Gutmenschen-Innovationen

Nächstenliebe und Nachhaltigkeit sind Themen, die mit Wirtschaftlichkeit nicht unbedingt verwandt sind. Diese drei jungen Start-ups sind am besten Weg, mit guten Absichten gutes Geld zu verdienen.

Kennen Sie Ihre Nachbarn persönlich? Im urbanen Raum verschwinden Menschen nicht selten in der Blase der Anonymisierung – sie leben auf engstem Raum zusammen, aber sind dennoch voneinander isoliert, da die Hürde des ersten Kennenlernens oftmals nicht überwunden wird. „Jeder kann dazu beitragen, dass Probleme wie Isolation und Segregation von Menschen in Ballungsräumen bekämpft werden“, sagt Stefan Theißbacher, Gründer des sozialen Nachbarnetzwerks FragNebenan.

Für ihn können sich aus einem besseren Miteinander positive Effekte für alle Generationen ergeben. „Man kriegt einerseits die Diversität der Stadt besser mit und andererseits können jüngere Leute, die mobiler sind, die älteren Mitbürger bei verschiedenen Herausforderungen des Alltags unterstützen und umgekehrt. Wenn ich ein kleines Kind habe, ist es beruhigend, zu wissen, dass im Haus jemand wohnt, der zur Not kurz aufpassen kann“, erzählt Theißbacher. Er sieht seine Plattform als Infrastruktur, um mehr Kontakt zu den Nachbarn aufzubauen. „Soziale Kontrolle wird oft nur negativ gesehen, aber im Rahmen häuslicher Gewalt sind es meist die Nachbarn, die darauf hinweisen, dass es Probleme gibt“, sagt er. Fälle wie diese sollen jedoch eine Ausnahme bleiben. Vielmehr geht es bei FragNebenan darum, dass Menschen sich ihren Alltag gegenseitig leichter machen, Nutzgegenstände verborgen, kleinere Gefallen tun oder Empfehlungen für Professionisten in der Umgebung abgeben. „Viele suchen auch hungrige Mäuler, wenn sie zu viel gekocht haben, oder geben Lebensmittel ab, die vor dem Urlaub nicht mehr aufgegessen werden können“, so der Jungunternehmer. In den vergangenen zwei Jahren sind die Userzahlen der Plattform rasant in die Höhe gegangen und auch erste Investorengelder konnte er mit seinem Team bereits einsammeln.

Mit Lebensmitteln und deren gewissenhafter Rettung beschäftigt sich auch das 2016 gegründete Startup „Markthelden“. Um die Verschwendung von Waren zu vermeiden, deren Mindesthaltbarkeitsdatum zwar erst bevorsteht, für den Handel jedoch nicht mehr lange genug, bieten sie diese auf ihrer neuen Plattform zum reduzierten Preis an. „Ich selbst und drei meiner Mitgründer haben zuvor im Lebensmittelhandel gearbeitet und das Problem der Lebensmittelverschwendung hautnah erlebt. Jährlich landen Waren im Wert von Hunderttausenden Euros auf dem Müll. Wir haben ein Rezept dagegen gesucht und gefunden“, sagt Robert Riedmüller, der in Österreich erstmals Restposten für den Endkunden anbieten kann und damit nachhaltig wirtschaftet.

NACHBARN ZUM ANFASSEN

Ich habe es immer als sehr seltsam empfunden, mit Leuten unter einem Dach zu wohnen und sie überhaupt nicht zu kennen“, sagt Stefan Theißbacher. Um Nachbarn die erste Hürde zu nehmen, entwickelte er eine Onlineplattform, die es Menschen leicht macht, miteinander in Kontakt zu treten. „Jeder kann sich unverbindlich anmelden und einmal schauen, was in seinem Umkreis los ist“, erklärt der Gründer. Wenn einer der mittlerweile rund 44.500 User ein Problem hat, postet er dieses auf die Plattform und die Nachbarn werden per Email über das Gesuch informiert. Meist geht es um klassische Themen wie die Bitte um Unterstützung beim Einkaufen, die Organisation von Treff en oder um Empfehlung von Ärzten, Handwerkern oder Geschäften. „Zudem ergibt sich dadurch automatisch eine Sharing Economy, da viele Dinge, die man selbst nicht besitzt, bestimmt in der Nachbarschaft verborgt werden können“, erklärt FragNebenan Geschäftsführer Theißbacher. Das amerikanische Pendant „Nextdoor“, ein richtiges Silicon ValleyStartup, besteht seit 2010 und wurde aktuell mit über einer Milliarde US-$ bewertet.

Team_1_von_MartinPabis

Ein Viertel der Menschen, die die Plattform nutzen, ist über 50 Jahre alt. „Bei uns finden sie schon mit dem Anmelden ein Netzwerk vor und müssen es nicht selbst aufbauen“, sagt Theißbacher. Die nächste Herausforderung für ihn und sein Team ist das Finden eines lukrativen Bezahlmodells da die Nutzung der Plattform für die Nachbarn jedenfalls gratis bleiben soll. „Für Akteure wie Haus- oder Stadtverwaltungen sowie Kulturvereine und Organisationen ist mit FragNebenan Targeting bis auf Häuserebene möglich. Und dafür sollen sie auch etwas bezahlen.

RETTUNG VOR DEM MÜLL

Die Markthelden wollen mit ihrem Onlinemarktplatz die Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren, einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen fördern und lösen damit das bisher unlösbare Problem der Lebensmittelrestposten.

