Journi: Wie eine Reise beginnt

Andreas Röttl, Bianca Busetti und Christian Papauschek haben Ende 2013 ihre Plattform „Journi“ gestartet. Schnell sollte sich zeigen: Aller Anfang ist schwer. Nach einem Relaunch Anfang Dezember haben sie nun aber eine Million € Investment und Förderung bekommen.

Fotos: David Visjnic

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Die Journi Gründer Andreas Röttl, Bianca Busetti und Christian Papauschek

Ein lichtdurchflutetes Büro in einer kleinen Seitengasse in Wien-Hietzing ist Andreas Röttls Neuanfang und der Neuanfang von Journi. „Das Büro haben wir seit September“, erzählt der Gründer, als wir ihn zum Interview treffen. „Wir waren mit der Go Silicon Valley Initiative 2014 drei Monate in San Francisco. Dort haben wir versucht, so viel wie möglich vom Start-up-Hype aufzusaugen. Wir waren bei Airbnb und haben eine Führung bekommen. Die Menschen dort sind gleich auf uns zugekommen und kannten Journi schon.“ Ein wenig wehmütig ist Andreas Röttl schon, dass er nicht im B2C-affineren Silicon Valley geblieben ist. Obwohl man mittlerweile getrost behaupten kann: Für Journi läuft es auch hier ganz gut.

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„Begonnen hat alles, als wir, also Bianca (Anm.: Busetti, CPO), Christian (Anm.: Papauschek, CTO) und ich einen Onlinekurs zu Technology Entrepreneurship an der Stanford Universität machten.“ Die Drei mussten als Team Aufgabenstellungen lösen und bemerkten, dass ihr Zusammenwirken gut funktioniert. Sie machten sich Ende 2013 beim Vorläufer von Journi ans Werk. „Das war ein Marketplace für Reiseführer. Den haben wir voll in den Sand gesetzt“, erzählt Röttl unverblümt. Die Idee, Reiseführerproduzenten aus Leidenschaft mit privaten Abnehmern zu verbinden, funktionierte nicht. Aber die drei Gründer kamen dadurch auf ihr jetziges Modell: einen Blog für Reisen. Den launchten sie im Juni 2014. Als sie kurz darauf in San Francisco waren, arbeiteten sie am perfekten Produkt-Markt-Fit. 2015 haben die Gründer nur mit Analyse verbracht, sagt Röttl.

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Das hat sich offenbar gelohnt: Journi erfüllt nicht nur die Ansprüche von Usern oder die von Apple, kürzlich zeigte sich, die Firma ist auch für namhafte Investoren attraktiv. Kritiker, die meinen, ein Reiseblog sei in Zeiten wie diesen nahezu trivial, straft Journi mit Bodenständigkeit und Liebe zum Detail Lügen. „Reisen sind etwas Einzigartiges. Man möchte sich gerne an sie erinnern. Trotzdem muss das Dokumentieren sehr einfach und schnell gehen, schließlich möchte man die Reise genießen. Unter den Reiseblogs sind wir der, der am einfachsten zu bedienen ist“, so der Gründer zum Produkt. Darüber hinaus möchte man eine Influencer-freie Zone sein, gesponserte Inhalte gibt es auf Journi nicht. Das deutet auch darauf hin, dass man ein hohes Maß an Authentizität und somit wiederum Userinteressen im Blick hat.

Der User ist überhaupt das Wichtigste für die Unternehmer, wobei aber die Qualität der Beziehung im Zentrum steht. „Auf Biegen und Brechen einfach nur auf Downloads zu gehen bringt nichts.“ Röttls Beschreibung dazu hat eine ordentliche Portion amerikanisches Flair: „Wir wollen ein Produkt machen, das die Kunden lieben.“ Offenbar schaffen sie das, denn das Wachstum bei Journi ist rein organisch, also ohne Werbung. Der wesentliche Wachstums-treiber sind die User selbst, indem sie „Journis“, also einzelne Kapitel mit ihren Reisen, erstellen und Bekannte und Freunde einladen, bei Journi einen Blick auf das Erlebte zu werfen. „Jeder möchte gerne herzeigen, wo er war. Das anzubieten ist per se nichts Neues. Aber Facebook ist zu unpersönlich, auf Instagram geben die meisten nur an – bei Journi kann man ganz genau fest-legen, wer was sieht. Und wer Content erstellt, das sehen wir, lädt mindestens drei Leute ein.“

