wechselte Glatz dann als Wirtschaftsdelegierter in das WKO-Büro in Peking, China.

Fotos: Thomas Depenbusch, Pexels

print