Kiwi-Security: Sie sind auf Band!

Die Kiwi Security GmbH ist ein international agierendes Unternehmen mit Sitz in Wien. Sie entwickelt Algorithmen, die in kürzester Zeit und automatisch Unmengen an Videomaterial filtern, analysieren und interpretieren.

Ein wenig unangenehm ist die Überraschung schon, wenn man das Büro von Kiwi Security im elften Wiener Bezirk betritt und auf einem Screen von einem kleinen Bild des eigenen Gesichts samt Name begrüßt wird. „Das ist ein Demo- Screen, der auch zeigt, wie der Privacy Protector funktioniert. Die Software ,blurrt‘ Gesichter, um die Privatsphäre von Menschen, die videoüberwacht werden, zu sichern – eines unserer neueren Produkte. Das andere ist der Face Collector“, erklärt Florian Matusek, einer der Gründer, unsere wohl verdutzte Mimik wahrnehmend. Der „Face Collector“ erkennt sogar Gesichter, die durch Sonnenbrille, Kapuze oder Bart teils verdeckt sind. Mit Gesichtserkennungs-Software verbunden, stellt er die Identität, also den Namen einer Person, fest. Und wie der Name „Collector“ schon sagt, sammelt das Programm alle „Gesichter“, die in einem bestimmten Zeitraum in einer bestimmten Zone registriert wurden. Prompt stehen auch schon Mitgründer Stefan Sutor und Thomas Streimelwe- ger, der 2015 als Investor mit der red-stars.com data AG und 32 Prozent der Anteile dazukam, neben Matusek und steigen in das Gespräch ein.

Es dauert nicht lange und wir sprechen über Whistleblower Edward Snowden, die National Security Agency, die Überwachung im Mittleren Osten und den Cyberkrieg, in dem Länder per Knopfdruck mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt werden. Manch einer verschafft sich komfortable Distanz zu beunruhigenden Ereignissen wie diesen, indem er sie einfach als Science- Fiction abtut. Wenn man aber im Büro der Kiwi Security Software GmbH – der Name ist ein Akronym von Key Information with Intelligence – steht, funktioniert dieser Distanz bringende Schritt nicht mehr so einfach, ist man doch damit konfrontiert, dass dieses Unternehmen seit 2008 auf genau diesem Markt der Überwachung überaus erfolgreich aktiv ist – wie viel Umsatz sie damit machen, erzählen die Gründer nicht. Doch sie verraten, dass der Start 2008 mit einem riesigen Projekt im Transportwesen einherging. Dieses quasi am eigenen Leib verspürte enorme Marktpotenzial veranlasste sie letztendlich zur Firmengründung.

Stefan Sutor, Florian Matusek und Klemens Kraus hatten sich 2001 an der Technischen Universität Wien kennengelernt. „Das war ganz am Anfang des Studiums, und seitdem haben wir alles zu dritt gemacht“, erinnert sich Matusek an die Tage, an denen sie noch die „Schulbank“ drückten. „Wir waren im Bereich Computergrafik und digitale Bildverarbeitung.“ Heute halten die drei Gründer je zwölf Prozent der Anteile der GmbH, die mittlerweile 20 Mitarbeiter zählt und nach wie vor an der Entwicklung von Algorithmen arbeitet, die gesammeltes Videomaterial auf verschiedenste Weise filtert oder bearbeitet – viele der Bearbeitungsschemata sind patentiert. „Intelligente Videoüberwachung ergibt Sinn. Sie spart Kosten und erhöht den Nutzen. Ein Algorithmus kann zum Beispiel erkennen, ob sich eine Person in einem Bereich befindet, in dem sie nicht sein soll, gegen den Strom einer Menschenmasse läuft oder sich auf andere Art auffällig verhält – und kann dann Alarm schlagen, bevor etwas passiert.“ Sutor setzt fort: „So kann ich in kritischen Situationen die Reaktionszeit verkürzen. Man sieht gleich, wo es Streitigkeiten gibt, oder wenn jemand am Boden liegen bleibt. Aus dem Originalvideo kann man so, nach dem Vier-Augen-Prinzip, eben nur jene kritischen Stellen exportieren, wo tat- sächlich etwas passiert ist, und auch nur dieses Material wird angesehen.“

_dsc1105_001
Im KIWI-Security Büro werden die hauseigenen Produkte demonstriert. Foto: Jiri Turek, Jana Jakurkova

