Warum Leo Widrich mehr Frauen sucht

In Tech-Firmen sind Frauen in der Belegschaft deutlich unter-repräsentiert. Deswegen hat Leo Widrich die operative Tätigkeit in seiner vorigen Firma, Buffer, einem Social-Media-Management-Tool, Anfang diesen Jahres zurückgelegt. Er verschreibt sich mit seinem neuen Projekt „Matter“ der Diversität in der Tech-Branche. Matter soll noch größer als Buffer werden und ausgerechnet von einem der kompetitivsten Märkte für Start-ups überhaupt aus abheben: New York.

Ich bin ein Mann, weiß und hetero-sexuell und damit niemals die Minderheit. Ich bin aufgewachsen, ohne wahrzunehmen, dass ich immer Teil der Mehrheit und somit inkludiert bin. Das war mir nie bewusst, bis ich mit den Leuten bei Buffer geredet habe. Mit Frauen, die programmieren und die mir erklärt haben, dass das zwar meine, aber nicht ihre Realität ist. Das hat mir die Augen geöffnet“, erklärt Gründer Leo Widrich, warum sein neues Unternehmen, das er gerade in New York gegründet hat, „Matter“ heißt.

„Unser Ziel ist es, die Tech-Industrie diverser zu machen.“ Die Software nach gleichem Namen wird deshalb analysieren, wie divers die Belegschaft eines Unternehmens ist, wie die Geschlechteranteile verteilt sind, wie ausgewogen unterschiedliche Ethnien vertreten sind und warum vom einen oder anderen zu wenig im Unternehmen ist. Momentan läuft das Projekt noch unter der URL matterapp.io. „matter.io hat einer der Co-Founder von Twitter; die versuchen wir gerade zu bekommen“, erzählt Widrich.

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Foto: Matt Furman, Forbes USA

„Wir testen und entwickeln noch und hoffen, in den nächsten Wochen die ersten Kunden zu bekommen. Momentan sind Airbnb, Atlassian, WordPress oder Stripe dabei.“ Ein selektiertes Who’s who der Tech-Szene wendet also schon die ersten Versionen des Produktes an. Der Hotellerie-Disruptor Airbnb kämpft zwar immer wieder mit rechtlichen Streitigkeiten, ist aber mit einer unfassbaren Bewertung von 30 Milliarden US-$ Mitte letzten Jahres und einem Investment von 555 Millionen US-$ nach wie vor das wertvollste nicht börsenotierte Start-up der Welt, mit Sitz in Silicon Valley. Auch der Softwareentwickler Atlassian kann sich mit einem Umsatz von rund 457 Millionen US-$ und – für Widrich noch wichtiger – 1.760 Mitarbeitern sehen lassen. Stripe, das digitale Zahlungsdienste anbietet, operiert in 25 Ländern, hat rund 640 Mitarbeiter und einen Umsatz von zwei Milliarden US-$ pro Quartal. In seiner letzen Finanzierungsrunde Ende vergangenen Jahres, in der Googles Alphabet-Risikokapital-Arm CapitalG einer der Lead-Investoren war, wurde Stripe außerdem mit neun Milliarden US-$ bewertet. Es wird schon über einen bevorstehenden Börsegang des Unternehmens spekuliert. Widrich hat also schon einige große Fische am Haken.

„Vor allem in den USA werden oft Schwarze oder Menschen lateinamerikanischer Herkunft vernachlässigt. Frauen sind auch unterrepräsentiert. Wir analysieren das und finden heraus, warum das so ist – bei Frauen etwa liegt der Grund oft darin, dass meistens Karenzregelungen sehr schlecht sind. Und es gibt auch einen impliziten Bias“, deutet Widrich darauf hin, dass solche Umstände nicht immer nur einer „bösen“ Absicht geschuldet sind. Sein Fokus liegt klar auf den ganz Großen im Silicon Valley – und dort gibt es im Bereich der Human Resources reichlich Probleme. Neben dem harten und oftmals auch ins Illegale hineinreichenden Kampf um Talente, der sich daraus ergibt, dass alle ins Tech-Mekka pilgern, ist man außerdem seit Jahren bemüht, die miserable Situation, sobald man auf die Verteilung der Geschlechter oder Rassen in der eigenen Belegschaft blickt, zu verbessern – ohne Erfolg, wie etwa unlängst das Magazin „The New Yorker“ schrieb.

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Foto: Matt Furman, Forbes USA

„USA Today“ hat erforscht, dass die Zahl schwarzer und lateinamerikanischer Absolventen in den Studienfächern Computerwissenschaften und Programmieren doppelt so hoch ist wie die jener, die dann tatsächlich in den Tech-Firmen arbeiten. Es liegt an der Unternehmenskultur: Rund 30 Prozent der Frauen, die in Tech-Firmen arbeiteten, fühlten sich nicht wohl an ihrem Arbeitsplatz – wegen Diskriminierung und einem ihre Lebensumstände nicht sonderlich unterstützenden Umfeld (so das Ergebnis einer von Ex-Microsoft- und Amazon-Managerin Kieran Snyder ini-tiierten Studie, für die 716 Frauen mit Jobs in Tech-Firmen befragt wurden).

