Pokémon Go – Warum die Nintendo-Aktie momentan völlig überbewertet ist

Pokémon Go ist womöglich das größte popkulturelle Phänomen des letzten Jahrzehnts. Die Auswirkungen sind dabei aber nicht nur trivialer Natur: Die Aktie des Spieleherstellers Nintendo legte seit der Veröffentlichung um rund 20 Milliarden US-$ an Börsenwert zu. Das ist – trotz dem Potenzials des Spiels – massiv übertrieben.

Es ist ja eigentlich unfassbar. Wenn ein Smartphone-Spiel dafür sorgt, dass sich der Aktienkurs eines Unternehmens innerhalb von einer Woche verdoppelt – in Zahlen ist Nintendos Marktkapitalisierung um rund 20 Milliarden US-$ gestiegen – ist man im Digital Age angekommen. So geschehen, nachdem der japanische Spielehersteller die möglicherweise größte digitale Sensation des letzten Jahrzehnts veröffentlichte.

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Quelle: onvista.de

Pokémon Go überholte Twitter, Tinder und auch Facebook in kürzester Zeit in Sachen Daily Active User. Und auch bei der täglichen Nutzungsdauer (rund 33 Minuten pro Spieler und Tag) hat das Spiel die Nase vor allen anderen Plattformen (Facebook kommt auf rund 22, Snapchat auf 18 Minuten).

Und wie eng Nintendos Aktienkurs derzeit von Pokémon Go abhängig ist, zeigte sich erneut, als die Aktie die letzten Tage nach unten schlitterte. Der Grund: Nintendo wollte das Spiel eigentlich bereits in Japan launchen. Doch wegen Bedenken über eine mögliche Serverüberlastung, wie sie auch schon in zahlreichen anderen Regionen aufgetreten ist, verschob der Konzern die Einführung. Dabei ist Japan nicht nur als Nintendos Heimmarkt von symbolischer Bedeutung, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass Japan lange Zeit der wichtigste Markt für Umsätze im Markt für Smartphone-Spiele war, bis China im Vorjahr seinen Nachbarn schlussendlich überholte.

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Quelle: Atlas Charts

Doch das zeigt, wie essenziell Pokémon Go für Nintendos Kurs derzeit ist. Das Monetarisierungspotenzial des Spiels ist unbestritten. So könnten etwa Geschäfte Geld bezahlen wollen, um Pokestops zu werden – die erste Kooperation schloss man bereits mit McDonald’s Japan (noch bevor das Spiel dort veröffentlicht wurde). Zudem wird die Beliebtheit des Spiels den Wert der Pokémon-Franchise in die Höhe treiben – bereits jetzt wurde ein Live-Action-Film für 2017 angekündigt. Und da ist von In-App-Käufen und der Möglichkeit, das Konzept auch auf andere Serien wie Zelda, Donkey Kong oder Super Mario zu übertragen noch gar keine Rede.

Schätzungen gehen von einem Potenzial von rund zwölf Milliarden US-$ pro Jahr an zusätzlichem Umsatz aus. Doch in all dem Hype darf man den Blick auf das Bigger Picture nicht aus den Augen verlieren. Denn sowohl der Umsatz, als auch der Gewinn von Nintendo sind seit dem Höhepunkt 2009 stetig gefallen – und zwar von 18,8 Milliarden US-$ (2009) auf rund 4,5 Milliarden US-$ (2015). Und wenn man sich die Umsätze ansieht, die Nintendo angeblich mit Pokémon Go machte, zeigt sich, dass der Hype sich nur bedingt in Zahlen niederschlägt.

Da war von 14 Millionen US-$ in den ersten vier Tagen die Rede. Doch CNBC schlüsselte auf, wie viel Nintendo davon wirklich bleibt. Denn 30 Prozent davon gehen an die Betreiber der App-Shops, also Apple und Google. Und da Nintendo Pokémon Go nicht selbst entwickelte, bekommt es auch da nur einen Teil. Denn das Spiel entstammt einer Kooperation von Niantic und The Pokémon Company. Wie groß der Anteil von Nintendo an Niantic ist, bleibt unklar; an „The Pokémon Company“ halten die Japaner 32,8 Prozent. Wenn man einen ähnlich großen Anteil an Niantic annimmt, bleiben von den 14 nur noch zwischen drei und vier Millionen US-$ übrig. Für einen Großkonzern sind das Peanuts.

Zudem war Nintendo bisher eigentlich sehr zurückhaltend, wenn es um die „Mobilisierung“ (sprich: den Release auf Smartphones) der hauseigenen Franchises ging. Denn Super Mario und Link sollten nach Nintendos Überlegung lieber auf den eigenen mobilen Geräte wie dem Nintendo 3DS herumspringen, als auf Geräten von Google und Apple. Doch die Verkäufe des 3DS stagnieren – und ein Nachfolgemodell wurde bisher noch nicht präsentiert. Und auch Nintendos Konsole Wii U kann mit der Sony PlayStation 4 und der Xbox One von Microsoft nicht mithalten. Und auch hier: Das Next-Generation-Gerät NX bleibt von Geheimnissen umhüllt (Preis und Design wurden noch nicht veröffentlicht).

Das Potenzial von Pokémon Go ist da – und kann immer weiter ausgebaut werden. Eine Verdoppelung des Aktienkurses eines Unternehmens, bei dem der genaue Anteil an den Umsätzen, die das Spiel erwirtschaftet, noch nicht einmal geklärt ist, ist aber völlig ungerechtfertigt. Noch dazu, da Nintendo seit Jahren mit fallenden Umsätzen und Gewinnen (wenn denn überhaupt welche vorhanden sind, denn 2014 schrieben die Japaner Verluste) kämpfen musste.

Egal ob Pokémon Go dem Hype gerecht werden kann – Nintendos Aktie ist derzeit massiv überbewertet. Und selbst wenn das Spiel sein Potenzial ausnützt, wird das noch einige Zeit dauern. Sollte es jedoch wie ein Strohfeuer ausbrennen, steht bei den Nintendo-Titeln ein massiver Verfall an. Unsere Empfehlung: alle Vorzüge von Pokémon Go nutzen – und Nintendos Aktie shorten (sprich: auf einen fallenden Preis setzen). Idealerweise nach dem Launch in Japan, wenn die Aktie kurzfristig wieder ansteigt – nur, um dann wieder zu fallen. Denn zumindest in der kurzen Frist sollte sich beides auszahlen. Und jetzt muss ich mich entschuldigen, um die Ecke wartet mein 19. Taubsi darauf, gefangen zu werden.

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