Von technischer Seite war das mit Sicherheit eine große Herausforderung. „Das geht in den Bereich Machine Learning – wie definiere ich anhand von Bewegungen, dass gerade etwas passiert? Welche Bewegungen definieren zum Beispiel eine Schlägerei und wie implementiere ich das in einen Algorithmus?“ Da hat Kiwi Security einiges an Hirnschmalz in ein Produkt gegossen. „Wir sind sehr forschungslastig und konnten diese ersten Schritte dank Förderungen von aws, FFG, ZIT, INiTS und der EU machen. Wir drei sind Techniker und sehr ent wicklungsorientiert. 2010 gingen wir mit ersten Produkten auf den Markt, die uns auch die ersten Kunden brachten“, rekapituliert Matusek die Anfänge des Unternehmens. „Ich bin 2015 in eine richtige Technikerbude reingekommen“, bestätigt Streimelweger, „mit dem Ziel der Internationalisierung und Expansion. Sie hatten damals schon ein starkes Produkt und ein sehr gut funktionierendes Team. Das bestätigte sich in ersten Gesprächen mit potenziellen Kunden – es fehlte allein der Zugang zu Betriebspartnern. Gleichzeitig ist ein wesentliches Merkmal, dass diese Produkte international einsetzbar sind. Wir hatten einen Plan entwickelt, wie wir Kiwi Security weltweit aufbauen können, und haben das mit einigen wesentlichen Branchenplayern schon weitestgehend umgesetzt“, so Streimelweger weiter.

Löblich ist, dass die Gründer neben der wirtschaftlichen Expansion auch der Schutz der Privatsphäre von Menschen in überwachten Bereichen beschäftigt. „Wir haben uns die Frage gestellt, warum eine Kamera wo platziert wird und was man sehen will – und da erkannten wir: Solange alles in Ordnung ist, ist es egal, wer zu sehen ist. Deswegen ergibt es auch Sinn, hier die Privatsphäre zu schützen, indem Menschen nicht erkennbar sind.“ Das Kundenfeld ist sehr breit gefächert und beinhaltet deshalb auch weniger „pikante“ Nutzungsszenarien. „Im Handel wird unsere Software eingesetzt, um zu erkennen, wie sich Kundenströme gestalten, und um diese Erkenntnisse für die Preis- und Raumgestaltung zu verwenden“, erklärt Thomas Streimelweger. Dementsprechend ist auch der Kundenkreis – beispielsweise der Hamburger Hafen, das Belvedere Wien, Wein & Co oder Carglass – bunt gemischt. Der Bedarf an Software dieser Art ist groß. „Wir haben Kunden in den USA, Vietnam, Argentinien – einfach überall“, betont Streimelweger. Zuletzt hatte Kiwi Security die Beziehung zum strategischen Partner Genetec UK Limited intensiviert – ein Riese mit über 600 Mitarbeitern. Genetec hält 32 Prozent am Unternehmen. Stefan Sutor kehrte auch gerade von einem längeren Aufenthalt im kanadischen Büro des Partners zurück, mit dem Kiwi Ver- triebsverträge für Video-Management-Systeme hat. „So konnten wir die Zahl der verkauften Produkte drastisch erhöhen“, freut sich Streimelweger.

Auf die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre reagiert das Trio abgeklärt. „Wir spüren momentan die weltweite Unsicherheit, denn diesem Geschäft spielt sie in die Hände. Hier- zulande ist man in Bezug auf das Thema Videoüberwachung zurückhaltend, im angloamerikanischen Raum oder dem Mittleren Osten ist man dazu schon positiver eingestellt, weil es sichtbare Erfolge bringt; etwa wenn Menschen nach Anschlägen leichter identifiziert werden können“, erklärt Streimelweger. Ressentiments gegenüber Videoüberwachung sind und bleiben berechtigt. Edward Snowdens Enthüllungen zur National Security Agency und rücksichtslosen Praxen zum Nachteil der Privatsphäre beweisen: Der Schutz der eigenen Daten ist eine Illusion. Es hindert auch niemand Unternehmen wie Google oder Face- book daran, munter unsere Daten zu sammeln, gleichzeitig wird vieles in komplizierten Nutzungsbedingungen verschleiert, wobei der Nutzer und sein Recht auf seine Daten nicht ernst genommen werden. Im Alltag ist es aber kaum vermeidbar, Daten zu erzeugen. Das Bewusstsein darüber ist umso wichtiger.

print