Er startete als Schuhdesigner – 19 Jahre später ist er Designchef bei Nike

Der weltweit führende Sportartikelhersteller Nike rekrutierte den Schweizer Martin Lotti direkt nach der Uni. Er startete als Schuhdesigner – 19 Jahre später ist er Designchef.

Er gilt als Tüftler, als einer, der in der Verbindung von Forschung, Handwerk und Design versinkt. Einer, der obsessiv über Lösungen nachdenkt und diese akribisch umzusetzen versteht. Nachts, wenn alle schlafen und er in seinem privaten Studio sitzt, hat er die besten Ideen, sagt er. Er, das ist Martin Lotti, 41 Jahre alt und Vice President sowie Creative Director des Sportartikelriesen Nike. Lotti wurde kürzlich vom US-Wirtschaftsmagazin „Fast Company“ auf Platz 28 der „Top 100 Creative People in Business“ gesetzt.

Nicht die erste Ehre, die dem im Schweizer Fribourg aufgewachsenen Designer zuteilwurde. Als mittlerweile legendär gilt sein Entwurf des Schuhs Air360, der – unter anderem – Teil der Dauerausstellung im Museum of Modern Art in San Francisco ist. Auch die kollektive Farbgebung „Volt“ bei allen Nike-Schuhe tragenden Athleten bei den Olympischen Spielen 2012 in London gilt als Lottis Idee – „das hat sich als sehr erfolgreich herausgestellt“. Wegbereitend soll Lotti auch für die FlyKnit-Technologie gewesen sein – und kürzlich war da noch die Einführung des neuen Fußballschuhmodells der Mercurial-Serie für die EM 2016. Lottis Arbeiten finden nicht nur innerhalb der eigenen Firma Beachtung – seine Liebe zum Nonchalanten aus der Ferne und dem Detail aus der Nähe ist in der ganzen Branche bekannt. Lotti selbst nennt es immer wieder „simple complexity“.

Wenn er sich dazu anschickt, die „Bauart“ seiner Designs zu erklären, zeigt sich, wie stark der Leitspruch „We Serve Athletes“ der „Eager Beavertons“ („die Eifrigen aus Beaverton“, wie die Nikeaner scherzhaft genannt werden) sich in Lottis DNA übertragen hat. Denn am Anfang seiner Arbeit steht immer das Gespräch mit Athleten – woraus Lotti dann einen Großteil seiner Ideen holt. Nach 19 Jahren Design-Tätigkeit bei Nike kommt die Identifikation mit dem Unternehmen allerdings wenig überraschend. Auch bei der Durchsicht von Lottis LinkedIn-Profil findet sich dort nur das Nike-Logo – der „Swoosh“. Nike-Gründer Phil Knight soll einst erklärt haben, Swoosh sei das Geräusch, wenn jemand an einem vorbeizieht.

Seit 1972 ziert dieses Logo sämtliche Produkte des Unternehmens, so auch die Ende April erschienene Knight-Biografie „Shoe Dog: A Memoir by the Creator of Nike“, die damit beginnt, dass Knight sich im Jahr 1963 und gerade mal mit dem Abschluss der Stanford Business School in der Tasche 50 US-$ von seinem Vater ausborgte, um ein Unternehmen zu gründen, das nur eines zum Ziel hatte: den Import japanischer Laufschuhe. Im ersten Jahr setzte Knight damit 8.000 US-$ um. Mehr als vier Jahrzehnte später belaufen sich die Umsätze von Nike auf rund 30 Milliarden US-$ (2015). Nikes größter Konkurrent Adidas brachte es im selben Jahr auf rund 19 Milliarden US- $. Phil Knight hat dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt, die High Performance der Athleten, die er ausstattet, verlangt er auch seinen Mitarbeitern ab. Bei Nike wird er nahezu wie ein Heiliger verehrt, heißt es.

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„Was aus diesen bescheidenen Anfängen bis heute entstanden ist, ist eine unglaublich fesselnde Geschichte“, sagt auch Martin Lotti. Die Biografie seines Chefs liegt vor ihm, er hat gerade begonnen, sie zu lesen. „Diese Kombination aus den beiden Gründern Phil Knight und Bill Bowerman, dem Visionär und dem Erfinder, hat sich bis zum heutigen Tag als perfektes Geschäftsmodell erwiesen. Die ideale Mischung von Kunst und Forschung.“ Design hat bei Nike allerhöchsten Stellenwert. Dieses Standing spiegelt sich auch in den Hierarchien wider. Mark Parker, seit 2006 CEO von Nike, arbeitet seit 1979 durchgehend für das Unternehmen. Er ist wie Lotti ebenfalls Designer. „Nicht viele Fortune-500-Unternehmen werden von einem Designer geführt“, so Lotti. Von 2006 bis 2015 verdoppelte Parker den Umsatz des Unternehmens. Die Verdreifachung des Aktienwerts brachte ihm den Beinamen „Neun-Jahres-Sensation“ ein.

