Feigenblatt Philanthropie

Die Stiftungen Mozilla und Linux haben sich den Idealen der Offenheit und Partizipation im Internet und somit der Philanthropie verschrieben. Auf den zweiten Blick zeigt sich, bei freier Nutzung geht es nicht nur darum, etwas zurückzugeben, es geht um Verbreitung und damit um Marktmacht.

„Wir wollen etwas zurückgeben und die beste Technologie kreieren. Aktuell hosten wir das Projekt Hyperledger, eine Blockchain-Initiative, die das Internet grundlegend verändern wird“, sagt Jim Zemlin. Er ist der Executive Director der Linux-Stiftung und kam gerade von der Bühne des Websummit in Portugal, als wir ihn zum Interview trafen. Bestimmt war er noch im Diskussionsmodus des Panels, in dem es darum ging, dass Open-Source-Software (OSS) heute der wichtigste Treiber der digitalen Ökonomie ist. Seit rund zehn Jahren führt Zemlin die Geschäfte der Stiftung – naturgemäß steht für ihn außer Frage, dass OSS das Internet ist; vor allem im Falle Linux stimmt das. Und naturgemäß ist er auch gerade dabei, Geld in Form von Spenden einzusammeln. Sie sind ein wichtiger Kapitalzufluss in so einer Stiftung, die – anders als die Mozilla-Stiftung etwa – keine direkten Erlöse durch Produkte einstreifen kann.

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JIM ZEMLIN ist seit zehn Jahren Executive Director der Linux Foundation und regelt ihre Geschäfte. Sein Fokus ist das Wachstum der Foundation, die auch die Arbeit von Linux-Erfinder Linus Torvalds finanziert.

Das Linux-Modell funktioniert –
und das sogar sehr gut: 95 Prozent der Top-Eine-Million-Seiten, die das Internet anführen, laufen mit OSS von Linux. Das ist heute so. Vor rund 30 Jahren, als die Öffnung der Softwarewelt mit der „Freie Software Bewegung“ begann, war das noch ganz anders. Richard Stallman machte mit dem GNU-Projekt 1983 den Anfang. Er arbeitete zuvor im AI-Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einer Gruppe von Programmierern. Gemeinsam lebten sie eine rigorose Philosophie der Freiheit. Dementsprechend schrieb er die GNU-General-Public-Lizenz (GPL), eine der am weitesten verbreiteten Lizenzen freier Software und auch die radikalste. Sie besagt, dass Software frei verwendet, eingesehen, verändert und vertrieben werden kann. Auch abgeleitete Arbeit eines GNU-Projektes oder Teile von Code einer Software, die in ein GNU-Projekt integriert werden, bedeuten die automatische Lizenzierung des gesamten Codes unter die- ser Lizenz – das unterscheidet sie von anderen Lizenzen, wie der MIT- oder BSD-Lizenz, um zwei weitere prominente Beispiele zu nennen.

Richard Stallmans Anliegen war – und ist es auch heute noch –, jeden Computernutzer zu befreien – allein den Kern des Betriebssystems, den Kernel, wollte Stallmann später programmieren. Doch da kam ihm 1991 der Finne Linus Torvalds zuvor – heute steuert die Kombination aus Torvalds’ Kernel und Stallmans GNU-Programmen Computer, Server, Router oder Android-Smartphones, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Torvalds stellte den Kernel, den er in Anlehnung an seinen Namen Linux nannte, unter Stallmans GP-Lizenz, worin viele einen wesentlichen Grund für Linux’ heutige Größe sehen. Das GNU/Linux-Betriebssystem wird etwa im französischen Parlament, der Stadt München, aber auch in Unternehmen wie Samsung, Google, Amazon oder Siemens verwendet.

ES WÄRE VERRÜCKT, ALLES SELBST UND OHNE OPEN-SOURCE-SOFTWARE ZU ENTWICKELN. MAN KÖNNTE IM WETTBEWERB NIE BESTEHEN.

