Venture Capital-Szene abseits von Speedinvest

Es gibt auch eine Venture-Capital-Szene abseits von Speedinvest. FORBES Austria zeigt Unternehmer, die sich den Start-up-Boom zunutze machen wollen – manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg.

Die Begrüßung ist herzlich und die Stimmung lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass es bei den Partnern von Match Maker Ventures nicht besser laufen könnte. Es wird gescherzt, und während die Kaffeemaschine im Hintergrund laut einen Espresso nach dem anderen raushaut, versuchen Nicolai Schättgen, Gründungspartner, Jörg Zeddies und Jörg Flöck, beide Managing Partner, sich für das Gruppenbild rund um den Stehtisch in Position zu bringen. Dass sich dabei die Farbe von Flöcks Pullover in geradezu bemerkenswerter Weise an jene des Tischläufers anpasst, war – sagt er ein wenig verlegen – so nicht geplant. Vor allem, da das Gespräch mit FORBES Austria in einem Übergangsbüro eines befreundeten Beraters stattgefunden hat und er, Flöck, beim Interieur also kein Mitspracherecht hatte. Manchmal, so scheint es, fügen sich die Dinge einfach wie von selbst.

NÄHE ZU CORPORATE-WELTEN

Ähnlich unkompliziert fanden scheinbar auch Schättgen und seine Partner zueinander. Alle drei haben etliche Jahre Erfahrung in der Corporate-Welt gesammelt: Zeddies zuletzt als A1-Chef in Slowenien; Flöck war, bevor er ab 2012 mit seiner eigenen Beteiligungsgesellschaft in Start-ups (u. a. Wikifolio) investierte, bei Thomson Reuters tätig, und Schättgen selbst war Berater bei Arthur D. Little mit dem Fokus auf Innovation im Hochtechnologiesektor. Schättgen und Zeddies kannten einander von früheren Projekten; Flöck und Schättgen wiederum haben einander auf der Businessplattform LinkedIn „gedatet“. Im heurigen Mai wurde Match Maker Ventures gegründet – als „Schnittstelle zwischen Corporates und Start-ups“ wie Schättgen kurz umschreibt. Und „mit der Hypothese, dass genau an diesem Punkt in beiden Welten viele Reibungsverluste entstehen.“ Das Geschäftsmodell unterscheidet sich aber in vielerlei Hinsicht von anderen, die in dieser Schnittmenge ebenfalls das große Business orten. Das Team bietet sein Know-how jungen Unternehmen und Start-ups an, die bereits finanziert sind – Flöck spricht von ein bis zwei Millionen € –, über bewährte Produkte und erste Kunden verfügen. Flöck: „Es sind Unternehmen, die weiter skalieren müssen. Wir stellen kein Geld auf, sondern versuchen, diese Unternehmen an die Konzernwelt heranzuführen und ihre Produkte dortauchzuintegrieren.“

Match Maker Ventures

Die Dreifaltigkeit in Sachen Human Venture Capital (v. l.): Jörg Flöck, Jörg Zeddies und Gründer Nicolai Schättgen von Match Maker Ventures.

HUMAN VENTURE CAPITAL

Dafür gilt es einerseits, zu verstehen, wonach die Konzerne suchen, also welche Themen die C-Levels umtreiben, und andererseits für die Start- ups, potente Vertriebshebel wiederum durch die enge Vernetzung mit den Corporates in Bewegung zu setzen. Über das Match-Maker-Ventures-Netzwerk – zurzeit sind europaweit zehn Netzwerkpartner tätig, Kontakte ins Silicon Valley und nach Israel seien ebenfalls vorhanden – werden Telekom- und Fintech-Märkte gescreent. Schättgen: „Wir nehmen Start-ups auf, deren Produkte innovativ genug, aber nicht zu innovativ sind, um auch gut vermarktet werden zu können.“ Das Ziel der Match Maker ist, innerhalb von zwölf Monaten Impact zu schaffen. Heißt konkret laut Schättgen: „Wir profitieren erst dann, wenn wir einem Start-up nachweislich einen Konzern als Kunden gebracht haben, der konkreten Umsatz für die Start-ups bringt.“ „Solange das nicht ist, bekommen wir keine müde Mark“, ergänzt Flöck. „Venture Human Capital“ nennt sich dieses Feld offiziell. Aktuell arbeitet Match Maker Ventures für fünf Unternehmen.

Jürgen Marchart, Geschäftsführer des Dachverbands avco (Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation) sieht Human Venture Capital als wachsenden Bereich, sich an Unternehmen zu beteiligen. Allerdings: „Ob sich das durchsetzen wird bleibt abzuwarten“, sagt er. Ob diese Form der Firmenbeteiligung die Folge eines in den letzten Jahren eher brachliegenden Private-Equity- und Venture-Capital-Markts sein könnte, möchte Marchart nicht beantworten, er sagt aber, dass es grundsätzlich erfreulich ist, wenn wieder mehr Bewegung in den Bereich kommt. Dort wurde es nämlich in den vergangenen Jahren zappenduster.

