Marc Elsbergs Apokalypsen

Der gebürtige Badner Marc Elsberg ist gefeierter Bestseller-Autor am deutschen Markt. Ende Oktober erschien sein neues Buch „Helix“. Lesen Sie, warum seine fiktiven Storys mehr mit der Realität zu tun haben, als den meisten lieb ist.

Marc Elsberg legt in seinen Büchern die Stromnetze ganzer Kontinente lahm oder schreibt von einer Welt, in der im Verborgenen über massenhaft gesammelte Daten die gesamte Gesellschaft gesteuert wird. Elsberg beschäftigt sich am liebsten mit der Frage, wie unser Leben, von neuesten Technologien und Erkenntnissen beeinflusst, in Zukunft aussieht – ohne Berührungsängste mit fatalen Szenarien zu haben, wie er in „Blackout“ (2011) oder „Zero“ (2013) beweist. Spannend, unterhaltsam und informativ zu schreiben, so erklärt Elsberg seine Erfolgsformel. In seinem neuesten Buch „Helix“ skizziert er die Möglichkeiten der Gentechnik, und wie sie den Menschen beeinflussen könnten. Auf den ersten Blick klingen seine Geschichten nach Science-Fiction. Auf den zweiten Blick wird klar: Das stimmt so nicht ganz, ist er doch im intensiven Austausch mit Wissenschaftern und Top-Denkern betroffener Bereiche, die mitunter an seinen Büchern mitarbeiten. Wann und ob seine Szenarien eintreffen könnten, bleibt fraglich – denkbar sind sie allemal.

Herr Elsberg, warum schreiben Sie Thriller?

Ich möchte unterhalten und Spannung erzeugen. Die Frage ist, was man spannend findet. Für mich sind das Überlegungen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Das macht mir mehr Spaß als die Jagd nach einem Mörder. Außerdem finde ich es interessant, solche Überlegungen dann in eine spannende, unterhaltsame Geschichte zu packen. Wer „Blackout“, „Zero“ oder „Helix“ liest, meint ja rasch, dass ich ein Gegner solcher Entwicklungen bin. Dabei kommt es darauf an, durch welche Brille man meine Thriller liest. Es steckt für jeden etwas darin, weil ich versuche, die Themen weitestgehend offen zu präsentieren. Wenn ich, wie in „Blackout“, davon erzähle, dass ein Stromausfall die USA und Europa für zwei Wochen lahmlegt, dann zeige ich ja eigentlich die gegenseitigen strukturellen Abhängigkeiten, die sich entwickelt haben und die dazu führen können, dass Systeme wie Dominosteine umkippen. Ich erzähle aber auch über den Verlust von dem, was wir uns geschaffen haben. Diese Szenarien kann man konstruktiv optimistisch oder pessimistisch sehen.

Warum wählen Sie fatale Situationen?

Angst- und Katastrophenszenarien sind ein guter Aufhänger, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ich möchte möglichst viele Menschen erreichen. Deswegen gestalte ich meine Romane auch möglichst zugänglich, was die Sprache betrifft, ohne aber auf inhaltliche Tiefe zu verzichten. Dadurch diskutieren die Leser die Bücher auch. „Zero“ und „Blackout“ sind klassische Katastrophenromane, angelehnt an die Tradition der 50er- bis 70er- Jahre. „Helix“ schildert keine Katastrophe, sondern behandelt jene Fragen, die die jüngeren Entwicklungen in der Gentechnik aufwerfen.

Wo steht die Gentechnik heute?

Inzwischen hat man Abertausende von Genomen entschlüsselt, und es werden Massen an Gesundheits- und Verhaltensdaten gesammelt. Früher ging das hauptsächlich durch Zwillingsforschung. Wir wissen heute bereits, dass etwa Leseschwäche auch genetisch bedingt ist. Da werden wir uns bald fragen müssen, ob man Eltern und Kind nichts sagen will oder ob man sie darüber informieren will, damit sie mit entsprechender Frühförderung die Leseschwäche weitgehend beheben können. Will man solche Schwächen ausmerzen, indem eine Eizelle mit diesem Gen gar nicht ausgetragen wird? Will man dieses Gen dann einfach stilllegen – oder reparieren? So weit sind wir allerdings noch nicht.

In „Helix“ deuten Sie an, dass viel unter Ausschluss der Öffentlichkeit passiert.

Ja, das spricht auch eine der Figuren an. In vielen Bereichen haben wir aus mangelndem Interesse und Überforderung aufgehört, uns zu informieren. Und die, die in Bereichen wie der Gentechnik arbeiten, haben aus Angst vor Ablehnung aufgehört, darüber zu sprechen. Dabei kann Gentechnik in vielen Bereichen hilfreich sein.

Wo zum Beispiel?

