Die österreichische Bildungspolitik braucht einen Neustart

Hinweis: Dieser Artikel stammt aus unserem Forbes-Weisenrat und wurde von Dr. Gundi Wentner (Gründungspartnerin von Deloitte Human Capital Österreich) verfasst.

Laut aktuellem Rechnungshofbericht liegt Österreich mit Bildungsausgaben in Höhe von 13.200€ pro Kopf um 30 Prozent über dem OECD-Schnitt. Andererseits schneiden unsere Schülerinnen und Schüler bei Zentralmatura, PISA oder Bildungsstandards relativ schlecht ab. Das passt nicht zusammen.

23 Prozent aller österreichischen Schülerinnen und Schüler brauchen private Nachhilfe, das bedeutet 110.000 € an Nachhilfekosten für die Familien. Rund zwei Drittel der Kinder brauchen die Eltern beim Lernen, dies entspricht der Arbeit von 36.000 Vollzeitbeschäftigten. So viel zum Input. Aber was kommt dabei heraus? Der Output ist ernüchternd: Viele Jugendliche erreichen nicht den Mindeststandard und schaffen gerade den Pflichtschulabschluss. Sie verfügen nicht über die Kompetenzen, um in einer komplexen Welt bestehen zu können – weder im Beruf, noch im Privaten oder der Gesellschaft. Sie kennen ihre Talente nicht, sind in der Berufswahl desorientiert. Und vor allem sind sie nicht auf eine Arbeitswelt vorbereitet, in der lebenslanges Lernen eine Grundvoraussetzung ist.

Das österreichische Schulsystem versagt nicht nur bei der Vermittlung von Basiswissen, sondern besonders bei der Aneignung persönlicher Kompetenzen, die Menschen in der Lebens- und Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts brauchen.Auch wenn die Schule natürlich nicht eins zu eins mit einem Unternehmen vergleichbar ist, wäre es in Österreich höchste Zeit, nicht nur genau hinzuschauen, was die Wirtschaft vom Bildungssystem erwartet, sondern auch zu lernen, was in Organisationen außerhalb der Schule die Schlüsselfaktoren für Erfolg sind
– zum Beispiel Leadership und Performance Management.

Wir brauchen klare Ziel- und Leistungsvereinbarungen für Schulleiterinnen und Schulleiter ebenso wie für Lehrerinnen und Lehrer. Diese müssen durch Leistungskontrolle sowie Beurteilung objektivierbar und vergleichbar gemacht werden. Denn wie sollen Leistung und Output stimmen, wenn es darüber kein gemeinsames Verständnis, kein Feedback, keine Nachvollziehbarkeit und keine Konsequenzen gibt? Schulleiterinnen und Schulleiter brauchen Management- und Leadership-Kompetenzen. Dafür muss das Berufsbild Schulleitung neu definiert werden. Wie sonst sollen sie ein komplexes System wie eine Schule führen, wenn sie es nie erlernt haben und ihnen das Selbstverständnis fehlt.

Inhaltlich muss das wichtigste Ziel der Schule sein, die Talente der Schüler zu erkennen und zur Entfaltung zu bringen. Wie soll ein junger Mensch später erfolgreich sein, wenn er immer nur an seinen Schwächen und Fehlern gemessen wird? Auf diese grundlegenden Themen muss der Fokus der Bildungspolitik gelegt werden. Daraus ergeben sich auch die konkreten dringend notwendigen Maßnahmen: konsequente SchulleiterInnenentwicklung, mittleres Management an großen Schulen, Abschaffung der in Unterrichtsstunden definierten Lehrverpflichtung und des veralteten Arbeitszeitverständnisses, intensive LehrerInnenfortbildung. Diese Reformen sind die Voraussetzung für die flächendeckende Einführung der echten Ganztagsschule als gemeinsame Schule der 6- bis 14-Jährigen. Nur so kann der enorme Druck von Eltern und Kindern genommen und die unheilvolle Korrelation von sozialem Status der Eltern und Bildungsniveau der Kinder durchbrochen werden.

Der jüngste Wechsel an der Regierungsspitze gibt Hoffnung auf einen längst überfälligen Paradigmenwechsel. Die Konzepte liegen auf dem Tisch, jetzt braucht es eine mutige Umsetzung. Das schulden wir unseren Kindern.

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