Exits in Österreich

Ausgenommen ist das Jahr 2015. Da hat Branchenprimus Speedinvest mehr geraist als die gesamte Szene in den letzten drei Jahren“, sagt er. Fundraising wie Investmenttätigkeiten haben 2015 also merkbar zugenommen, sagt Marchart, der konkrete Zahlen allerdings erst 2016 nennen kann. Den Blick auf die gegenwärtige Situation im Private-Equity- und Venture-Capital-Bereich gerichtet, sieht Marchart wenig überraschend einen Fokus auf der Frühphasenfinanzierung. „Was interessant ist, weil die Frühphase die riskanteste ist – eigentlich ein Widerspruch zur Zurückhaltung der Investoren“, sagt er. Da es sich dabei aber vorrangig um Privatpersonen handle und nicht um institutionelle Investoren, ist wohl die Risikogläubigkeit größer, grinst er.

TRADITIONEN WIEDERBELEBEN

Just auf institutionelle Investoren setzen hingegen die Partner von Venionaire Capital. Nicht ohne Grund, gelten doch institutionelle Investoren – Versicherungen, Banken, Pensionskassen – zur traditionellsten Investorengruppe, die allerdings im Zuge der Banken- und Finanzkrise im ohnedies schon kleinen Markt Österreich komplett zum Erliegen kam. Von 2007 auf 2008, sagt Jürgen Marchart, seien fast alle Banken in Sachen „Neu-Commitments“ als Investoren weggebrochen – in der Vergangenheit waren das 60 Prozent des gesamten Kuchens. Aber auch wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie steuertransparentere Strukturen die Risiko-Rendite-Profile für institutionelle Investoren attraktiver machen könnten, als sie sich heute noch darstellen, tut sich was: Zu Sommerbeginn ließ Venionaire Capital mit der Meldung aufhorchen, einen 100-Millionen-€-Fonds auflegen zu wollen. „Wir waren damals sehr guter Dinge, weil wir mündlich starke Zusagen hatten“, sagt Berthold Baurek-Karlic, Managing Partner und CEO, „die sind uns aber leider entfleucht“, gibt er nüchtern zu. Man sei zwar nach wie vor dran, das First Closing auf den Weg zu bringen, mache aber bis dahin – also bis zur Unterschrift bzw. Überweisung des Geldes – keine euphorischen Luftsprünge mehr.

Venionaire Capital

Misserfolge spornen an: Im Sommer bezogen Berthold Baurek-Karlic (li.) und Martin Steininger von Venionaire Capital samt Team ihr neues Büro mit Blick auf den Uniqa Tower. Der Rückschlag durch ein nicht erfolgtes Closing eines 100-Mio.-€-Fonds Anfang des Sommers wurde kurzerhand durch die Plattform landingzone.at und die Neugründung DealScreening kompensiert.

Besonders in sprunghaften Märkten wird deutlich, dass der Investitionswille durch Organisationsstruktur, Größenordnung und schwierige Entscheidungsfindung gebremst wird. Bei Investments zwischen fünf und 30 Millionen € pro Investor hinterlasse ein Rückzieher dann schlicht eine entsprechende Lücke. „Das passiert halt auch“, merkt Martin Steiniger, Venionaire-Capital-Partner, lakonisch an.

AUGEN ZU UND DURCH

Ganz nach dem Motto „keine Zeit, zu jammern“ holte das Unternehmen alsbald zu nächsten Service-Schlägen aus. „Wir sind dem Ruf aus dem Markt gefolgt“, sagt Baurek-Karlic. Zum einen wurde die virtuelle Brücke „landingzone.at“ gelauncht. Über ein monatliches, durchaus überschaubares Entgelt können junge Unternehmen und auch KMU aus Österreich auf das Wissen und die Erfahrung eines Netzwerkpartners im Silicon Valley verfügen; im konkreten Fall Florian Brody, Miterfinder des E-Books und seit 25 Jahren im und rund um das Valley tätig. Zum anderen wurde „dealscreening.com“ gegründet und Anfang November beim Web-Summit in Dublin vorgestellt. Über einen standardisierten Prozess können sich Unternehmen auf der Plattform bewerben und werden in die Datenbank aufgenommen. Durch einen Fragenkatalog kann so – sowohl für Investoren als auch die gepoolten Unternehmen selbst – direkte Vergleichbarkeit hergestellt werden. Statistiken und Kommunikationsprotokolle werden ebenfalls automatisch erfasst.

All das trage zu einer Investmentkultur bei, die Österreich letzten Endes als attraktiven Wirtschaftsstandort erhalten soll, sind die Venionaire-Capital-Partner überzeugt. Steininger: „Es ist eine entscheidende Zeit für die größte industrielle Revolution, die die Welt je gesehen hat. Dafür ist es wichtig, eine Investmentkultur zu etablieren, um sich die notwendige finanzielle Firepower zu holen. Kommt dieser Finanzierungsboom über große Unternehmen, Privatstiftungen oder sehr vermögende Individuen nicht, wird das einer der größten Wettbewerbsnachteile sein, den sich Österreich – salopp gesagt – eingetreten hat.

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