Seit rund 200 Jahren ist Lobmeyr Teil des traditionellen Handwerks in Österreich. Doch die Luster- und Glasmanufaktur ruht sich nicht auf diesem Polster aus – sie setzt auf neue Innovationen. In Zukunft wird aber vor allemeines schwierig: die Mitarbeitersuche.

Ihre Auftraggeber lesen sich wie ein „Who’s who“ der Weltgeschichte: Mao Tse-tung, der König von Siam, Ludwig II. von Bayern, der spanische und der griechische Hof sowie das habsburgische Kaiserhaus. Auch für den Kreml hat die Wiener Manufaktur Lobmeyr schon Luster gefertigt. Freilich mit der Hand, denn seit 194 Jahren ist die hohe Handwerkskunst auch international nicht mehr wegzudenken. In zwei Werkstätten in Wien werden heute akribisch Gläser geschliffen und poliert, Luster und Beleuchtungskörper hergestellt. Die Entwürfe dazu stammen teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert. Das Stammgeschäft ist in der Kärntner Straße, wo Gläser, Porzellan und ­Besteck verkauft werden.

„Das Allerwichtigste ist, dass der Fortbestand des Unternehmens gesichert ist – das ist er dann, wenn wir Gewinne machen.“

Dabei lukriert das ­Unternehmen 55 Prozent seines jährlichen Gesamt­umsatzes – durchschnittlich rund 5,3 Millionen € – im Inland. Hauptabsatzmärkte im Ausland sind Deutschland, die Schweiz sowie die USA; auch in Japan zeigt die Wachstumsrate nach oben. Die Marke Lobmeyr zieht. „Es gibt heute einen Trend zum Authentischen und zum ehrlichen Handwerk, der kommt uns voll entgegen“, erzählt Andreas Rath, einer der drei Lobmeyr-Geschäftsführer. Er strahlt die Ruhe eines erfahrenen Geschäftsmannes aus, er weiß, wie man mit Menschen spricht.

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So klar das Unternehmensprofil nach außen ist, steht man produk­tionstechnisch doch im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. „Das Alte inspiriert das Heutige, gewachsenes Know-how ermöglicht ­Innovation“, lautet der Stehsatz auf der Homepage. „Old school“ will man also nicht sein. Doch was bedeutet das genau, was macht Lobmeyr so beständig?

„Das alte Handwerk lebt bis heute weiter. Aber wir führen das nicht zwanghaft weiter, sondern nur dort, wo es das bessere Ergebnis bringt. Wir verschließen uns nicht gegenüber neuen Techniken. Wir verwenden genauso einen neuen Entwurf von Florian Ladstätter (Wiener Schmuckdesigner, Anm.) für größere Spiegelprojekte. Die einen Zentimeter starken Stahlplatten werden mit einem Wasserstrahl geschnitten. Diesen Ansatz verfolgen wir seit der zweiten Generation“, erklärt Rath, der mit seinen Cousins Leonid und Johannes Rath das Unternehmen 2002 übernahm. Die Geschäftsbereiche sind so aufgeteilt, dass jeder die ganze Produktionskette von Einkauf, Fertigung und Verkauf unter sich hat. Leonid Rath kümmert sich um die Glaswerkstätte, Johannes Rath um die Lusterwerkstätte und Andreas Rath ist im Geschäft in der Kärntner Straße. Dabei war diese Organisation gar nicht mal so einfach: „Als klar war, dass wir zu dritt einsteigen, ­mussten wir die Zuständigkeiten neu ordnen, weil unsere Vätergeneration nur zu zweit war. Wir haben einen neuen Geschäftsbereich eröffnet. Leonid ist auch verantwortlich für das gesamte Händlergeschäft. Heute haben wir ein gut funktionierendes Händlernetzwerk, das auch Gewinne bringt“, sagt Andreas Rath.