Seine hohe Schlagkraft erlangte der CEO nicht nur durch Kostenreduktionen, sondern auch durch die Umstellung der Unternehmensstruktur. Die neuen Abteilungen (bei Nike „Kategorien“ genannt) sind nicht mehr in Produkte (wie „Schuhe“) sondern in Sportarten (wie „Fußball“) gegliedert – was letztlich auch Lottis Karriere zugutekam. Er verantwortet als Creative Director nämlich alle Kategorien: von Running über Basketball und Fußball bis hin zu Women’s und Men’s Training.
Wenn Lotti also sagt, es sei ihm in seinen 19 Nike-Jahren nie langweilig geworden, dann klingt das glaubhaft. Auch war beim Einstieg als „Footwear Designer“ noch nicht absehbar, dass er Gefallen an der Kombination von Design, Strategie und Business finden würde. „Das Unternehmen hat mich immer herausgefordert, mich neugierig sein und lernen lassen.“ Erst kürzlich hatte er etwa die Möglichkeit, an einem Business-Executive-Programm der Stanford Graduate School teilzunehmen. „Das hat mich schon überrascht, dass sie mich als Kreativen dort hinschicken“, so Lotti.

Dabei ließ sich der Einstieg in den Konzern eher unbedarft an, erinnert sich der Chefdesigner zurück: „Es war während des Studiums, als eine Kollegin mir von einem Praktikum bei Nike erzählt und mich dazu ermuntert hat, mein eigenes Portfolio für ein Praktikum hinzuschicken. Kurze Zeit später bekam ich einen Anruf: ‚Möchtest du nicht lieber einen Job als ein Praktikum haben?‘“ Lotti lacht. „Da musste ich nicht lange nachdenken.“ Ein paar Tage nach dem Uni-Abschluss trat er also seinen ersten Job an. „Das Allerbeste ist aber“ – und das will Lotti noch unbedingt anbringen –, „dass die Studienkollegin heute meine Frau ist und ebenfalls bei Nike arbeitet!“ Ein Job und eine Frau – besser geht’s dann echt nicht mehr, lacht er. „Als ich hier angeheuert habe“, erinnert sich der Schweizer, „dachte ich, ich bleibe für zwei Jahre. Damals war mir noch nicht klar, dass es alleine 15 Monate braucht, um einen Schuh auf den Markt zu bringen.“

Neben der FlyKnit-Technologie, die im vergangenen Jahr präsentiert wurde, wird es im Zuge der Fußball-EM 2016 und des südamerikanischen Pendants „Copa America“ weitere Innovationen zu sehen geben, sagt Lotti. „Unter anderem werden die Nationalmannschaften von Frankreich, Portugal, England, den USA und Brasilien unsere bislang fortschrittlichsten Dressen tragen: die Nike Vapor Kits mit AeroSwift-Technologie.“ Für den Laien bedeutet das so viel wie: Die verwobene Faser saugt Schweiß um 20 Prozent schneller auf, trocknet um 25 Prozent schneller, dehnt sich um 50 Prozent mehr und ist um 10 Prozent leichter. „Das ist nicht nur eine Verbesserung, das ist eine völlige Veränderung! Und die war nur möglich, weil wir im Designprozess von einem völlig anderen Punkt aus gestartet sind als sonst: dem Blick durch das Mikroskop.“ Es gehe nicht darum, Sportbekleidung zu designen. „Die Athleten brauchen ein Performance-System, eine Lösung von Kopf bis Fuß, die übergangslos miteinander funktioniert.“ Erklärt auch am Beispiel von Einlage und Sohle am Schuh: „Dafür wurde die NikeGrip-Socken-Technologie eingeführt, die das Herumrutschen im Schuh verhindert. Das funktioniert besonders gut in Kombination mit dem neuen Mercurial Superfly Boot, der besonders auf Geschwindigkeit abzielt und um 40 Prozent leichter als sein Vorgänger ist.

Wenn man also alle Komponenten zusammenstellt, ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile.“ Die Frage nach der Inspirationsquelle kommt zuletzt: „Wir reisen viel. Und die einzige Regel, die dann gilt, ist: Wir schauen auf alles, außer auf Produkte, die wir designen.“ Schuhe anzuschauen, wenn man Schuhe designt, ergebe nämlich keinen Sinn. Weil: „Nike defines“, so Lotti, „it doesn’t follow.“

Info: Der Text stammt aus dem Forbes-Netzwerk, und wurde von WALLY WOHLGRUB geschrieben.

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