Eigentum in der digitalen Zukunft

Oder: Warum sieht die Ausfahrt aus dem traditionellen Kapitalismus immer aus wie ein Mad-Max-Film?

Die Digitalisierung im Sinne der Möglichkeit, mit allen Menschen Kontakte und Kollaborationen starten zu können, ohne traditionelle Institutionen um notwendige Diskussion um das Grund Erlaubnis zu fragen, nährte zunächst die Hoffnung, dass die bestehende Einkommensverteilung überspielt werden könnte. Es schien, als würde der Zugang (Access) zu Informationen wichtiger werden als der Besitz materieller und finanzieller Güter. Inhalte aus dem Netz können von jedem kostenfrei genutzt werden, um sich weiterzubilden, und Software kann frei genutzt werden (Open Source). Die Möglichkeit schien nahe, die bestehenden Gesellschaftsstrukturen zu verändern. Selbst die so klassenbewussten Engländer identifizierten auf einmal völlig neue soziale Gruppen, die zwar wenig ökonomisches, aber viel kulturelles und soziales Kapital aufweisen konnten und sich in Richtung der alten Eliten vorschoben.

Zu diesem Verständnis der Digitalisierung kam in den letzten Monaten verstärkt eine weitere Dimension hinzu: Digitalisierung im Sinne von durchgehender Automatisierung der Produktionsprozesse – von Fabriken also, die so menschenleer sind, dass die Roboter am Abend das Licht ausschalten könnten (Lights Out Factory). Plötzlich erschien die Digitalisierung nicht als ein Heilsbringer, sondern als ein Arbeitsplatzvernichter. Bis zu 66 Prozent aller Jobs, so eine Prognose, würden schlussendlich diesem Phänomen zum Opfer fallen.

Auch wenn diese Prognosen nicht morgen eintreten werden und wir in der Zwischenzeit eher einen Anstieg an Wissensarbeitern zu verzeichnen haben, so ist das Endziel jedem klar: Die Automatisierung trachtete stets danach, das Individuum zu ersetzen.

Plötzlich stehen auch reiche Gesellschaften vor der Frage, was passiert, wenn die Arbeit ausgehen wird. Wie kann ein sozialer Vertrag, zwischen denen, die Einkommen und Eigentum haben, und denen, die es nicht haben, aussehen? Und fast noch wichtiger: Wer ist überhaupt Teil dieser Gesellschaft? Die Geber in der digitalen Gesellschaft werden zudem immer mächtiger: Der Arzt kann mithilfe künstlicher Intelligenzen und Robotern mehr Patienten betreuen, der Investmentbanker kann virtuell Gelder verschieben, die den Budgets mancher Staaten gleichen. Wie kann also ein Kontrakt zwischen den Gebern und den Nehmern aussehen, ohne die Geber zu demotivieren oder die Nehmer in den offenen Aufstand zu pressen?

Konflikte werden wahrscheinlich: Menschen werden sich gegen Roboter wehren, sie werden sich gegen andere Nehmer wehren, insbesondere, wenn sie von einem anderen „Stamm“ sind. Die notwendige Diskussion um das Grundeinkommen wird zu einem Erstarken des rechten Ethnonationalismus führen. Es entsteht eine skurrile Mischung aus Modernität und archaischem Verhal- ten, welche durch einen postfaktischen Diskurs unterlegt wird. Staaten droht der Zerfall. Der Endpunkt? Der in Ös- terreich gebürtige, aber hierzulande un- bekannte Roboterwissenschaftler Hans Moravec entwickelte eine beruhigende Vision: Die Roboterfabriken werden von Robo-Bossen in einem kapitalisti- schen Wettbewerb geführt und siedeln sich in jenen Kommunen an, die ihnen gute Rahmenbedingungen bieten (Steuern). Damit wird ein Grundeinkommen bezahlbar und die Menschen können so leben, wie sie wollen – falls es gelingt, die dystopische Transformationsphase zu überdauern.

Über den Autor:

Ayad Al-Ani ist Geschäftsführer der digitalen Beratungsagentur tebble. Der promovierte Handelswissenschafter und Politologe war viele Jahre für internationale Consultingfirmen tätig. Von 2009 bis 2012 war er Rektor und Professor an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule in Berlin, seit 2013 ist er u.􏰀a. assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Gemeinsam mit der Bildungspsychologin Christiane Spiel, Wifo-Chef Christoph Badelt, dem Genetiker Markus Hengstschläger, der Schauspielerin Mercedes Echerer, dem Industriellen Norbert Zimmermann, dem Juristen Heinz Mayer und der Beraterin und Leadership-Expertin Gundi Wentner ist Al-Ani Mitglied des Forbes-Austria-Weisenrats.

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