In der Medizin sowieso, da sind die Menschen auch am offensten dafür; aber auch in vielen anderen Bereichen. Ganz oft nutzen wir ja schon Produkte der Gentechnik, ohne uns dessen bewusst zu sein. Von unserer Kleidung – 80 Prozent der weltweiten Baumwolle stammen aus gentechnisch veränderten Pflanzen – bis hin zu Nahrungsmittelzusätzen, Waschmitteln oder Kosmetik. Das sind alles Dinge, die den Menschen hier in Europa oft nicht bewusst sind. Wenn hier jemand im Wahlkampf auf ein Plakat schreibt „Gen-Scheiß, nein danke!“, kommt auch keine brauchbare Diskussion zustande; wobei ja auf beiden Seiten auf diesem Niveau debattiert wird. Das sah man bei der „Golden Rice“-Debatte: Reis wurde für Gebiete mit Mangelernährung mittels Genmanipulation mit Vitamin A angereichert. Manche der Befürworter dieses Reises werfen ihren Gegnern vor, einen stillen Holocaust zu verursachen. Da wundert es nicht, dass die Menschen abschalten und überhaupt nicht mehr debattieren, oder sich in einen dieser Schützengräben setzen.

Woran liegt es, dass Diskussionen zunehmend dogmatisch geführt werden?

Bei uns in Europa liegt das – und diese These teilen einige – vielleicht an dem Phänomen der alternden Gesellschaft. Ich bin ja mit Mitte 40 der Fettbauch des demografischen Atompilzes. Was ich will, passiert, ganz einfach, weil ich in der Mehrheit bin. Je älter die Menschen sind, umso weniger sind sie offen für Veränderungen und wirklich Neues. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, oder dass es sich zumindest nicht zu schnell verändert. Viele wollen sogar zurück in die 50er-Jahre. Doch die werden nicht wiederkommen, wie Armin Wolf einmal so treffend argumentierte. Die Jungen sind weniger überfordert mit Veränderung, aber wegen der Zusammensetzung unserer Gesellschaft in der Unterzahl.

Woher kommt diese Überforderung mit Veränderungen?

Es scheint, Veränderungen würden nun schneller gehen. Wenn sie sich beispielsweise die Mediengeschichte vom Walkman bis zum MP3-Format ansehen, das ging unheimlich schnell. Bei der Gentechnik ist es ähnlich – 1995 hat man angefangen, das menschliche Genom zu entziffern; damals war das noch eine Heidenarbeit, inzwischen geht das binnen Stunden und ist drastisch billiger geworden. Dank der CRISPR/Cas-Methode kann ich das Genom mittlerweile auch schon punktgenau editieren – und es ist nicht mehr nachweisbar! Wir bauen inzwischen synthetisches Leben.

Teilweise sind hier Ressentiments doch berechtigt, schließlich weiß man vorher nicht, was eine Technologie wirklich auslöst. 

Natürlich, das stimmt. Trotzdem: Auf lange Sicht haben uns Technologieschübe nach vorne gebracht, inklusive massiver Zuwächse an Komfort, Wohlstand und Gesundheit.

Bei Genmanipulation stellt sich die Frage, wer das Recht hat, darüber zu entscheiden …

Ja, die Frage ist berechtigt, schließlich hat Technologie bis jetzt die Biologie ergänzt, aber nicht verändert – Beispiel Herzschrittmacher oder Brille. In der Medizin wirke ich durch Medikamente zwar auf die Biologie ein, aber nicht dauerhaft. Da bringe ich einen vermeintlich unter der Norm „gesund“ liegenden Zustand „krank“ wieder in die Norm „gesund“. Mit Gentechnik könnten wir aber diese Norm „gesund“ grundsätzlich verschieben. Das ist ein deutlicher Unterschied, und das beunruhigt die Menschen. Menschen, die an einen Körper-Seele-Dualismus glauben – und da gibt es ja viele –, müsste das eigentlich kaltlassen. Denn das Wichtigere, die Seele, würde dadurch ja nicht verändert. Das Interessante ist, dass es sie nicht kaltlässt.

Woran glauben Sie?

Ich glaube, dass alles Chemie und Physik ist. Davon geht ja auch die moderne Wissenschaft aus. Gott ist immer dann die Antwort, wenn man keine anderen Antworten hat, und um dieses Delta zwischen Wissenschaft und wahrgenommener Realität zu füllen. Dieses Delta werden wir mit Wissenschaft womöglich nie schließen können. Deswegen werden wir immer Strategien dafür brauchen, und die Strategie „Glaube“ ist da für viele hilfreich.

