Quotenfrauen und Spitzenjobs

Genau zehn Jahre ist Angela Merkel nun deutsche Kanzlerin. Ihr Amt trauten ihr zu Beginn nur wenige zu. Über ihre Kompetenzen wurde nicht viel geredet. Man mokierte sich lieber über ihre Frisur. Heute rangiert Merkel stets ganz vorne auf der Forbes Liste der mächtigsten Menschen der Welt. Ein Plädoyer für mehr Frauen an der Spitze.

Es gibt sie, selbstredend, die Frauen, die an der Spitze von Unternehmen, weltweit agierenden Organisationen und auch in der Politik stehen, mächtig und höchst einflussreich: Sheryl Sandberg (Facebook), Christine Lagarde (IWF), Hillary Rodham Clinton (US-Präsidentschaftskandidatin), Mary Barra (CEO GM), Meg Whitman (CEO HP) und hierzulande etwa Brigitte Ederer (ÖBB Aufsichtsratschefin), Bettina Glatz-Kremsner (CFO Österreichische Lotterien) oder seit kurzem Edeltraud Hanappi-Egger als erste Rektorin der WU Wien – seit über 100 Jahren war diese Institution stets unter männlicher Führung und dabei keine Ausnahme.

Als Rolemodels für künftige Frauengenerationen sind sie unumstritten wichtig. Und in internationalen, global agierenden Unternehmen sind sie auffallend häufiger anzutreffen. “Global hilft”, sagt auch Sandra Babylon, Managing Director und Leiterin der Accenture Women Initiative für Deutschland, Österreich und Schweiz. “In einem globalen Unternehmen, in dem viele Kulturen involviert sind, merkt man viel häufiger, dass mehr Frauen im C-Level anzutreffen sind und dass auch Elternzeit für Männer, oder regelmäßige Homeoffice-Tage viel normaler sind als hier.”

Mit “hier” ist der deutschsprachige Raum gemeint. 30 Jahre sei man hier hinter allen anderen zurück, sagt Isabelle Kürschner von Catalyst, einer internationalen Non-Profit-Organisation, die sich seit vielen Jahren für die Förderung von Frauen am Arbeitsplatz einsetzt. 30 Jahre hinterher – womit? Mit dem Ausleben von Stereotypen wie die “Vollzeit arbeitende Rabenmutter”, so Kürschner. “Das ist nur im deutschsprachigen Raum so”, bestätigt Babylon sofort.

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Sandra Babylon, Managing Director und Leiterin der Accenture Women Initiative für Deutschland, Österreich und Schweiz

Dieses Konzept der Fremdbetreuung von Kindern, erkläre man bitte Frauen aus z.B. Frankreich. Babylon: “Die werden sie dann fragen: Warum sollte das schlecht sein?” Und legt gleich noch eine Schnurre aus ihrem privaten Umfeld drauf: “Als meine Mutter – Babylon selbst ist Jahrgang 1971 – den Führerschein machen wollte, musste sie ihren Vater noch mitnehmen. Und in Deutschland konnte der Ehemann bis 1978 den Arbeitsvertrag seiner Frau auflösen, wenn diese parallel zum Job den Haushalt nicht gut genug geregelt hat. Bei allen Klagen dürfen wir nicht vergessen, wo wir hergekommen sind. So lange sind diese Dinge noch nicht her”, so Babylon weiter. Die zwei Monate Auszeit, die Facebook CEO Mark Zuckerberg bald nehmen wird, wären vor nicht einmal 15 Jahren mit “Mit dem stimmt was nicht” quittiert worden.

Kleine, aber konstante Fortschritte

Es tut sich also was. In Deutschland mit der verpflichtenden Aufsichtsratsquote, in Österreich gibt es diese noch nicht. “Bei uns in Deutschland”, so Sandra Babylon, “gab es zehn Jahre lang diese freiwillige Selbstverpflichtung. Gebracht hat das nichts.” Und auch die Argumente, warum das mit dem Mehr an Frauen in den Aufsichtsgremien nicht geklappt hat, wie “Wir haben Frauen gesucht, aber es gibt ja keine”, oder ebenfalls beliebt, “Wir haben schon mal eine Frau gehabt, es hat aber nicht geklappt” sind, so Babylon aus ihrer beraterischen Erfahrung weiter, “ganz schön schräg, fast abstrus”.