Hersteller haben öfters das Problem, dass bereits produzierte Waren aus unterschiedlichsten Gründen über die herkömmlichen Vertriebskanäle nicht mehr verkauft werden können. Sie sind immer wieder mal mit dem Fall konfrontiert, Waren auf Lager zu haben, die Gefahr laufen, das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) zu überschreiten, und aus diesem Grund nicht mehr in den Handel kommen dürfen. „Drei aus unserem Gründerteam haben zuvor in der Nahrungsmittelindustrie gearbeitet und dort das Problem der Lebensmittelverschwendung hautnah miterlebt“ erzählt Geschäftsführer Robert Riedmüller.

Foto: Alexander Müller - www.alexander-mueller.at

Ihm ist es ein Anliegen, Restposten aus der Ramsch ecke zu holen und ihnen eine zweite Chance zu geben. „Es war uns schlichtweg ein Dorn im Auge, zu sehen, dass qualitativ hochwertige Produkte am Ende des Tages im Mülleimer landen. Da wir wissen, wie ressourcenintensiv Lebensmittel produziert werden, war es noch ein Grund mehr, eine Lösung zu finden.“ Mit ihrer Onlineplattform, die im Oktober 2016 live gegangen ist, sind sie das erste FoodieStartup, das Endkunden die Möglichkeit bietet,

Produkte zu kaufen, die preisreduziert sind und ansonsten nie im regulären Supermarkt verfügbar gewesen wären. Aktuell kann man auf markthelden.at 45 verschiedene Artikel bestellen. „Das Sortiment wird in den kommenden Wochen stark wachsen und auch Waschmittel und Hygieneprodukte umfassen“, erzählt Riedmüller, der seine Neugründung auch als Social-Startup versteht. Bisher sind die Markthelden eigenfinanziert und von der Wirtschaftsagentur Wien mit einer schönen Summe gefördert worden. „Jetzt sind wir auf der Suche nach Investoren und überlegen, gleichzeitig unser Projekt über eine CrowdinvestingPlattform laufen zu lassen“, erklärt der Gründer.

Die Markthelden arbeiten auch mit der Organisation Zero Waste Austria zusammen und beziehen aktuell Produkte von Marken wie Nestlé, Julius Meinl, Mautner Markhof, Maresi oder Felix. „Wir sind ein ganz normaler Händler, der einkauft, verkauft und von der Marge lebt“, erklärt Riedmüller, der sich aktuell mit passenden Logistiklösungen auseinandersetzt. „Diesen Bereich müssen wir unbedingt outsourcen. Man glaubt gar nicht, wie aufwendig es ist, aus 15 Artikeln ein Paket zu packen.“

WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN?

Das Gute liegt so nah, denn die Wiener Internetplattform „Neighbours.HELP“ will Nachbarn vernetzen, die Hilfe beim Fliesenverlegen, beim Einbauen einer Hi-Fi-Anlage oder beim Lernen brauchen.

Noch ist die vier Monate alte Community und Sharing-Plattform Neighbours für Gründer Patrick Schranz ein Hobby, das sich zum zweiten Standbein entwickeln könnte. „Die Idee dazu hatte ich im Rahmen einer Lehrveranstaltung auf der WU“, erzählt er. „Ich bin geborener Südburgenländer, und wenn man auf dem Land jemanden zum Gassigehen, Übersiedeln, als Putzhilfe oder für kleinere handwerkliche Tätigkeiten braucht, dann bekommt man meist Unterstützung aus der Nachbarschaft.

neighbours.HELP
neighbours.HELP

Als ich dann nach Wien gekommen bin, bin ich in der Anonymität der Großstadt immer wieder auf Situationen gestoßen, wo es gut gewesen wäre, jemanden zu haben, der sich auskennt und eine Hilfestellung an anbieten kann“, erklärt Schranz. User können auf der brandneuen Plattform in neun verschiedenen Kategorien Suchanfragen stellen und jene Nutzer, die in ihrem Profil angegeben haben, dass sie genau das können bzw. anbieten, werden per Email über das Gesuch verständigt. Ob die Dienstleistung bzw. Hilfestellung bezahlt oder mit einer Gegenleistung abgegolten werden soll, bleibt den Anbietern überlassen. Auch die Daten der User werden erst dann ausgetauscht, wenn es ein passendes Match aus Angebot und Nachfrage gibt. „Im Moment ist das Projekt für mich eine Art Liebhaberei. Als Onlineplattform hat man den Vorteil, dass man keine hohen Anschaffungskosten hat. Zudem gibt es auf der Plattform eine Werbefläche, mit deren Einnahmen wir die laufenden Kosten decken“, erklärt Schranz.

Auch mit dem Thema Schwarzarbeit bzw. Pfusch mussten sich die Gründer von Neighbours.HELP bereits auseinandersetzen, denn die Grenze zwischen Nachbarschaftshilfe und Schwarzarbeit ist schmal. „Es gibt auf der Internetseite Informationsblätter, und Schwarzarbeit ist es nur dann, wenn es ein Anbieter nicht versteuert. Wir sind eine reine Vermittlungsplattform, die die Menschen zusammenführt. Es sind nicht nur Privatleute auf unserer Seite, sondern auch viele, die das gewerblich im kleinen Stil machen“, erklärt er.

Diese Geschichte ist in unserer Dezember-Ausgabe erschienen. 

print