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Seit 2014 hat sich die Userzahl mehr als verzehnfacht – und beträgt momentan rund 160.000. Aber am wichtigsten ist: Die User kommen gerne zurück: Abseits der Reisesaison kommen 20 Prozent aller User mehr als einmal im Monat auf Journi. Während der Saison sind das 30 Prozent, das ist ein guter Durchschnittswert im internationalen Vergleich bei ähnlichen Anwendungen. Das Journi-Team steht überdies in engem Kontakt mit seinen Nutzern, regelmäßig werden sogenannte Poweruser (insgesamt 300) um Feedback gebeten und nach ihren Wünschen befragt und vervollständigen so den Entwicklungsprozess der Plattform. „Wir haben gesehen, dass die Anwendungsfälle sich nicht auf Reisen beschränken. Viele halten die ersten Momente des eigenen Kindes fest, der erste Zahn, die ersten Schritte. Manche legen auch Journis mit ihren Haustieren oder zu Hobbys an. Es ist spannend zu sehen – mit vielen Dingen rechnet man vorher nicht.“ Besonders schöne Journis werden im offenen Teil der Plattform auch gefeaturet, eine be-sondere Wertschätzung für User.

2014 schaffte es Journi bereits in die Kategorie „featured Apps“ in Apples App Store. „ Apples App-Store-Chef für Europa war letzten Dezember bei uns, er ist ein großer Journi-Fan. Apple ist gutes Design und gute Usability wichtig. Sie fördern gerne Projekte, bei denen sie Chancen sehen“, sagt Röttl. Deswegen ist auch ein Premiummodell der App zu haben – zum einen wegen des Userbedarfs: „Sie wollen hochqualitative Bilder hochladen, die sie mit Spiegelreflexkameras machen, teils eine Absicherung via Dropbox oder iCloud und einzelne Journis mit Stickern verschönern, das könnte man als Premiumversion anbieten.“ Zum anderen ist der App Store die wichtigste Einnahmequelle für Apple, das an kostenpflichtigen Downloads sowie Abos mitverdient und deshalb daran interessiert ist. „Wir haben das so kalkuliert, dass sich das schon bei einem Prozent der User rechnen würde“, sagt Röttl.

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Nicht nur die User und Apple sind überzeugt – unlängst konnte sich Journi über eine knapp eine Million € große Seed-Runde freuen – neben AWS-Förderungen sind Investoren wie Hansi Hansmann dabei; Röttl konnte auch Katharina Klausberger und Armin Strbac für sich gewinnen. „Darüber freue ich mich besonders, weil die beiden so genau sind, und wir sind ihr erstes Investment. Ich kenne Katharina noch von den Anfangszeiten, als wir Startup Europe gestartet haben und sie und Armin damals noch Finderly (Anm.: heute Shpock) und Florian Gschwandtner Runtastic gepitcht haben. Seitdem waren wir -eigentlich immer eng verbunden und die beiden sind wichtige Mentoren für uns“, erinnert sich Röttl an seine eigenen Anfänge, die eng mit den Anfängen der österreichischen Start-up-Szene verbunden sind, zurück. „Wir holten dann Andreas Tschas (Anm.: Gründer Pioneers) – er war immer schon super vernetzt – dazu. Aus Startup Europe wurde später dann das Pioneers. Ich bin zwischendurch zu einem VC in Berlin gegangen und der Plan war eigentlich, wieder zurückzukommen, aber ich habe dann bei A1 begonnen zu arbeiten. Andreas Tschas übernahm den CEO Posten von mir und Moritz Plassnig (Anm.: Forbes 30 under 30 und CEO Codeship) wurde CMO und war auch eine wichtige Stütze.“ Bei A1 war Röttl Teil des Teams, das die Markenzusammen-führung von Telekom und Mobilkom unter der neuen Marke A1 lancierte.

Zuletzt baute er auch etwas Neues für sein Business auf: „Wir werden dieses Jahr im Juni unser eigenes Fotobuch launchen – die persönliche „Journi“ kann man dann auch in Buch-Form bekommen – den Algorithmus dafür finalisieren wir gerade. Vielleicht erlebt das Fotobuch Business ja mit Mobile seine nächste Welle.“

Diese Geschichte ist in unserer Jänner-Ausgabe erschienen.

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