Gemeinsam führen sie den Familienbetrieb in sechster Generation – mit Stolz, wie man unschwer spüren kann. „Ich sehe das positiv. Klar könnte man sagen, man zieht sich als Familie zurück und installiert professionelle Geschäftsführer. Aber das ganze Know-how würde verloren gehen. In unserer gewerblichen Größe wird das immer weitergegeben“, sagt Rath. Gründervater war Josef Lobmeyr senior, der 1823 als kleiner Glashändler in der Wiener Weihburggasse begann. Eigene Werkstätten hatte Lobmeyr damals keine. Rasch erarbeitete er sich einen guten Ruf, in andere Dimensionen hob diesen aber einer seiner zwei Söhne, Ludwig Lobmeyr (1829–1917): So wurde das Unternehmen Mitte des 19. Jahrhunderts unter anderem zum Hoflieferanten des habsburgischen Kaiserhauses. Ludwig Lobmeyr schaffte es, den Betrieb zu einem der bedeutendsten österreichisch-böhmischen Glasverleger zu machen, also externe Fertigung und Verkauf unter einen Hut zu bringen. Markenbildung und Netzwerken waren schon damals angesagt: Der Wiener repräsentierte das Geschäft auf den ersten Weltausstellungen. „In diese Zeit fällt der erste große Auftrag für elektrische Beleuchtung 1883. Gemeinsam mit Thomas Alva Edison haben wir einen Luster gemacht. Die Hofburg ist von Kerzenlicht auf elektrisches Licht umgerüstet worden“, erzählt Andreas Rath.

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1930 nahm man die Glas- und Lusterproduktion schließlich selbst in die Hand, Lusterwerkstätte und Glaswerkstatt wurden eröffnet. Sie befinden sich seit 1970 in der Wiener Salesianergasse, als man die ehemalige Lusterfabrik Zahn übernahm. Daneben gibt es auch eine hauseigene Schlosserei und Gürtlerei, wo der „Körper“ des Lusters, das Gestell, hergestellt wird. Für alle 28 Mitarbeiter zählen hier vor allem Präzision und die Liebe zum Detail.

Auf wenigen Quadratmetern arbeiten Handwerker in der Lusterwerkstatt an Messinglustern, schneiden passende Glasleisten zu und bereiten Kristallbehänge vor. In einem angrenzenden Raum sitzen Glasschleifer vor großen Holzbottichen, über denen sich nasse Steinscheiben drehen. An diesen schleifen sie die Glasrohlinge aus der Glashütte, die man vor allem aus Ungarn bezieht. Gearbeitet wird mit Kristallgläsern genauso wie mit hauchdünn geblasenem Musselinglas, das eine Wandstärke von nur rund einem Millimeter hat. „Die Glas­macher nennen es auch ‚Strohglas‘. Es ist aber sehr stabil“, erklärt Rath.

Danach geht es ans Polieren und anschließend in die Gravurwerkstatt, wo vier Arbeiter mittels der Kupferradtechnik feine Muster und Ornamente eingravieren – die Königsdisziplin: „Wir machen gerade eine Historismus-Gravur. Das war ursprünglich für den Erzherzog Ferdinand Maximilian, den späteren Kaiser von Mexiko (1832–1867, Anm.). Ein japanischer Importeur hat jetzt zwei Gläser bestellt. Eines kostet 1.000 €“, sagt der Geschäftsführer, der selbst ursprünglich BWL studierte und das Gürtlerhandwerk (Bearbeitung von Metallen) lernte. Billigere Becher gibt es aber auch für 100 € – Preise, die Lobmeyr-Kunden anscheinend nicht abschrecken, denn sie wissen, was sie bekommen, und können ihre Wünsche teilweise auch selbst deponieren. Die Zahl der Sonderanfertigungen, also Produkte, die nicht ins feste Sortiment kommen, steigt sowohl im Glas- als auch im Lustersegment an. Bei den Gläsern liegt man hier noch bei rund 15 Prozent, bei den Lustern hingegen ist man mittlerweile bei über 50 Prozent. Derzeit baut Lobmeyr etwa einen Luster für ein Wohnhaus in New York, der über drei Etagen geht. Der Entwurf stammt von einem Londoner Interior-Design-Büro. Überhaupt konzentriert sich die Auftrags­arbeit fast nur mehr auf das private Geschäft und nicht die öffentliche Hand. Wie viele Aufträge Lobmeyr im Jahr genau hat, kann Rath nicht sagen. Die Kundenanbindung bleibt für den Traditionsbetrieb aber essenziell: „In unserem Bereich ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter sehr wichtig, denn das spüren auch unsere Kunden“, sagt Rath. Auch wenn er einräumt, dass die Klientel eine spezielle ist: „Damit jemand so viel Geld für ein Produkt ausgibt, muss er ein Interesse dafür entwickelt und viel gesehen haben. Deswegen sind die Kundenzahlen auch nicht einfach so zu verdoppeln.“ Eine gewisse Exklusivität schwingt hier ganz deutlich mit.