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Foto: Matt Furman, Forbes USA

„Wir arbeiten mit den Unternehmen an den Ursachen für eine wenig diverse Belegschaft. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Matter noch größer als Buffer wird, aber ob sich die Hypothesen in den kommenden Monaten bewahrheiten werden oder nicht, das werden wir erst sehen“, erzählt Widrich. Als wir skypen, sitzt Widrich aber nicht in New York, wo er sich niedergelassen hat, sondern in einem Coworking-Space mit integriertem Café in San Francisco. Er reist in letzter Zeit weniger als sonst, worüber er erleichtert ist. Dennoch ruft das Geschäft, und am „Valley“ kommt er, wie auch viele andere Gründer, nun mal nicht vorbei. Diesem Image, das die gesamte Start-up-Welt anzieht, ist auch Widrich schon ganz am Anfang seiner Unternehmerzeiten erlegen. „Ich habe meinen Co-Founder Joel in Birmingham in England kennengelernt – ich war dort wegen des Studiums. Wir haben an der Uni schon angefangen, an Buffer zu arbeiten. In Birmingham aber gab es nicht so viele Menschen, die dir mit deinem Produkt oder Unternehmen helfen konnten, und auch nicht so viele Investoren. Wir haben vom fast schon ‚mystischen‘ Silicon Valley gehört“, schmunzelt Widrich, „uns einfach Tickets gekauft und sind hingeflogen. Wir hatten keinen genauen Plan, was wir dort machen, aber es hat uns magisch angezogen.“ Das Unternehmen, für das die Zwei in ihren Zwanzigern Richtung Silicon Valley pilgerten, Buffer, wurde zu einem Erfolg, obwohl sich das Silicon Valley mehr als gelegentlicher denn als ständiger Geschäftsort entpuppte. „Nach fünf Monaten lief unser Visum aus. Wir haben immer an anderen Orten gelebt und waren die letzten Jahre nur auf Reisen.“ Buffer, das ein gleichnamiges Social-Media-Management-Tool für das automatisierte Posten von Inhalten, etwa auf Facebook, anbietet, ist für das hohe Maß an der dort gelebten Transparenz bekannt: Das Unternehmen hat rund 226.000 monatliche User, einen jährlichen Umsatz von rund 7,81 Millionen US-$ und rund 2,5 Millionen US-$ auf der Bank – Buffer ist also ein solides Unternehmen. Dennoch zog es Widrich weg. „Joel und ich waren unterschiedlicher Auffassung. Mein Stil ist es, sehr schnell zu wachsen, Joel möchte eher kontrolliert wachsen. Ich möchte auch mein persönliches Wachstum immer fördern. Bei Buffer habe ich mich nicht mehr gefordert gefühlt. Wir haben beschlossen, dass Joel weiterhin Buffer macht und ich etwas Neues beginne.“

Etwas Neues zu gründen, dafür hatte Widrich auch so genug Kapital, aus früheren Verkäufen einiger seiner Buffer-Anteile, wie er sagt. Rund 20 Prozent besitzt er noch und überlegt gerade, in den nächsten Monaten ein paar mehr zu verkaufen. „Der Firma geht es gut. Meine finanzielle Situation ist auch gut, prinzipiell habe ich genug Raum, um selbstständig eine neue Sache aufzubauen“, sagt der Gründer. In einer Finanzierungsrunde Ende 2014 wurde Buffer mit 60 Millionen US-$ bewertet – der Wert dürfte heuer höher liegen, mit 20 Prozent aber hat Widrich zumindest rund zwölf Millionen US-$ auf der Seite. New York als neue Basis zu wählen hat nicht nur rein geschäftliche Gründe. „Ich finde New York so spannend, weil egal, welche Interessen man hat, man jemanden findet, mit dem man sie teilen kann. So habe ich das bei meinem Coworking-Space gemacht: Es ging darum, einen Platz zu haben, der Coworking und Meditation vereint. 9ußerdem möchte ich hier ein soziales Netz aufbauen – wenn man immer unterwegs und nur drei oder sechs Monate an einem Ort ist, ist es sehr schwierig, Beziehungen freundschaftlich oder romantisch aufrechtzuerhalten. Ich hatte das schon satt und habe jetzt zum ersten Mal einen Mietvertrag für zwölf Monate unterschrieben. Das ist ein Commitment. So etwas habe ich noch nie gemacht.“

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Leo Widrich wurde 1990 in Melk geboren. Mit 19 wanderte er nach Birmingham in England aus, um Management an der Warwick Business School zu studieren. Seitdem lebt er im Ausland. 2010 brach er das Studium in England ab und gründete Buffer. Danach war er mit Co-Founder Joel Gascoigne in der ganzen Welt unterwegs. Sechs Jahre bauten sie Buffer gemeinsam auf – das Unternehmen macht rund 7,8 Mio. US-$ an jährlichem Umsatz. Im Jänner 2017 gab Widrich bekannt, seine operative Tätigkeit bei Buffer zurückzulegen, rund 20 Prozent der Anteile hält er aber noch. Vom Reisen müde, ließ er sich in New York nieder, wo er sein neues Unternehmen „Matter“ samt Coworking-Space „Balanced“ in Soho, einem der lebendigsten Bezirke der Metropole, gegründet hat. Obwohl er die Schnelllebigkeit von New York liebt, wie er sagt, meditiert Widrich auch gerne und legt überhaupt sehr viel Wert auf einen ausgewogenen Lebensstil.
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