Einen einzigen Mitarbeiter hat die wohl kleinste Bank Deutschlands, die sich im baden-württembergischen Gammesfeld befindet. Seit zehn Jahren leitet Peter Breiter das Institut – und ist dabei Bankdirektor und Putzkraft in Personalunion. Die Bank schreibt vor allem wegen ihrer loyalen Kunden Gewinne, doch steht Breiter wegen Regulierung und Niedrigzinsen vor einer ungewissen Zukunft.

Trotz seiner großen Leiden­schaft für den Fußballsport – Peter Breiter spielt selbst noch im lokalen Seniorenteam und trainiert die Damenmannschaft – sieht sich der Gammesfelder keine Spiele mehr im Fernsehen an. „Früher war ich Fan des VfB Stuttgart, aber der Profisport ist für mich nur noch Geldschieberei. Das ist kein Sport mehr, ich kann damit nichts mehr anfangen. Wenn da einer 15 oder 20 Millionen € im Jahr bekommt – so gut kann der doch gar nicht sein, im Vergleich zu einem Fabriksarbeiter etwa. Den Spielern selbst mache ich keinen Vorwurf, denen wird es nachgeworfen, ich würde das Geld ja auch nehmen. Aber das ist doch nicht mehr normal.“

Groß gewachsen, in kurzärmeligem Hemd und mit Sneakern an den Füßen steht Breiter an seiner Theke. Hinter ihm stapeln sich Ordner und Akten, ausgedruckte Kontoauszüge, auf dem Tisch liegt einsam ein Kündigungsschreiben an eine Versicherung, das Breiter von einem Kunden übernommen hat. Breiter ist Bankdirektor. Wer bei dem Wort aber an ein Eckbüro mit schöner Aussicht, ein fettes Gehalt und einen Nadelstreifenanzug denkt, irrt. Denn Breiter leitet ein Finanzinstitut, das zum gängigen Bild nicht gegensätzlicher sein könnte. Einen einzigen Mitarbeiter – nämlich Breiter selbst – stellt die Raiffeisenbank Gammesfeld in Baden-Württemberg an. Die 1890 gegründete Bank wirkt wie eine Zeitmaschine. Das Interieur stammt aus den 70er- oder 80er-Jahren und könnte von der oft beschriebenen „Bankfiliale der Zukunft“ mit Multiautomaten und Videoberatung nicht weiter entfernt sein. „Als innovativ würde ich uns eigentlich nicht bezeichnen. Letztendlich machen wir seit 100 Jahren immer das Gleiche.“ „Das Gleiche“ bedeutet in diesem Zusammenhang ein Geschäftsmodell, das auf drei Produkten aufbaut: Girokonto, Sparkonto, Darlehen. Alles andere, jeglicher Schnickschnack, den das moderne Finanzsystem sich über die Jahrzehnte ausgedacht hat, lehnt man hier ab.

Als innovativ würde ich uns eigentlich nicht bezeichnen – letztendlich machen wir seit über 100 Jahren immer das Gleiche.

Der ausgebildete Bankkaufmann Breiter übernahm die Bank am 1. Jänner 2008, mitten in der Finanzkrise. „Da ist einiges passiert seither“, sagt der gebürtige Gammesfelder auf diese Zeit angesprochen. Breiter war einer von insgesamt sechs Bewerbern für den Posten des Bankdirektors der wohl ­kleinsten Bank Deutschlands; er setzte sich durch. Erster Schritt war damals eine zweijährige Ausbildung, da Breiter die Qualifikation für einen Bankdirektor bei Amtsantritt noch nicht hatte. Kurz nach elf Uhr morgens spaziert Breiters Vorgänger Fritz Vogt bei der Tür herein. „Wie geht es dir, Peter?“ „Gut geht’s mir, Fritz, danke. Sag, kannst du mich am Donnerstag vielleicht wieder vertreten?“ Vogt stimmt sofort zu, trotz seiner 87 Jahre übernimmt er die Vertretung in der Bank scheinbar auch heute noch mit Vergnügen.