Job_5829Die insgesamt 52 Mitarbeiter stehen allein durch deren Handwerkskunst bei Lobmeyr hoch im Kurs. Doch wie gestaltet sich der Umgang im Arbeitsalltag? „Die Mitarbeiter können jeden Tag mit dem Chef reden. Ich spreche täglich mit meinen in der Kärntner Straße.“ In den Werkstätten herrscht ein lockerer Umgangston, die Handwerker sind es gewohnt, dass auch einmal der Chef vorbeischaut.

Die generelle Gefahr, sich zu sehr an Marktbedürfnissen zu orientieren, sieht Rath nicht. Denn als Kreativ­unternehmen müsse man immer auch Standards setzen. Wer nur auf Trends reagiere, sei ewig nur Zweiter. Damit gab man sich bei Lobmeyr nie zufrieden. Die Geschichte ist auch eine der Umbrüche und der sich daraus ergebenden Chancen. „Fertigungstechnisch war es ein großer Umbruch in der ersten Generation, vom Händler zum Verleger zu werden“, sagt Rath. Stilistisch bewegte sich Lobmeyr Anfang des 20. Jahrhunderts weg vom Historismus zur Kunst der Wiener Werkstätte, nicht zuletzt durch den österreichischen Architekten Josef Hoffmann. „Unser Urgroßvater Stefan Rath hat begonnen, mit diesen Künstlern zu arbeiten. Die Glas- und Lusterformen wurden dadurch geometrischer und reduzierter.“ Eines der wichtigsten Projekte für die Markterschließung war 1966 jenes in der Metropolitan Opera in New York: „Die Vereinigten Staaten sind ein sehr entwickelter Markt. Dort finden wir auch unsere Kunden. Jeder kennt die Metropolitan Opera und den Luster.“

Doch wie gesund ist Lobmeyr insgesamt als Geschäftsfall? „Das Allerwichtigste ist, dass der Fortbestand des Unternehmens gesichert ist. Das ist er dann, wenn das Unternehmen Gewinne macht. Ohne das hilft mir langfristig auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter nichts“, sagt Rath, der für die Finanzen zuständig ist. Die Unternehmensgewinne will er dabei nicht verraten. Diese Spanne bestimmt nicht zuletzt der Umstand, wie viele große Projekte im Jahr reinkommen, was naturgemäß Schwankungen unterliegt. Dazu sind die konkreten Auftragszahlen im Vornherein schlecht planbar. Trotzdem habe man laut Andreas Rath mittlerweile eine „solide Kostenrechnung“ aufgestellt.