Für Isabelle Kürschner wiederum ist jetzt eine Entwicklung zu beobachten, die den Frauen in der Gestaltung ihrer Arbeitswelten ebenfalls sehr entgegenkommen könnten: “Vieles, was sich jetzt in der Arbeitswelt ändert und was der vielzitierten Generation Y im Job so wichtig ist, wurde jahrzehntelang den Frauen zugeschrieben. Zum Beispiel: Frauen wollen flexibler arbeiten, Frauen wollen Arbeit und Leben besser vereinbaren können. Ich sehe ganz deutliche Parallelen, was Frauen laut Studien schon seit langer Zeit wollen, und das jetzt bei einer breiteren Massen angekommen ist. Darin sehe ich eine große Chance”, so Kürschner optimistisch.

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Isabelle Kürschner, Catalyst Europe Consultant, Germanic Region

Die Politik müsse vorgeben und in den Organisationsstrukturen, Prozessen wie etwa dem Recruiting müsse nachgezogen werden, um Frauen nachhaltig in ihren Karrieren zu fördern, sagt Sandra Babylon. “Wenn man Frauenförderung in den Organisationen anspricht, dann sind auch alle männlichen Führunugskräfte dafür”, so Babylon weiter. “Wenn man aber ganz bestimmte Punkte fordert (Teilzeit als Führungskraft, Homeoffice etc…), dann sieht das Ganze oft anders aus.” So bleibt Frauenförderung in Unternehmen Klientelpolitik oder Gutmenschentum, sagt sie.

Zahlen, Daten, Fakten & das liebe Geld

“Unternehmen brauchen harte Daten, um Maßnahmen zu rechtfertigen und auch die persönliche Verantwortung der CEOs, um berstimmte Ziele festzuschreiben. Wenn Zahlen, Daten, Fakten für sich sprechen können, gibt es, so Babylon weiter, auch kein Erkenntnisproblem mehr. Dann sei man als Chefin oder Projektleiterin auch nicht mehr die, mit “den Haaren auf den Zähnen”. Oder – das andere Extrem – die “Assistentin”, so die Beraterin belustigt. Accenture selbst liegt bei den weiblichen Top Führungskräften (Managing Directors) bei 17 Prozent, bei den Aufsichtsratsgremien bei 27 Prozent – von insgesamt mehr als 100.000 beschäftigten Beraterinnen weltweit.

Bleibt noch ein Thema – und zwar das Gehalt. Isabelle Kürschner zitiert Langzeitstudien (seit 1997 werden diese in aller Regelmäßigkeit nachjustiert) zum Thema Gehalt bei weltweit 10.000 MBA Absolventen. “Es ist klar ersichtlich, dass es gleich nach dem MBA, beim Jobeinstieg einen eklatanten Gap von rund 5.000 US-$ gibt. Dieser Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen wird immer größer – egal, wie oft oder ob das Thema Gehaltsverhandlungen überhaupt angesprochen worden ist”, so Kürschner. “Diese Lücke ist von Anfang an da.” Womit auch der Mythos widerlegt sein dürfte, dass Frauen schlechter verhandeln als Männer.

Viele Studien rund um moderne Arbeitswelten und -weisen, die in den USA rund um die Jahrtausendwende relevant waren, kommen inhaltlich erst jetzt im deutschsprachigen Raum an, so Kürschner weiter. „Der Vorteil daran ist, wir können schauen, was wo funktioniert hat und müssen das Rad nicht neu erfinden.“

*Sandra Babylon hat gemeinsam mit Frank Riemensperer (beide Accenture) einen Fachbeitrag in folgendem Buch publiziert:
Isabell M. Welpe, Prisca Brosi, Lisa Ritzenhöfer, Tanja Schwarzmüller (Hrsg.): “Auswahl von Männern und Frauen als Führungskräfte. Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Politik.”, Verlag Springer Gabler 2015
Fotos: Elke Mayr
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