Open Source Wunder

Max Stoiber ist ein Ausnahmetalent. Ohne fachliche Ausbildung programmiert er mit den Besten der Welt an Open-Source-Software. Sein eigenes Projekt ist schon längst in der Programmierer-Community angekommen. Würde er es darauf anlegen, könnte er wahrscheinlich bei Facebook arbeiten. Er macht aber lieber sein eigenes Ding.

Max Stoibers Wohnadresse ist ziemlich mondän: die Wiener Hofburg. „Sechs Jahre muss man in etwa warten, bis man eine von diesen Wohnungen bekommt“, erzählt der 19-Jährige, als wir ihn im Herzen des ersten Wiener Bezirks besuchen. Seit zwei Jahren wohnt er nun schon hier. Dass er sich nicht selbst auf diese Warteliste gesetzt hat, sondern vielmehr seine Eltern das für ihn getan haben, liegt nahe. Vor sechs Jahren nämlich war Max gerade einmal 13 – und die schöne Wohnung sicher noch kein Thema. So ungewöhnlich wie die Wohnadresse ist auch sein, wenngleich kurzer, beruflicher Werdegang. „Ich habe in der Unterstufe eine Klasse übersprungen, weil ich zwischen vier und fünf Jahren schon rechnen, schreiben und lesen konnte. Mit fünf bin ich dann einmal in der Woche in die erste Klasse gegangen, damit ich nicht komplett aus meinem sozialen Verband rausgerissen werde. Mit sechs habe ich dann mit der zweiten Klasse begonnen und bin voll eingestiegen“, erzählt er.

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FOTO: DAVID VISNJIC

Stoibers Schulzeit war für seine Eltern – der Vater bei einer Bank tätig, die Mutter Ärztin – bestimmt herausfordernd. „Die Schule war sehr leicht für mich, ich habe aber nie wirklich viel dafür getan. In der vierten Klasse Unterstufe hatte ich nur Vierer, das hatte sich schon während des Schuljahres abgezeichnet. Ich habe nur das Minimum an Aufwand hineingesteckt, weil die normale Schule langweilig war. Damals war ich im Wiedner Gymnasium – im selben Gebäude ist die Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte. Ich habe mich zur Aufnahmeprüfung angemeldet, weil sie während unserer Mathematikstunde stattgefunden hat. Mathe habe ich gehasst.“ Stoibers Eltern dürften im ersten Anlauf von dieser Aktion nicht sehr begeistert gewesen sein. „Meine Eltern haben nicht gedacht, dass ich diese Aufnahmeprüfung schaffen werde, wegen meiner schlechten Noten. Mein Vater ging dann mit mir zur Besprechung des Aufnahmetests.“ Die beiden sollten danach mehr als eine bloße Zusage für ihren Sohn erhalten. „Die Dame meinte, sie hätten mich überaus gerne an ihrer Schule. Mein Vater war total konsterniert und konnte das im ersten Moment gar nicht glauben.“

Das modulare Unterrichtssystem zur freien Zusammenstellung – abgesehen von den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch – harmonierte besser mit Stoibers Persönlichkeit. „Wenn mich Sachen nicht interessieren, dann mache ich sie einfach nicht. Das habe ich in meiner Schullaufbahn gelernt. Dafür mache ich jene Dinge, die mich interessieren, mit all meiner Kraft und Leidenschaft.“ Im Falle Stoibers war das vor allem Chemie. „Das hat mich wahnsinnig interessiert. Mikrochemie, organische Chemie.“ Wie aber kam er zum Programmieren, wollen wir wissen, dem Bereich, mit dem er heute seinen Lebensunterhalt bestreitet? „Computer haben mich auch immer interessiert. An der Schule hatten wir auch Informatik. Ich musste eine vorwissenschaftliche Arbeit schreiben und habe, ich weiß wirklich nicht mehr, wieso, Netzwerkprotokolle als Thema gewählt. Zwar ging es darum, wie das Internet funktioniert, aber trotzdem: Es war das langweiligste Thema überhaupt und es gab massenhaft Literatur dazu. Danach dachte ich, gut, wenn ich nun schon weiß, wie das Internet funktioniert, sollte ich auch etwas damit machen, und so begann ich mit der Entwicklung von Websites“, Front-End-Development also. Diesem Bereich ist Stoiber bis heute, zwei Jahre, nachdem der 19-Jährige maturiert hat, treu geblieben. „Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört, Websites zu machen.“