Es war Vogt, der die Bank jahrelang führte und zu einiger nationaler Bekanntheit brachte. Angesichts der immer noch intensiven europäischen Bankenregulierung, die auch Minibanken trifft, barg das gewisse Herausforderungen. So wurde Vogt etwa 1984 die Banklizenz entzogen, da er das für Banken vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verletzte. Denn als Putzkraft, Hauswart, Sekretär, Kundenbetreuer und Bankdirektor in Personalunion fehlte Vogt natürlich ein Augenpaar. Vogt scherte sich um seine Lizenz jedoch wenig und führte die Bank weiter. Bis 1990 dauerte der darauffolgende Rechtsstreit, im Laufe dessen sich Vogt seine Berechtigung erfolgreich erstritt. „Der Fritz hat gemeint, die Kunden brauchen die Bank. Das muss man sich mal überlegen: Welcher Bankmanager riskiert denn seine Freiheit, weil er sich Sorgen um seine Kunden macht?“ Seither hat sich eigentlich wenig verändert. Heute ist die Bank weiterhin an kein Rechenzentrum angeschlossen – mit 50.000 € Jahreskosten zu teuer, sagt Breiter – und hat erst seit 2009 einen Computer, auf dem das Geschäft erledigt wird. Dennoch schreibt Breiter jeden Kontoauszug selbst, die Meldungen gehen deshalb manchmal etwas verspätet raus. „Die regen sich ­immer furchtbar auf, aber letztendlich geht es dann doch immer.“

Kunde werden kann nur, wer entweder in Gammesfeld wohnt oder mit dem Ort eng verbunden ist. Breiter: „Das nimmt lustige Ausmaße an, etwa ist der Torwart unserer Fußballmannschaft zu mir gekommen und hat gefragt, ob er denn endlich ein Konto bei uns haben darf.“ Zwischen 800 und 1.000 Kunden hat Peter Breiter, die Anzahl der Genossenschaftsmitglieder beläuft sich auf etwa 330 Personen. Diese Philosophie zu verlassen, um das Wachstum voranzutreiben, ist für Breiter kein Thema. „Wir bekommen Anrufe aus ganz Deutschland von Leuten, die hier Geld anlegen wollen. Sechs- oder gar siebenstellige Summen sind das. Doch wir wollen die Leute persönlich kennen.“ Als eines der letzten Institute folgt die Bank damit der Philosophie des Namensgebers Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der deutsche Kommunal­beamte und Sozialreformer gehörte zu den Gründern der genossenschaftlichen ­Bewegung. Ursprünglich als Spargemeinschaft für landwirtschaftliche Vereine konzipiert, entstanden daraus Genossenschaftsbanken, die heutzutage vor allem im deutschsprachigen Raum noch weitverbreitet sind. Bekanntestes Markenzeichen ist das Giebelkreuz.

Raiffeisen wollte, dass die Vereine Geld ansparen, das dann wiederum den Mitgliedern zugutekommt. Breiter will das noch immer so handhaben – doch die bereits erwähnte Regulierung verhindere dies: „Wir erwirtschaften keine schlechten Gewinne, und eigentlich würde ich dieses Geld gerne an unsere Mitglieder ausschütten. Doch wegen Eigenkapitalvorschriften haben wir das Geld in den letzten Jahren leider in der Bank belassen müssen.“ Diese „guten Gewinne“ belaufen sich auf rund 30.000 bis 40.000 € pro Jahr. Das ­Eigenkapital liegt bei rund 1,7 Millionen €, was bei ­einer Bilanzsumme von rund 30 Millionen € rund fünf Prozent Eigenkapitalquote gibt – niedrig im Vergleich mit den Großen. Die Deutsche Bank schrieb 2016 einen Verlust von 1,4 Milliarden €. Die Bilanzsumme betrug Ende 2016 rund 1,6 Billionen €, die Eigenkapitalquote (nach Vollumsetzungsregeln von Basel III) 11,8 Prozent. Die Zahlen der Commerzbank: Gewinn 279 Millionen €, Bilanzsumme 480 Millionen €, Eigen­kapitalquote (nach Vollumsetzung) 12,3 Prozent.

