DIE TAGESPRESSE vs. Anwaltshumor: Junior und Senior im Interview

Jergitsch mal zwei: Der Vater erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der Sohn nicht minder erfolgreicher Internet-Star. Doch so unterschiedlich die Karrieren von Friedrich und Fritz Jergitsch auch sind: Ihr trockener Humor und die Vorliebe für gutes Essen verbindet sie.

Zur Begrüßung gibt’s ein Bussi auf die Wange und einen liebevollen Schulterklopfer. Sehr herzlich, fast, als hätten sich Fritz und Vater Friedrich Jergitsch seit Monaten nicht mehr gesehen. Dabei treffen sich die beiden regelmäßig zum gemeinsamen Dinieren. Gut essen zu gehen ist ein Hobby, das die beiden teilen. Ansonsten – von außen betrachtet – haben der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt und sein Sohn, der vor wenigen Jahren den Satire-Blog „Die Tagespresse“ entwickelt hat, nicht allzu viel gemeinsam. Schon die unterschiedliche Wahl der Kleidung – der Junior sehr casual im Sweater, der Senior im edlen Zwirn – lässt vermuten, dass hier der Apfel sehr weit vom Stamm gefallen ist.

Die Tagespresse - Fritz Jergitsch

Jergitsch junior hat im zarten Alter von 22 Jahren den Satire-Blog DieTagespresse.com im Alleingang hochgezogen. Heute zählt die Tagespresse zu den erfolgreichsten Satiremedien im deutschsprachigen Raum. Für Vater Jergitsch kam der Erfolg seines Sohnes etwas überraschend. „Ich habe Fritz ursprünglich gar nicht zugetraut, dass er in dieser Branche reüssieren kann, weil er immer ein bisschen brummig ist“, sagt Friedrich Jergitsch. Fritz gibt ihm recht: „Sich Pointen zu überlegen und sie niederzuschreiben ist eigentlich eine trockene Arbeit. Man kann sich das wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich lache wirklich nicht so viel untertags“, versichert der Junior. Muss er ja auch nicht – dafür lachen seine Leser umso mehr und bescheren der Tagespresse mittlerweile enorme Zugriffe. Obwohl man den Humor bei Jergitsch senior berufsbedingt – er gilt als einer der besten Bankenanwälte – gar nicht vermuten würde, orten die Jergitschs im Humor eine große Gemeinsamkeit. „Meine Causen sind meistens nicht lustig. Ich würde mich trotzdem als heiteren Menschen bezeichnen“, sagt der Freshelds-Partner und schmunzelt zur Bestätigung.

In die Wiege gelegt wurde Fritz Jergitsch jedenfalls auch das Interesse an politischen Themen, die oft Aufhänger für Tagespresse-Beiträge sind. „Ich bin dankbar, dass ich in einem Elternhaus aufgewachsen bin, in dem diese Themen stets eine Rolle gespielt haben. Ich bin überzeugt davon, dass mir der ständige politische Diskurs zu Hause auch bei meiner jetzigen Arbeit hilft“, sagt der Gewinner des Österreichischen Kabarettpreises 2015 in der Kategorie Satire.

Der Apfel fällt weit vom Stamm

Den gleichen Karriereweg wie sein Vater zu gehen war für den jungen Satiriker nie eine echte Option. „Trockene Gesetzestexte mit schlauer Argumentation vereinen zu können hat mich anfangs schon fasziniert. Was mich aber dann doch abgeschreckt hat, war das viele Auswendiglernen. Und Disziplinen wie Versicherungsrecht waren für mich überhaupt ein rotes Tuch“, sagt der Juristenspross.

Friedrich Jergitsch hat sich ganz bewusst nie in die Pläne seines Sohnes eingemischt, obwohl er am Anfang sehr skeptisch war. „Einerseits wollte ich Fritz nicht an seinen Plänen hindern, andererseits war ich mir des möglichen öffentlichen Echos bewusst. Das muss man auch aushalten als Person, und damit umgehen können“, glaubt der Vater. Besonders beeindruckt hat ihn, dass sein Sohn das ganze Projekt „Tagespresse“ juristisch präzise durchdacht und sauber umgesetzt hat. Dass es der Papa in kritischen Fällen richten werde, war keinesfalls klar. Jedenfalls hat Jergitsch seinem Sohn das nie offen zugesichert.

tagespresse

Und heikle Situationen gab es für den Herausgeber der Tagespresse schon einige Male, etwa im Juni 2013: Als er über die Ankunft von NSA-Aufdecker Edward Snowden am Flughafen Schwechat berichtete, sorgte er für internationales Aufsehen. „Ein Sprecher des Außenministeriums musste das damals öffentlich dementieren und da habe ich mich schon kurz gefragt, ob ich Mist gebaut habe“, berichtet Fritz. Doch die Wogen glätteten sich rasch, und heute kann er darüber lachen. Rechtlich hat man in der Satire überhaupt ziemliche Narrenfreiheit, „weil zum Beispiel Politiker vor der Öffentlichkeit nicht humorlos wirken wollen und daher nicht gegen satirische Beiträge vorgehen“, sagt Fritz Jergitsch. Aktuell zählt seine Satire-Website beeindruckende 900.000 Unique Clients und 1,2 Millionen Visits im Monat und beschäftigt neben Jergitsch noch zwei weitere Mitarbeiter.

