Kein Wert ohne Freiheit

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Dass der Zeittheoretiker Hartmut Rosa auf die Frage, was denn wichtiger sei, Zeit oder Geld, mit „Zeit“ antwortet, überrascht nicht. Geld könne man ansparen, Zeit nicht. Das stimmt nicht mehr ganz. Denn Zeitbanken gibt es bereits seit Längerem – in Japan etwa, aber auch in Österreich. Wer etwa in der österreichischen „Zeitbank für Alt und Jung“ Zeit für und mit älteren Menschen verbringt, kann diese Stunden im eigenen Alter beanspruchen. Ein Modell, das sich im Kleinen bewährt und an gesamtgesellschaftlicher Relevanz zunehmen wird. Wenn man allerdings Zeit im Überfluss hat, so Rosa weiter, könne man oft nichts mit ihr anfangen, bekomme keine Anerkennung und habe so auch keine besonderen Privilegien. Die Folge: Die Zeit wird entwertet, weil ihr – so Rosas Schluss – die Qualität fehlt.

Stellt man dieser Hypothese nun das Geld gegenüber, dann hat man mit Geld im Überfluss einen gewissen Status, bekommt dafür Anerkennung und hat damit auch Privilegien. Ohne Qualität – im Sinne der Frage „Macht mich das jetzt glücklicher?“ beim Geldausgeben zum Beispiel – verliert aber auch Geld seinen Wert. Damit hat sich der Psychologe und Harvard-Professor Michael Norton auseinandergesetzt. Er denkt über Möglichkeiten des Musterbruchs, etwa beim Geldausgeben, nach. Und zwar in einer Form, die aus uns Konsumenten glücklichere Menschen machen soll.

Norton stellte in seinen Forschungen fest, dass wir deutlich glücklicher und zufriedener sind, wenn wir Geld für andere ausgeben anstatt nur für uns selbst. Und dass es uns grundsätzlich nicht glücklich macht, Schulden zurückzuzahlen, weiß er auch. Die geschuldeten Beträge werden automatisch – also ohne eigene Aktivität – vom Konto abgebucht, etwa bei ­Krediten. Norton fand aber heraus, dass wir Schulden viel lieber abbezahlen, wenn wir aktiv und sichtbar darauf Einfluss nehmen können. Konkret würde es z. B. viel mehr Freude bereiten, wenn wir auf eine Summe, die wir bezahlen wollen, klicken und die dann – wie im Comic – „explodiert“ und somit abbezahlt ist. Bei Zeit wie Geld verhält es sich zumindest bei diesen Beispielen so, dass die Qualität beider mit der Entscheidung, wie man sie verbringen oder wofür man es ausgeben möchte, also der Freiheit, beides zu gestalten, steigt.

Der Neurogenetiker Martin Heisenberg – in dieser Ausgabe ist das Doppelinterview mit seinem Sohn und Energieunternehmer Emanuel nachzulesen – betrachtet Freiheit überhaupt immer im Zweiklang zwischen „frei wovon“ und „unfrei wofür“. Ganz allgemein habe er sich als Forscher mehr mit Freiheit als Verhaltensfreiheit denn als Willensfreiheit beschäftigt. Es gehe um die Optimierung seiner Verhaltensoptionen, so Heisenberg. Ein Gefangener sei – so betrachtet – in seinen Verhaltensoptionen eingeengt, so der Forscher im Interview.

Eine Erfahrung, die Bitcoin-Pionier Charlie Shrem am eigenen Leib machen musste. Rund ein Jahr saß er wegen Geldwäsche auf seiner Bitcoin-Plattform hinter schwedischen Gardinen. Ein tiefer Fall des einstigen Fintech-Highflyers. Das Interesse an Bezahlsystemen und an der Digitalisierung von Währungssystemen ist trotz schlechter Erfahrungen geblieben. Im Gefängnis waren Makrelendosen die Währung – und anhand derer erklärte uns Shrem, wie das globale Währungssystem, und natürlich auch Bitcoin, funktioniert. Wir trafen den US-Amerikaner in Wien. Seine wiedergewonnene Freiheit gestaltet er zurzeit mit ausgedehnten Reisen.

Eine Weltreise machte auch Felix Weis – nur mit Bitcoin „in der Tasche“. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wie sich herausstellte. Die abenteuerliche Geschichte lesen Sie ebenfalls in dieser Ausgabe. Eine ganz andere Geschichte vom anderen Ende der Welt – Manila – erzählt die Stadtentwicklerin Alexandra Vogl. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet sie auf den Philippinen für die Asian Development Bank – ein Bericht über ihre außergewöhnliche Karriere sowie ihre Sehnsucht nach funktionierendem öffentlichem Verkehr. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!

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