Und obwohl Breiter nicht ohne Stolz erzählt, dass man von Turbulenzen an den Aktienmärkten unabhängig sei: Ganz entziehen kann auch er sich der Außenwelt nicht. Denn die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank beeinflusst natürlich auch das Geschäft der Gammesfelder Bank, die ihre Gewinne lediglich mit Zinsen erzielt. Alle anderen Dienstleistungen, auf die im Bankenwesen normalerweise Gebühren und Provisionen anfallen, sind gratis – und kosten das Institut letztendlich Geld. Dennoch hält man auch hier eisern an der Philosophie fest. „Wir behandeln alle gleich. Es ist egal, ob jemand einen oder eine Million € auf dem Sparbuch hat – der Zinssatz ist der gleiche. So kann keiner draufkommen, dass jemand einen höheren Zinssatz hat. Das Gleiche machen wir bei Krediten, egal ob jemand ein Auto kauft oder ein Haus baut.“ Diese Zinsen belaufen sich derzeit auf 0,2 Prozent für Sparer, die Kreditzinsen betragen 1,7 Prozent. Bei Überziehung des Girokontos werden fünf Prozent fällig. Die Homepage der Baden-Württembergischen Bank bietet eine Vergleichsmöglichkeit: Sparzinsen von rund 0,01 Prozent pro Jahr (auf Einlagen bis 3.000 €), Kreditzinsen ab 3,49 Prozent pro Jahr und Überziehungszinsen bei Girokonten von rund 9,5 Prozent. „Bis 2021 bleibt uns – laut Hochrechnungen – noch etwas übrig. Bis dahin machen wir noch Gewinn – und dann wird es eng.“ Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, wäre Wachstum. Doch neben dem schon erwähnten Verlust der Kundennähe ist Breiter so ein Schritt auch aus einem anderen Grund suspekt. Denn angesprochen auf große Finanzinstitute, Finanzkrise und Bankenrettungen, äußert Breiter einen einzigen Vorwurf, aus dem sich alles andere ableiten ließe: die Größe. „Alle Probleme – Korruption, Misswirtschaft etc. – entstehen aus der Größe der Banken. So große Banken, wie wir sie heute weltweit haben, kann man nicht mehr effizient verwalten. Und dann kommen solche Sachen dabei heraus.“

Man entferne sich vom Kunden, es komme zu Risikoaufnahme, Spekulation, Verlusten. Ergibt Sinn, wenn Breiter das so analysiert. Doch auch sein Institut hat so einige Herausforderungen zu bewältigen. Denn weil eine Umstellung auf das gängige System für EC-Karten zu teuer gewesen wäre, musste das Plastikgeld in Gammesfeld wieder abgeschafft werden. Das kostet junge Kunden. Denn die wollen nun mal eine Karte, um ihre Zahlungen zu tätigen. „Das ist schon ein Problem. Wirklich verlassen hat uns jetzt niemand, aber die Daueraufträge auf andere Konten haben deutlich zugenommen. Von dort aus zahlen unsere Kunden dann mit ihrer Karte.“ Eine Fusion kommt – wenig überraschend – aber ebenfalls nicht infrage. „Lieber sterbe ich einen langsamen Tod (wegen einer wegbrechenden Kundenbasis; Anm.), als zu fusionieren.“ Als die Tür aufgeht und der erste Kunde des Tages bei der Tür hereinkommt, schreckt Peter Breiter auf. Er hat sich scheinbar in seinen Ausschweifungen etwas verloren. Es ist 12.45 Uhr, vor 15 Minuten hatte die Bank ihre Pforten offiziell geöffnet. Denn die Öffnungszeiten sollen kundenfreundlich sein, wodurch Bankgeschäfte in Gammesfeld zwischen 12.30 und 14 Uhr sowie 19 und 21 Uhr möglich sind. „Hast du heute frei?“, fragt Breiter den ersten Kunden des Tages gleich nach dessen Ankunft. „Normalerweise kommst du ja immer erst abends.“ Als der Kunde eine Überweisung auf das Konto seiner Mutter tätigen will, fragt Breiter nach der Kontonummer. Fast scheint er sich zu ärgern, dass er die Zahl nicht auswendig weiß. „300, wie immer?“, fragt er noch, bevor er dem Kunden seine Auszahlung aushändigt. Einen Schritt in Richtung Wachstum denkt Breiter aber dennoch an: „Sollte mein Vorgänger, der Fritz, nicht mehr aushelfen können, werde ich eine Teilzeitkraft einstellen. Kontoauszüge schreiben kann jeder und ich könnte mich dann auf die wichtigeren Sachen konzentrieren, etwa Kreditvergaben. Das wird kommen, denke ich.“ Bis 2021 steht die Bank also jedenfalls noch in der 500-Seelen-Gemeinde irgendwo zwischen Stuttgart und Würzburg. Ob Breiter darüber hinaus – trotz aller Herausforderungen – erfolgreich bleiben kann, muss sich erst zeigen. Ebendiese Überlebensfrage stellt sich aber auch für viele andere Banken, nicht zuletzt die ganz großen. Während die sich jedoch ständig Kritik aufgrund fehlender Innovationskraft anhören müssen und sich in Digitalisierung und Margenerosion verlieren, denkt Peter Breiter offensichtlich überhaupt nicht daran, sein Geschäftsmodell zu verändern. „Komme, was wolle – wir ändern uns nicht.“

 

Text: Klaus Fiala | klaus.fiala@forbes.at

Fotos: Thomas Berberich

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