Große Etappensprünge mitsamt entsprechender Umsatzsteigerung sind in Zukunft aber sowieso nicht zu erwarten. Denn Lobmeyr will zu keiner Großmanufaktur mutieren. Das liegt weniger am Mantra „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, sondern vielmehr an anderen Gründen: „In unserem sehr verfeinerten Handwerk ist ein Wachstum von heute auf morgen nicht möglich. Die ausgebildeten Arbeiter wachsen nicht auf den Bäumen. Der Markt ist nicht so dynamisch“, skizziert Rath. Konkreter Nachsatz: „Natürlich könnten wir sagen, wir versuchen jetzt, groß nach China zu exportieren. Aber das ist nicht unsere Philosophie.“

„Die nationalen wie internationalen Regeln lassen wenig Luft zum Atmen.“

Tatsächlich hat es Lobmeyr in gewissen Bereichen nicht einfach. Glasverarbeiter und Gürtler etwa sind eher im Aussterben begriffene Berufe, der Nachwuchs interessiert sich für anderes. Derzeit hat Lobmeyr nur eine junge Frau als Lehrling, sie zeichnet die Glasgravuren vor. „Sie macht aber super Fortschritte“, so Rath. In Österreich gibt es laut dem Wiener noch relativ viele eigenständige Handwerksbetriebe. Doch diese Zeiten könnten schon bald vorbei sein, wie Rath kritisch anmerkt: „Ich denke, dass es immer weniger Gewerbe­betriebe geben wird. Und die wenigen werden größer werden.“

Job_5849Denn die nationalen wie internationalen Regeln lassen wenig Luft zum Atmen. „Unser Werkstättenmeister hat uns ein E-Mail vorgelesen, welche Nachweise er alle erbringen muss, damit er im Berliner Reichsrat Luster auf einer Hebebühne montieren darf. Ein Wahnsinn.“ Anstatt gewerbliche Unternehmen zu stärken, würden diesen in Österreich dieselben „Ketten“ auferlegt wie einem Industriebetrieb. „Es gibt etwa im Porzellanbereich technische Normen, was in den Farben drin sein darf. Diese dürfen keine Metalle oder Blei enthalten – obwohl die Umweltgefährdung marginal ist“, sagt der Geschäftsführer. Ein Wegbrechen des traditionellen Handwerks hätte weitreichende Folgen. So würde es an Innovationskraft fehlen: „Das Handwerk ist ein Pool für Innovationen. Ein kleines Unternehmen bewegt sich einfach schneller als ein großes.“

Aufgrund der eigenen Denkweise, mit Materialien und Techniken umzugehen, ginge auch das Know-how verloren – und das würde letztlich ein Abwandern in Richtung Industrie ­bedeuten. Diese erfülle laut Rath aber nur für gewisse Teilbereiche ihren Zweck, etwa bei hoher Präzision, ­hoher Stückzahl und für niedrige Preise. Die gesellschaftlichen Folgen seien jedenfalls nicht zu unterschätzen: „Menschen hätten nicht mehr die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Denn es gibt viele, die nicht so viel verdienen wollen wie in der Industrie, aber einen abwechslungs­reichen und erfüllenden Arbeitsalltag haben wollen.“

„Es gibt ein Vertragswerk, dass die nächste Generation einsteigt.“

Noch kann Lobmeyr genug Arbeitnehmer akquirieren. Wie das in Zukunft aussieht, wird sich weisen. Zukünftige Aufträge hat man auch genug, diese schüttelt Andreas Rath nur so aus dem Ärmel: „Wir haben etwa einen für 1.000 Gläser bekommen, das ist groß für uns.“ Das wird bis auf Weiteres wohl auch so bleiben, denn die interessierten Kreise schätzen Lobmeyr: „Man kann es halt von der Größe nicht mit Louis Vuitton vergleichen.“ Ob er da etwas dagegen hätte? „Nein, hätte ich nicht“, sagt er knapp. Die Unternehmensnachfolge selbst ist noch nicht gesichert, Raths Tochter ist erst zwölf Jahre alt: „Aber es gibt ein Vertragswerk, dass die nächste Generation einsteigt.“

 

Text: Niklas Hintermayer I niklas.hintermayer@forbes.at

Fotos: Markus Thums

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