Tesla stellt die Autobranche auf den Kopf – Elon Musk im Interview

Dieses Interview erschien zuerst in der OKTOBER-Ausgabe von FORBES Austria

Elon Musk hat zur Eröffnung des Tilburg-Werks in den Niederlanden geladen – eine Einladung, der FORBES Austria gerne nachgegangen ist, denn Elon Musk gilt mit seinen Raketen, Elektroautos und Energiespeichern als kreativer Zerstörer, vor dem sich alteingesessene Marktteilnehmer besser in Acht nehmen. Lesen Sie im folgenden Interview, wie seine – und möglicherweise unsere – Zukunft aussieht.

FORBES: Herr Musk, zunächst eine leicht austrozentristische Frage: Werden Sie im Osten Europas expandieren? Denn bis jetzt ist Österreich das östlichste europäische Land, in dem Sie vertreten sind.

ELON MUSK: Ich habe begonnen, unsere geografische Expansion etwas zu bremsen, um sicherzugehen, dass unser Service hochklassig bleibt. In der Vergangenheit sind wir manchmal zu schnell gewachsen und konnten dann nicht mehr alle Märkte und Kunden perfekt bedienen. Aber auf lange Sicht werden wir dort mit Sicherheit vertreten sein.

Wann wird das so sein?
Wenn wir alle Märkte, auf denen wir jetzt sind, perfekt bedient haben.

Wie sieht es insgesamt mit Ihren Plänen in Europa aus? Mit Ihrem Werk im niederländischen Tilburg setzen Sie doch ein starkes Zeichen Richtung Europa, oder ist das eine Fehlinterpretation?
Ja, wir haben hier einen sehr guten Standort und genug Platz für Wachstum und Expansion. Das werden wir in den kommenden Jahren bestimmt nutzen. Wir werden hier mit ziemlicher Sicherheit einiges an lokaler Produktion starten – vielleicht wird auch das Model 3 eine Rolle spielen. Wir sehen uns bereits nach weiteren möglichen Standorten in Europa um und haben ein sehr starkes Committment diesem Markt gegenüber – besonders, weil sowohl der Markt als auch die lokale Nachfrage wachsen, was diese lokale Produktion nur logisch macht. Momentan verschiffen wir noch vieles von Kalifornien hierher, was unsere Logistikkosten ziemlich in die Höhe schraubt – es ist also ein logischer Schritt, auf die lokale Nachfrage mit einer lokalen Produktion zu antworten.

Tesla Fabrik

Wenn wir schon über Produktion sprechen: Wann kommt der erste vollautomatisch fahrende Tesla auf die Straße?
Rein technisch betrachtet – aber da spekuliere ich – wäre das in drei Jahren möglich. Allerdings gibt es dann noch die Regulierer, die Behörden. Die wollen Studien und Beweise, dass ein Auto, das autonom fährt, sicherer ist als eines, das von einem Menschen gelenkt wird. Bis dann der gesamte Prozess abgeschlossen ist, kann es bis zu vier Jahre dauern.

Sie sind bekannt dafür, die Welt verändern zu wollen, auf der anderen Seite müssen Sie für Ihre Aktionäre Gewinne erzielen. Wie geht das zusammen?
Ja, Sie haben recht, wir wollen die Welt verändern. Vor allem den Transport. Und Sie haben auch recht, dass wir auf lange Sicht Gewinne erzielen müssen. Wenn wir das nicht tun, bringen wir unsere Investoren gegen uns auf. Kurz und mittelfristig fließen aber alle Mittel in die Entwicklung des Model 3 und mit der Gigafactory (Anm.: Produktionsstätte der auch für private Haushalte verwendbaren Batteriestation „Power Wall“ in Nevada) haben wir ein weiteres Projekt, das viel Kapital benötigt. Deswegen wird es noch dauern, bis wir Gewinne machen. Nächstes Jahr wollen wir jedenfalls den Break-Even erreichen.

Apropos Gigafactory: Sind Sie da im Zeitplan? Wann wird dort die Produktion starten?
Wir produzieren die ersten Batterien wahrscheinlich im Frühjahr 2016. Die volle Produktion – beziehungsweise ein sehr hohes Produktionsvolumen – werden wird wahrscheinlich Ende 2017 erreichen.

Was wollen Sie mit der Powerwall erreichen?
Unser Batteriesystem Powerwall ist ein Produkt für den Endkunden. Wahrscheinlich werden wir am Anfang viel nach Deutschland, Australien und wahrscheinlich auch Österreich exportieren – in den USA sind wir vielleicht im industriellen Sektor vertreten. Insgesamt wollen wir die Produktion von Energie mit stationären Speichern stabilisieren – das ist unsere langfristige Sicht. Die Gigafactory ist hier mittelfristig das bislang fehlende Puzzleteil.

