Ein Start-up zu gründen ist cool, pleitezugehen hingegen gar nicht. Immer mehr junge Unternehmen rutschen in die Insolvenz. Oft passieren schon bei der Gründung Fehler, denn Konkursszenarien sind Mangelware. Das liegt hierzulande auch an einer fehlenden Kultur des Scheiterns.

Er steckt ein letztes Mal den Schlüssel in das Schloss, dreht um, schaut auf das leere Gebäude­innere und geht. Keine Mitarbeiter mehr vorhanden, keine Kunden, keine Lieferanten. Am Ende ist alles irgendwie leer. „Ich bin ein sehr belastbarer Mensch. Aber das hat mich schon ins Wanken gebracht“, sagt Franz Seher rückblickend. Mit „das“ meint er den Konkurs seines Start-ups holis market, eines verpackungsfreien Bio-Supermarktladens in Linz. In weniger als zwölf Monaten ging das Unternehmen pleite, was bleibt, ist ein Schuldenberg von 550.000 Euro, 54 Gläubiger, die auf ihre Quote warten, und fünfstellige private Verluste der Geschäftsführung.  

Es geht einfach nur ums Überleben. Am Ende des Tages zählt auch Glück.

Ein halbes Jahr nach Konkurs­eröffnung wirkt der gelernte Software­entwickler Seher nicht verbittert. „Das Thema ist für mich abgeschlossen. Ob wir gescheitert sind?“ Er macht eine Pause. „Inhaltlich nicht, weil viele Ideen umgesetzt wurden. Aber am Personal, an der Personalführung; daran, dass wir beim Netzwerken nicht gut waren, am Standort; daran, dass wir zu sehr auf Experten vertraut haben“, zeigt sich der 33-jährige Klagenfurter selbstkritisch. Seine Geschichte zeigt eine realistische Kehrseite um den Start-up-Hype auf. Denn ­Storys vom Scheitern werden lieber unter den Teppich gekehrt – oder mittels „Fuck-up-Night“ künstlich hochstilisiert. Gründen steht im Gegensatz dazu nach wie vor hoch im Kurs: Erst kürzlich pumpte die Politik ein 185-Millionen-Euro-Paket in die Start-up-Landschaft. So gibt es etwa eine neue Risikokapitalprämie für Investoren und einen digitalen One-Stop-Shop für Gründer. Die Analyse von holis-Gründer Seher fällt jedenfalls ernüchternd aus: „Start-ups sind generell riskant. Wie viele schaffen es schon, zehn Jahre zu bestehen? Eins von Tausend.“

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Dabei hat alles recht vielversprechend begonnen. Im Frühjahr 2015 entwickelte man mit einem sechsköpfigen Kernteam ein Konzept zu holis market. Ein hippes Mittelding zwischen „Greißler und Supermarkt“ wollte man sein, „für den besseren Mittelstand – on- wie offline“, erklärt Seher die Zielgruppenanalyse. Die ­Finanzierung ließ sich mit mehr als ­einer halben Million Euro sehen:

So lukrierte man etwa über Crowdfunding und -investing fast 200.000 Euro (unter anderem Green Rocket) sowie rund 200.000 Euro an öff­ent­lichen Förderungen. Privates Vermögen wurde ebenso hineingepumpt. Nachdem Seher und Gerald Ninaus im März 2015 die holis market GmbH aus der Taufe hoben, wurde die Geschäftsidee auf ein festes Fundament gestellt: Der Lebensmittelladen und die Küche wurden eingerichtet, zwölf Mitarbeiter angestellt, Ernährungsberatungen und Lieferservice geplant. Man war so weit startklar.

„Die Eröffnung im September 2015 war der Höhepunkt. Aber wir haben schon nach einigen Wochen gewusst, dass wir die Kosten reduzieren müssen“, sagt Seher. Wie kann es sein, dass ein Start-up schon zu Beginn leiser treten muss? „Zwei Wochen später ist uns der wichtigste strategische Partner abgesprungen, auch danach ist alles schiefgelaufen – bis zum Ende“, bilanziert er. Der Kärntner ist weder ein Schwarzmaler noch einer, der die Schuld auf andere Menschen schiebt.  „Der Investor war eine große Lebensmittelfirma, die pleitegegangen ist. Wir hatten sehr konkretes Interesse an einem Investment. Wir hätten uns dadurch Einkaufsvorteile, Netzwerke und Know-how erhofft.“ Der Grundstein für ein nachhaltiges Wachstum brach aber weg.


Es ist nicht nur dieser Punkt, sondern auch viele andere, die folgenden Schluss zulassen: Der Businessplan ist nicht wie von den Gründern erhofft eingetreten. Seher erzählt von nicht geeignetem Personal im Verkauf und der Küche. Schnell habe es Gruppenbildungen gegeben; diese zu kitten, sei nur schwer möglich gewesen, insgesamt wurde fast ein Dutzend Kündigungen ausgesprochen: „Das ist für ein kleines Start-up schwer zu verkraften.“ Doch nicht nur intern gab es Probleme, auch von außen haben sich die Gründer mehr erwartet: „Du kannst im Geschäftsaufbau nicht alles bedenken. Wir haben uns zu sehr auf Experten verlassen. Das habe ich gelernt“, sagt Seher.