Der Rummel um den Sohn geht auch an dessen Vater nicht spurlos vorüber. „Ich werde mindestens zweimal pro Woche auf die Tagespresse und meinen Sohn angesprochen. Meistens gefällt den Leuten, was er macht. Langsam brauche ich einen eigenen PR-Berater“, scherzt Jergitsch senior. Er gibt seinem Sohn auch regelmäßig Feedback, wenn ihm ein Beitrag einmal nicht so gut gefällt. „In den relativ seltenen Fällen, wenn der Humor grob oder untergriffig ist, dann sage ich ihm das auch.“ Zu oft sei das aber nicht der Fall, versichert Fritz. Überhaupt sei der überwiegende Teil der Leserreaktionen positiv. Vor allem religiöse Beiträge würden ihm gelegentlich Kritik eintragen.

Die anfängliche Skepsis von Friedrich Jergitsch hat sich mittlerweile in Stolz gewandelt: „Ich finde, dass er sehr gut schreibt. Das lag ihm schon als Kind. “Finanzielle Unterstützung des Elternhauses gab es für die Tagespresse nie. „Da alles Marke Eigenbau ist, war hier keine Anfangsinvestition erforderlich. Das ist so, wie wenn man Rechtsberatung auf der Parkbank erbringt“, meint der Vater. Eigenbau hin oder her, mittlerweile kann der Sohn längst von der Satireseite leben, wenn auch nicht sehr feudal. Denn anders als sein Vater, der im Nobelbezirk Hietzing residiert, wohnt er in einem schmucklosen Gemeindebau nahe dem Handelskai.

Auch wenn Fritz für die „trockene“ Arbeit seines Vaters nur wenig Sympathien aufbringen kann, als Vorbild hat er ihn immer gesehen. „Ich habe an meinem Vater immer bewundert, dass er so viel Energie in seinen Beruf hineingesteckt hat. Es erfordert viel Ehrgeiz, in seiner Branche zu bestehen“, glaubt er. Jergitsch senior freut sich über die anerkennenden Worte seines Sohnes – schließlich hört er sie zum ersten Mal.


Doppelconference über…

… die Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Hatten Sie Angst?
FRITZ:Kurz habe ich schon darüber nachgedacht, ob mich das selbst betreffen könnte, und ich war bestürzt. Aber ich denke, dass die Tagespresse kein so provokantes Medium ist, dass die Beiträge derart verärgern könnten, um jemanden zu drastischen Mitteln dieser Art greifen zu lassen.

FRIEDRICH: Ich habe keine Angst gehabt, weil ich auch denke, dass die Tagespresse ein sehr subtiles und gutartiges Medium ist – innerhalb dessen, was Satire ist. Und ich habe enormen Respekt vor Leuten, die ihre Meinung in dieser Form vertreten.

… die Wahl der Schwiegertochter …
FRITZ: Ich nehme es schon ernst, wenn mein Vater seine Meinung äußert. Sachen, die mich betreffen, entscheide ich dann trotzdem nach meinem Gutdünken.

FRIEDRICH: Es wäre total vermessen, sich da einzumischen. Ich habe natürlich meine Meinungen und sage diese auch manchmal. Aber es ist ja in erster Linie Fritz’ Leben, daher muss er die Entscheidungen treffen und letztendlich auch deren Folgen tragen.

… das umstrittene Freihandels­ abkommen TTIP …
FRITZ: Ich finde, die Ängste sind zum Teil berechtigt, aber der Großteil ist reine Panikmache. Über kurz oder lang müssen Länder kooperieren und gewisse Möglichkeiten des wirtschaftlichen Austauschs einrichten, allerdings nicht auf Kosten der Standards, die wir in Europa haben.

FRIEDRICH: Ich glaube, dass zu wenig transparent verhandelt wurde, die statistischen Vorteile für die Volkswirtschaften in der Politik zu hoch angesetzt wurden und man letztlich gewisse Standards auch nicht opfern sollte.

… eine neue, zukünftige Berufs­wahl …
FRITZ: Satire werde ich vielleicht nicht mein ganzes restliches Leben machen, aber in diesem Social-Media-Bereich werde ich langfristig sicher bleiben. Wahrscheinlich gibt es den Job noch gar nicht, den ich in 20 Jahren haben werde.

FRIEDRICH: Ich bin nicht sicher, ob ich zu etwas anderem als Anwalt tauge. Im Ernst: Mich interessieren viele andere Dinge, mit denen ich mich ab und zu beschäftige. Ob ich jemals einen anderen Beruf ergreifen werde,
das lasse ich offen.

FOTO: Matthias Hombauer

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