Zurück zu Ihrem Kerngeschäft: Wie groß kann denn der Markt für elektrische Fahrzeuge 2020 sein?
Ich habe die Hoffnung, dass es zumindest ein paar Prozent am gesamten Automarkt sein werden – zumindest ein paar Millionen Stück. Ich sehe unsere Rolle darin, diese Wende zu beschleunigen.

Läuft Ihnen da nicht die Zeit davon? Bislang gibt es aufgrund der hohen Preise von Tesla-Fahrzeugen noch keine kritische Masse …
Was viele übersehen, wenn es um Elektroautos geht – oder jede neue Technologie generell –, ist Folgendes: Um ein ansprechendes Massenmarktmodell herzustellen, das leistbar ist, muss man durch verschiedene Technologiephasen gehen. Wenn es gegenwärtig möglich wäre, ein leistbareres, massentaugliches Elektroauto herzustellen, würden wir es tun. Die Strategie, die wir jetzt verfolgen, ist also in Wirklichkeit gar nicht unsere Wahl, sondern wird von der technologischen Entwicklung vorgegeben. Deswegen habe ich in meinem allerersten Blogpost schon gesagt: Schritt eins ist es, ein Auto für ein niedriges Produktionsvolumen herzustellen – also den Roadster. Schritt zwei ist ein mittelgroßes Produktionsvolumen im mittleren Preissegment, und Schritt drei ist schließlich das höchstmögliche Produktionsvolumen zu einem möglichst niedrigen Preis. Wäre es möglich, Schritt drei von Anfang an umzusetzen, würden wir das tun.

Elon Musk Interview

Audi und Porsche haben auch Elektroautos vorgestellt – was sagen Sie zu Plänen dieser Konkurrenten, ab 2018 E-Autos auf den Markt zu bringen?
Ich finde es großartig, wenn große Autohersteller sich Richtung E-Autos orientieren. Sie haben großen Einfluss, und vielleicht ist es auch der Weg für VW, auf saubere Autos umzusatteln – etwa um seinen Ruf wieder herzustellen. Vielleicht würde es mit einer allgemeinen Umorientierung auch eine Preisfindung der externen Kosten, wie die Umweltverschmutzung, die durch CO2 entsteht, geben. Ich hoffe, die ganze Industrie wird elektrisch … obwohl, eigentlich bin ich davon überzeugt, dass das die Zukunft sein wird.

Da Sie VW erwähnt haben: Wie konnte es zu einem epischen Skandal wie „Diesel-Gate“ kommen?
Dieser Fall zeigt uns, dass wir die Grenzen der Physik erreicht haben – und das wahrscheinlich schon vor Jahren. Verbesserungen geschehen nur noch schrittweise. Ich kann mir also vorstellen, dass der Druck bei VW, ihre Autos zu verbessern, unheimlich groß war. Da man die Grenzen der Physik aber schon erreicht hatte, war dieses Tricksen die einzige Möglichkeit. Die Hersteller sind damit in einen Krieg gegen die Physik gezogen. Das Tückische an dieser ganzen Sache ist aber, dass die einzige Möglichkeit, Fahrzeuge zu verbessern, die ist, die Architektur des Fahrzeugs fundamental zu ändern – etwa indem man auf Strom umsteigt. Dann kann CO2 vermieden werden. Das wäre auch eine echte Verbesserung für die Gesundheit der Menschen, vor allem in städtischen Gegenden. Ich hoffe, dass die Ereignisse rund um VW dazu führen, dass große Firmen verstärkt in diese Richtung denken.

Braucht es vielleicht nicht auch realistischere Tests?
Ja, klar. Ich finde es sehr gut, dass dieser Bereich reguliert ist und es Drittparteien gibt, die das überprüfen. Die Tests müssen aber noch rigoroser werden. Dazu sollte man nach dem Zufallsprinzip Autos unterschiedlicher Baujahre aus dem Straßenverkehr nehmen und überprüfen, wie viel Schadstoffe sie produzieren.

Aber ist die ganze Situation, einmal rein egoistisch vom Standpunkt eines Tesla-CEOs gesehen, nicht ein Glücksfall?
Wenn man das rein von der geschäftlichen Seite sieht, dann ist das natürlich zutreffend. Aber für uns gibt es ein viel wichtigeres und größeres Anliegen – nämlich eine gute Zukunft zu schaffen. Was nützt mir ein prall gefülltes Bankkonto, wenn die Zukunft schrecklich ist?

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