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Der gelernte Softwareentwickler (33) gründete gemeinsam mit Gerald Ninaus im März 2015 den holis market, einen verpackungsfreien Bio-Supermarktshop in Linz. Als Investor und Mentor war auch der Schokoladenhersteller Josef Zotter an Bord. Doch bereits kurz nach der Eröffnung im September 2015 mussten die Gründer die Kosten reduzieren, als Grund nennt Seher ein nicht zustande gekommenes Investment. Hohe Personalkosten verschärften die Kostenspirale weiter. Am Ende stand die Insolvenz mit Passiva von 550.000 Euro.

Bei der Gründung wurden etwa verschiedene Liquiditätsszenarien aufgesetzt, den Worst Case mit der Insolvenz hatte man aber nicht eingeplant.
„Wir hätten vieles vermeiden können, was uns jetzt im Konkurs finanziell privat trifft“, sagt Seher. Dabei ist gerade dieser Punkt für Experten besonders wichtig: „Bei der Gründung gehen alle vom Erfolg des Start-ups aus. Die Möglichkeit des Misserfolgs wird auch aus emotionalen Gründen vernachlässigt. Man will sich damit gar nicht auseinandersetzen“, sagt Wendelin Ettmayer, Gesellschaftsrechtsexperte bei Baker McKenzie, der viele Start-ups aus dem digitalen Bereich berät. Einen Plan A oder B sollte man in der Tasche haben. Für den Rechtsanwalt sind gerade die ersten Jahre die schwierigsten für ein Start-up. Zu schnell stelle sich die Frage nach der Finanzierung, welche in Österreich nach wie vor schwer sei – trotz „der vielen Shows und dem Versuch, das Seedfunding zu beleben“. Laut Wolfgang Deutschmann, Geschäftsführer der Crowdfunding-Plattform Green Rocket, sollten Jungunternehmen nicht nur bei Gründung Wert auf ihre Liquiditätsplanung legen, sondern auch fortlaufend: „Das Liquiditätspolster sollte dabei in einer adäquaten Größe zum Unternehmen stehen – gerade wenn erste Mitarbeiter eingestellt werden.“  

Bei holis market begann sich die Kostenspirale immer schneller zu drehen. Erwirtschaftete man im Geschäftsjahr von September 2015 bis August 2016 einen Umsatz von 700.000 Euro, lag man trotzdem um rund 15 Prozent daneben. Die laufenden Kosten – vor allem für das Personal – wurden relativ genau getroffen. Die Investitionskosten für den Standort waren aber höher als erwartet: „Wir waren im Minus, es gab keinen Gewinn“, sagt Seher. Die Kundenströme blieben über den gesamten Zeitraum mit 120 pro Tag relativ stabil, einkalkuliert waren dennoch 150.

„Die Stimmung ist nicht besser geworden. Wir waren jeden Tag Trouble­shooter. Sechs Monate nach Eröffnung bin ich ins erste Burn-­out geschlittert“, erinnert sich Seher. Im Frühjahr 2016 blieb somit nur mehr ein letzter Ausweg: die Insolvenz. Kein leichter Schritt, war man doch bis zuletzt von der Gründungsidee überzeugt, und kämpfte um den Fortbestand: „Wir haben weiter versucht, einen Investor zu finden. Du machst dir einen Termin aus, aber es kommt nichts raus. Die Entscheidung, es zu beenden, hat uns aber erleichtert. Das Insolvenzverfahren wurde Mitte August 2016 offiziell eröffnet, dafür mussten zumindest 4.500 Euro vorhanden sein. Nun hatte ein Insolvenzverwalter das Sagen über die Insolvenzmasse, also das Unternehmen und Vermögen. Insgesamt 54 Gläubiger, darunter Lebensmittellieferanten und Dienstnehmer werden bis Sommer eine Quote von 4,1 Prozent erhalten, dann soll das Verfahren abgeschlossen sein. Die Crowdfunding-Investoren bekommen nichts: Sie halten „nachrangige Darlehen“ und kommen damit nach den anderen Gläubigern.