Dabei geht es dem jungen Developer vor allem ums Gestalten. „Front-End-Development hat einen starken visuellen Aspekt. Das gefällt mir.“ Und so wühlt sich Stoiber auf der Suche nach einer besonders guten Site täglich neugierig stundenlang durchs Web. Die Frage nach der für ihn besten Website bleibt unbeantwortet – er kennt zu viele. „Ich könnte Tausende Websites aufzählen, die gut oder schlecht sind“, holt er aus. „ Meine eigene Website kann ich schwierig beurteilen. Nach mittlerweile zwei Jahren kontinuierlichen Neugestaltens finde ich sie aber ganz okay.“

Gleichaltrige haben wohl eher einen Snapchat-, Instagram- oder Facebook-Account als digitale Repräsentationsfläche gewählt. Stoiber agiert in diesem Fall als Front- End-Developer voll in seiner Rolle. Für ihn sind die Programmiersprachen HTML, CSS und JavaScript kein Problem. Und: Er hat sie sich alle selbst beigebracht. Gepaart mit dieser Neigung zur Autodidaktik ergaben sich aus dieser zufälligen schulischen Erstbegegnung mit dem Netz seine ersten Schritte als Freelancer – für die Familie und den Freundeskreis. „Wenn etwas nicht funktioniert hat, habe ich die Lösung in Online-Tutorials gesucht. Das mache ich auch heute noch so. Die meisten Programmierer machen das.“ Seine zweite berufliche Episode, die als Open-Source-Software-Developer, ergab sich auch aus einem weiteren Zufall: „Als ich begonnen habe, Apps zu bauen, habe ich schnell bemerkt, dass ich verschiedene Tools dafür brauche, die ich an die unterschiedlichen Anforderungen der App immer wieder neu anpassen musste. Um bei dieser Arbeit nicht immer wieder bei null beginnen zu müssen, habe ich diese Konfiguration im ersten Schritt gespeichert und im zweiten, um sie vor Computercrashes und Ähnlichem zu sichern, auf die Plattform Github hochgeladen – und seither daran weitergeschraubt.“

Das Projekt nannte Stoiber „React Boilerplate“ und es funktioniert so, dass Developer dieses Tool zur Konfiguration anderer Tools nur mehr herunterladen müssen, um direkt mit der App-Entwicklung loslegen zu können – so wie es Stoiber für sich selbst im Sinn hatte. Bei der Developer-Community kam das sehr gut an. „Als ich eines Morgens aufstand und auf mein Handy schaute – das war im Dezember 2015, da war ich gerade Ski fahren –, hatte ich 500 statt 50 Sterne auf Github. Was hieß, dass mein Projekt über Nacht unter den Top Zehntausend von Millionen von Softwareprojekten gelandet war. Ich war überrascht. Es stellte sich heraus, dass eine Apple-Developerin es auf Twitter gepostet hatte und es daraufhin auf Hackernews, einer anderen Developer-Plattform, landete. Dort stand es lange weit oben.“