Die mangelnde Vernetzung der Wissenschaften wird da nicht unbedingt helfen…

Die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker in Subsysteme ausdifferenziert. Das ist ein Problem, denn diese Systeme finden inzwischen schwer zusammen – auch wenn es neuerdings wieder mehr transdisziplinäre Projekte gibt. Mit meinen Büchern, etwa „Blackout“, versuche ich, solche Systeme wieder zu verbinden. Im Zuge meiner Recherchen stellte ich fest, dass die Vernetzung kaum vorhanden ist. Darüber hinaus wurde mir klar, dass das niemandem bewusst ist. Ich habe mit Leuten aus betroffenen Unternehmen gesprochen, wie beispielsweise dem Energie- oder dem Infrastruktursektor, und habe die Ergebnisse verbunden. Womöglich war das auch ein Grund für den Erfolg des Buches. Auch in Österreich funktioniert die Verbindung der Systeme nicht besonders. Hier ist nach wie vor alles sehr verkrustet.

Warum ist das so?

Systeme sind über Jahrzehnte gewachsen, folgen ihrer Pfadabhängigkeit, und natürlich geht es auch darum, Pfründe zu bewahren. Österreich ist leider in keiner Hinsicht avantgardistisch. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war es etwas lebendiger. Als ich Mitte der 90er-Jahre nach Hamburg ging, war ich zum Beispiel der Erste, der in der Agentur Internet wollte. Es gab ein kleines Zeitfenster, das leider nicht genutzt wurde, eine neue Rolle einzunehmen. Die Chancen dafür sind dennoch immer wieder da. Zum Beispiel hat Emmanuelle Charpentier – eine der Entdeckerinnen von CRISPR/Cas, des Gamechangers in der Genetik der letzten Jahre – ein paar Jahre in Wien geforscht. Man hat diese Frau gehen lassen. Wahnsinn! Viele Österreicher sind bequem und noch dazu in ihre Bequemlichkeit und einen leider beschränkten Horizont verliebt. Ich weiß nicht, wie man das ändern könnte, versuche das aber mit meinen Büchern, in denen ich über neue Dinge berichte und sie auch so schreibe, dass viele Leute sie lesen wollen.

Wie schaffen Sie es, dass Ihre Bücher Bestseller sind, gleichzeitig aber auch bei Wissenschaftern der Fachgebiete, über die Sie schreiben, Anklang finden?

Das ist neben dem schon beschriebenen sprachlichen und Spannung erzeugenden Zugang meine fast journalistische Herangehensweise. Ich recherchiere wahnsinnig viel über die Themen und suche mehrere Gesprächspartner aus verschiedenen Bereichen zusammen, die das Thema betreffen. Mit ihnen hinterfrage ich, was ich recherchiert habe, und checke es auf Richtigkeit ab. Um möglichen Manipulationen zu entgehen, etabliere ich ein Netz aus mehreren Experten und mache Gegenchecks. Einige dieser Experten finden die Geschichte dann so spannend, dass sie bereit sind, sich zu involvieren. Das geht so weit, dass ich sie, wenn mir das fachliche Hintergrundwissen fehlt, bitte, etwas Realistisches zu konstruieren. Bei „Blackout“ beispielsweise habe ich mit IT-Sicherheitsleuten gesprochen und gesagt, dass ich gerne einen großen Stromausfall hätte, der nicht auf natürlichen Ursachen basiert, sondern auf menschlichem Versagen oder physischen Attacken. Nach zwei Wochen bekam ich eine lange Liste mit möglichen Angriffspunkten. Die Recherche und diese Zusammenarbeit sind sehr intensiv. Mit einigen dieser Experten haben sich mittlerweile sogar Freundschaften entwickelt.

Zur Person: 

Marc Elsberg wurde 1967 in Baden bei Wien geboren. Nach seiner Matura begann er, an der Universität für Angewandte Kunst in Wien Industriedesign zu studieren. Schon während des Studiums zog es ihn zur Werbung. Er emigrierte schließlich 1995 ins damalige Werbe-Epizentrum Hamburg, wo er die ersten Karriereschritte im grafischen Design von Werbungen machte. Bald darauf begann Elsberg auch zu texten – und landete so beim Schreiben. Lange Zeit war er parallel als Autor und in der Werbung als Strategieberater und Kreativdirektor tätig. 2000 brachte er sein erstes Buch „Saubermann“ im Berliner Espresso Verlag heraus, wovon er als Autor allerdings noch nicht leben konnte. Das reine Autorendasein ließ bis 2011, dem Erscheinungsjahr seines fünften Buches, „Blackout – Morgen ist es zu spät“, auf sich warten. Mit über einer Million verkaufter Exemplare war dieser Thriller Elsbergs erster Bestseller. Er landete damit 2013 auf Platz zwei der Spiegel-Bestseller-Liste. Es folgte „Zero – Sie wissen, was du tust“, mit dem er 2014 erneut auf der Spiegel-Liste landete, diesmal auf Platz drei. Zwar wird wegen seines Erfolgs in Deutschland oftmals angenommen, Elsberg sei Deutscher, doch der Österreicher lebt und arbeitet weiterhin in Wien.

Dieses Interview ist in unserer Oktober Ausgabe erschienen. 

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