Eine wesentliche Eigenschaft von OSS ist: Sie ist wie ein Virus – heißt, sie lebt von ihrer Verbreitung. Diese wird zuerst durch den freien Zugang, der sie im Wesentlichen von proprietären Softwarelösungen unterscheidet, befeuert. Je weiter sie sich verbreitet, also je häufiger sie angewendet wird, umso mehr Code für variierende Anwendungsszenarien entsteht, von immer mehr unterschiedlichen Entwicklern – deren Kollaboration erleichtert wird, weil sie egal wann und wo auf die Software zugreifen und sie modifizieren können. 12.000 Entwickler haben übrigens in den letzten zehn Jahren (als Linux begann, diese Zahl zu tracken) am Kernel gearbeitet. Dadurch wird sie immer besser und wiederum bekannter. Bekannter und besser bedeutet auch vertrauenswürdiger, was wieder dazu führt, dass sie häufiger angewendet wird. Wenn sie schließlich eine kritische Masse an Unternehmen, die sie verwenden, an Entwicklern, die an ihr arbeiten, und an Anwendungsfällen etabliert hat, breitet sie sich immer weiter aus und wird immer mächtiger. Am Platzhirschen Linux kommt man mittlerweile nicht mehr vorbei, wenn man im Wettbewerb mithalten möchte. Zwar kann durch die automatische GNU GP-Lizenzierung theoretisch keine kommerziell proprietäre Macht entstehen – aber: Die Macht hat der, der den Code kennt und entscheidet, welche Änderungen aufgenommen werden. Und das ist Linux.

„10.000 Zeilen Code werden dem Linux-Kernel von Entwicklern jeden Tag hinzugefügt, 8.000 Zeilen nehmen sie heraus und 1.800 Zeilen werden modifiziert übernommen – die Software ändert sich in der Stunde achtmal hinsichtlich bestimmter Anwendungsfälle: für eine GoPro oder ein Amazon Kindle, für ein soziales Netzwerk wie Facebook oder eine Suchmaschine wie Google. Es wäre verrückt, alles vom Anfang bis zum Ende selbst zu entwickeln. Man könnte nie halbwegs leist- bar und schnell mit technologischen Devices wie einem Smartphone oder aber auch einer Website auf den Markt gehen“, erklärt Zemlin.

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Grafik: Valentin Berger

An OSS programmieren Entwickler, die entweder bei einer Organisation wie Linux oder Mozilla angestellt sind – im Fall von Linux ist das aber die seltene Ausnahme –, oder sie sind bei Firmen angestellt, die OSS-Projekte verwenden. Die Entwickler modifizieren dann die OSS hinsichtlich dessen, was das Unternehmen braucht. „95 Prozent der Entwickler, die an Linux arbeiten, sind bezahlt. Sie werden vielleicht nicht stinkreich damit, aber sie können davon leben“, erklärt Zemlin – für das Funktionieren dieser Ökonomie ist das wichtig, denn freiwillige Programmierer unentgeltlich lang zu halten, funktioniert nicht. Genauso wenig, wie sie danach zu bezahlen, wie viele Zeilen Code es in die Linux-Software schaffen: Die rein entwicklerische Leistung werde fokussiert, beteuert Zemlin. Was gut ist, setzt sich durch. „Die Idee des Teilens und des Zusammenarbeitens an Code als Teil einer auch persönlichen Leidenschaft ist unheimlich stark.“ Sie ist eine weitere Säule der OSS-Ökonomie. „Die stärksten Projekte wiederum werden auch breit angewendet, und kreieren als Produkte monetären Wert. Dieser Wert wird wiederum in Projekte reinvestiert“, so Zemlin. Den Kreislauf schließen Unternehmen, die Ressourcen für Entwickler und Spenden für weitere Tätigkeiten der Stiftung als Mitglieder oder auch ohne Mitgliedschaft, bereitstellen.