Bis heute hat Stoibers Projekt 11.000 Sterne, also Likes, auf Github und rund 150 weitere Entwickler haben daran gearbeitet. Die Software steht auf Platz 30 – von Millionen an Software-Projekten die man frei verwenden kann. Nicht nur unter Entwicklern ist Github  sehr beliebt. Seit der ersten Finanzierungsrunde 2012 haben die Githubs Gründer mit ihrer Idee – unter anderen durch namhafte Risikokapitalgeber wie Andreessen Horowitz – beachtliche 350 Millionen US-$ eingesammelt. Das Geheimnis für ihren Erfolg heißt unter anderem Open-Source-Software. „Open“ bedeutet jeder kann sie verwenden und auch adaptieren. So müssen Entwickler neuer Anwendungen nicht immer von Null beginnen, sondern können auf einen Stamm bewährter Software zurückgreifen und so Zeit sparen. Eine wertvolle Ressource in der schnelllebigen Welt der technologielastigen Start-ups. Projekte bereitstellen kann jeder, der Nutzen entsteht dadurch, dass die Software durch die freie Verfügbarkeit häufiger angewendet und ergo weiterentwickelt wird, was sie in der Regel wiederum immer besser macht.

„React Boilerplate“ etwa steht under der „MIT“-Lizenz: der Bereitsteller ist rechtlich abgesichert und  egal für welchen Anwendungsfall, es fallen keine Gebühren für Anwendende an. „Es gibt fünf bis zehn Leute, die immer wieder an React Boilerplate mitarbeiten und es ständig mit weiterentwickeln. Das funktioniert sehr gut.“ Die Developer-Welt trifft sich online, in bereits erwähnten Foren, Plattformen oder eben auf Twitter. Einige seiner Open-Source-Kollegen konnte Stoiber aber persönlich kennenlernen, als er auf einer der größten Messen für Developer in Europa, der „ReactEurope“, als Speaker antrat. Die Welt der Open-Source-Software hat wie die der Developer-Szene generell eine eigene Dynamik. „Ich dachte, wenn ich diese Tools für mich gebaut habe und es aber auch für andere Developer damit einfacher wird, Seiten zu bauen, kann ich die Software ja für andere zur Verfügung stellen. Es kos- tet mich ja nichts.“ Keine Spur von Futterneid. Dennoch ist in Sachen Open-Source-Software nicht immer alles eitel Wonne. „Einerseits lernt man sehr viel dadurch, dass man auf Fehler in seinem Projekt aufmerksam gemacht wird und mit sehr vielen irrsinnig guten Programmierern in Kontakt ist. Es ist aber – auf einem persönlichen Level – auch anstrengend, weil man dauernd nur Kritik bekommt und selten Lob. Am Anfang war das hart, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.“

Wenn man aber kein Geld für die Software bekommt, wovon lebt man dann eigentlich? Ein beliebtes Modell nach amerikanischem Vorbild sind Unternehmen im IT-Bereich, die Developer dafür bezahlen, an Software zu arbeiten. Modernes Mäzenatentum sozusagen. Das bringt diesen „Mäze- nen“ wiederum Imagepunkte in der so heiß begehrten Developer-Com- munity. „Im Februar dieses Jahres habe ich Jed Watson von der Soft- warefirma Thinkmill getroffen, als ich in San Francisco war.“ Das australi- sche Softwareunternehmen Thinkmill verwendet nicht nur Open-Source- Software, sondern investiert auch in sie. Unter anderem über Developer wie Stoiber. „Ich bin jetzt bei ihnen angestellt, um an ihren Open-Source-Projekten zu arbeiten.“

Als Programmierer könnte er bestimmt bei IT-Riesen wie Facebook viel mehr verdienen. „Kommerziell zu coden interessiert mich nicht. Ich dachte immer, ich lande einmal bei Facebook. Ich kenne auch viele Programmierer dort, wahr- scheinlich könnte ich auch ein Interview bekommen. Aber es interessiert mich nicht. Man macht als einer von vielen unspannende Sachen, man kann nichts verändern.“ Der Gestaltungswille zieht sich durch

Diese Geschichte ist in unserer November Ausgabe erschienen. Forbes ist in Österreichs Trafiken oder online erhältlich unter abo.forbes.at

FOTOS: DAVID VISNJIC

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