Der Grund für die Insolvenz der holis market GmbH ist eine Überschuldung, das heißt, dass die Verbindlichkeiten höher als das Vermögen sind und keine positive Fortbestehensprognose besteht: Sämtliche fällig werdenden Verbindlichkeiten könnten schlicht bis Ende des nächsten Geschäftsjahres nicht bezahlt werden. Zu Beginn des Verfahrens standen 315.000 Euro an Passiva Aktiva von 220.000 Euro gegenüber. „Als allerletzten Ausweg bei einer negativen Fortbestehensprognose brauche ich einen Investor. Das ist ein Hoch­risikogeschäft und habe ich deshalb bei Start-ups noch nicht gesehen“, sagt Gesellschaftsrechtsexperte Ettmayer. Aber ab wann sollten überhaupt die Alarmglocken schrillen, ob man insolvent ist? „Der Gesetzgeber geht von einer Krise aus, wenn weniger als acht Prozent Eigenkapitalquote und eine fiktive Schuldentilgungsdauer von mehr als 15 Jahren vorhanden sind. Das ist der Zeitpunkt, wo ich dokumentieren sollte, ob ich insolvenzrechtlich überschuldet bin oder nicht“, erklärt Ettmayer.

photo02Bei holis market war relativ rasch klar, dass das Unternehmen seine Pforten schließen muss, also ein Konkurs notwendig ist. Das Unternehmen wurde um 50.000 Euro samt Einrichtung und Marke nach Wien verkauft. Dort soll nun ein neuer holis-Shop eröffnen. „Dann besteht wenigstens die Marke weiter“, sagt Seher knapp. Dabei fußt das heimische Insolvenzrecht eigentlich auf dem Gedanken der Sanierung und damit dem Weiterbetrieb des Unternehmens. Rechtsanwalt Ettmayer erklärt die verschiedenen Varianten: „Eine Möglichkeit ist, ich saniere und führe fort. Die zweite Option ist, dass ich mit dem Unternehmen in die Insolvenz gehe und daneben ein zweites Unternehmen mit adaptiertem Konzept und neuem Businessplan gründe. Die dritte ist, dass ich in Konkurs gehe.“ Für die Sanierung ist Voraussetzung, dass ein geordnetes Rechnungswesen besteht und der Schuldner einen Sanierungsplan vorlegt, den die Gläubiger und das Gericht absegnen müssen.

Dass österreichische Start-ups in die Pleite schlittern, ist keine Seltenheit mehr. Ein Auszug: 2013 scheiterte das Fashion-Start-up Lookk, 2015 ging Woodero, das Holz-Schutzhüllen für Smartphones herstellte, bankrott, vergangenes Jahr das Wiener Start-up meinkauf. Eine eigene Statistik, wie viele Start-ups insolvent werden oder sich auflösen, gibt es nicht. Fest steht aber, dass diese mit jährlich 1,5 bis drei Prozent nach wie vor einen geringen Anteil der Unternehmensneugründungen ausmachen. In absoluten Zahlen sind das 500 bis 1.000 bei rund 29.000 gegründeten Unternehmen 2016. Daraus zu schließen, dass diese auch nur wenige Insolvenzen ausmachen, hat maximal Indizwirkung, überleben doch Start-ups wie beschrieben nur schwer die ersten Jahre. Insgesamt gehen die Unternehmensinsolvenzen in Österreich die vergangenen Jahre zurück: 2016 waren es knapp mehr als 5.200. Aber was bedeuten diese Zahlen – steuern wir auf eine (platzende) Start-up-Blase zu? „Ich glaube nicht. Vieles, was man heute Start-up nennt, hätte man vor fünf Jahren noch nicht so bezeichnet. Insofern gibt es mehr und es gehen mehr pleite“, sagt Baker-McKenzie-Anwalt Ettmayer.

Start-ups haben dennoch im Umgang mit Scheitern Nachholbedarf, besonders bei der Gründung. Und genauso hinkt auch Österreich in Sachen Scheitern und dessen gesellschaftlicher Akzeptanz hinterher. Nicht nur aus Start-up-Kreisen ertönt hier oftmals der Ruf nach einer „Kultur des Scheiterns“. Diese ist im angloamerikanischen Raum mehr ausgeprägt, frei nach dem Motto: Scheitern als Chance. „Wir brauchen einen Mentalitätswandel. Nicht für die, die jetzt gründen. Sondern die, die sich nicht trauen, weil sie Angst vor dem Scheitern haben“, sagt Ettmayer. Die primären Gründe für ein Pleitegehen sind hingegen im internationalen Vergleich relativ ähnlich. Am häufigsten werden zu geringe Marktaussichten genannt. So listete CBS Insight 2014 mit 42-prozentiger Häufigkeit als Grund für das Scheitern „kein Marktbedarf“. „Wir ­sehen, dass der Markt in vielerlei Hinsicht falsch eingeschätzt wird: Sei es die Entwicklung, die Nachfrage oder dass der Markteintritt mehr kostet als erwartet“, erklärt auch Anwalt Ettmayer. Ein nicht geeignetes Team berge ebenso Sprengkraft.

holis-Gründer Seher hat mit der Start-up-Welt nichts mehr am Hut. Fuck-up-Night schmeißt er keine. Mittlerweile hat er wieder einen 9-to-5-Job als Produktleiter in einer Möbelfirma. Seine Zeit als Unternehmer will er trotzdem nicht missen, im Gegenteil, er hat viel gelernt: „Es geht einfach nur ums Überleben. Wir haben zu sozial gespielt. Aber am Ende des Tages entscheidet auch Glück.“

Text: Niklas Hintermayer / redaktion@forbes.at

Foto: David Višnjić

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