Zuletzt hatte Microsoft eine „Platinum“-Mitgliedschaft abgeschlossen – laut Techcrunch kostet sie 500.000 US-$ jährlich. „Gold“-Mitglieder spenden 100.000 US-$, „Silver“-Mitglieder zwischen 5.000 und 20.000 US-$. Betrachtet man allein die 259 online ausgewiesenen Mitgliedschaften (11 Platin, 19 Gold, 229 Silber) beläuft sich das Spendenaufkommen auf sagenhafte 12 Millionen US-$. Laut Zemlin hat die Stiftung aber insgesamt 700 Mitglieder, der tatsächliche Betrag dürfte also noch weit höher sein. Miglieder werden in das Board of Directors aufgenommen, „erkaufen“ sich also Mitbestimmung in der Stiftung. Sie hat sich in diesem OSS-Kreislauf längst als richtungsweisender Kurator etabliert, was wiederum die Spendenthematik erleichtert, wie auch das folgende Beispiel beweist. „Die Blockchain-Initiative Hyperledger wird von Brian Behlendorf geführt. Er war bei der Entwicklung des Internets involviert und jetzt will er es grundlegend ver- ändern. Er nimmt sich der Blockchain als Open-Source-Software-Projekt an und arbeitet mit Firmen wie IBM oder JPMorgan zusammen. Die Software wird übers gesamte Internet hinweg frei nutzbar sein. Wir erschaffen ein Ökosystem um sie herum, indem wir Unternehmen davon überzeugen, dass sie sich auf den Code verlassen können – auch für kommerzielle Aktivitäten“, so Zemlin zu einer Ökonomie, die es zu kumulierten sechs Milliarden US-$ Wert von Linux-Code gebracht hat.

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Grafik: Valentin Berger

Ganz anders funktioniert die Mozilla Foundation. Sie ist alleiniger Eigentümer der Mozilla Corporation, die den Webbrowser Firefox, dessen Quelltext ebenfalls offen ist, beheimatet. Durch Partnerschaften bei der Suchleiste, die bei Öffnen des Browsers erscheint, erzielt er Einnahmen. Bis Ende 2014 war Google Partner, an dessen Stelle nun Yahoo getreten ist. „Das Modell von Mozilla ist besser. Sie müssen nicht dieses schwierige, auf Nachhaltigkeit ausgelegte Modell verfolgen. Im Gegenzug sind wir dafür nicht auf ein Produkt angewiesen, sondern 700 Organisationen sind von unserer Software abhängig“, so Zemlin. Die Abhängigkeit vom Produkt dürfte der Vorsitzenden der Mozilla-Stiftung sowie der Corporation, Mitchell Baker, schon seit einiger Zeit das Leben erschweren.

Bits and Pretzels - Day Two - Image ©Dan Taylor/Heisenberg Media.
Mitchell Baker begann 1994, für Netscape zu arbeiten; von 1999 bis 2001 leitete sie das damalige Netscape-Open-Source-Projekt Mozilla. 2001 hatte AOL Netscape übernommen und Baker gefeuert. Sie förderte Mozilla dennoch weiter und half 2003, die Mozilla-Stiftung zu errichten. Im selben Jahr wurde sie zur Präsidentin gewählt. 2005 gründete sie die Mozilla Corporation mit. Image ©Dan Taylor/Heisenberg Media.

Die Marktanteile von Firefox sind stark rückläufig. Im November 2009 hatte er noch rund 32 Prozent Marktanteil – aktuell ist er mit rund elf Prozent auf Platz drei (hinter Microsoft Internet Explorer mit rund 23 und Chrome mit rund 55 Prozent). „Die Herausforderungen am Markt sind groß“, so Baker, die gleichzeitig das philanthropische Engagement als einen wesentlichen Teil ihrer Arbeit sieht. „Die wenigsten wissen, dass Mozilla aus einer Non-Profit-Organisation heraus entstanden ist, mit der Mission, das Internet als öffentliche Ressource zu bewahren und basierend auf unseren Leitprinzipien mitgestalten zu können. Gleichzeitig realisieren wir die Wichtigkeit kommerzieller Aktivitäten“, so Baker, durch die 2014 329,5 Mio. US-$ Umsatz entstanden, die in die Stiftung fließen. Sie fährt viele Programme in den Bereichen Bildung und Innovation, engagiert sich für Sicherheit und Privatsphäre im Netz und lebt neben den Einnahmen der Corporation von Spenden.

OSS wurde anfangs von visionären Entwicklern aus philanthropischen Beweggründen ins Spiel gebracht. Diese so gut gemeinte Freiheit ist inzwischen Bestandteil einer Ökonomie geworden, in der auch Macht und Geld eine Rolle spielen – das schließt nicht gänzlich aus, dass diese Stiftungen viel Gutes tun, aber das mitunter nach außen getragene Selbstbild, rein aus Philanthropie heraus zu agieren, wankt ein wenig.

Dieser Artikel ist in unserer Dezember-Ausgabe erschienen. 

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