Den Tod überlistet

Craig Venter hat als Erster das menschliche Genom entschlüsselt. Jetzt ist er zurück – mit einer 25.000 US-$ teuren Vorsorgeuntersuchung, die uns ein längeres Leben bescheren und ihn zum Milliardär machen soll.

Die aufwendigste ärzt­liche Untersuchung der Welt beginnt im vornehmsten aller Unter­suchungszimmer, das mit einer Couch, einem eigenen Badezimmer und einem üppig gefüllten Obstteller aufwartet. Hier werde ich einen ganzen Tag verbringen, beginnend mit diversen Blutuntersuchungen, für die mehrere Probenröhrchen mit meinem Blut gefüllt werden. Danach kommen zwei je 35 Minuten lange Durchgänge in der Magnet­resonanz-Röhre. Dabei soll Musik von REM und U2 die lauten Geräusche übertönen, die das Gerät erzeugt, während es Bilder von meinem ganzen Körper macht. Es folgen eine Ultraschalluntersuch­ung meines Herzens, Salade Niçoise zum Mittagessen, eine Stuhlprobe, ein kognitiver Test, bei dem Buchstaben in schwindelerregender Geschwindigkeit auf einem Computerbildschirm aufleuchten, und schließlich noch ein Herz-CT, was mir ursprünglich für jemanden in meinem Alter so überzogen schien, dass ich versucht habe, mich davor zu drücken. „In Vietnam führte ich Autopsien an 18- bis 22-Jährigen durch, von denen viele eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten“, erklärt J. Craig Venter, der das Verfahren entwickelt hat, achselzuckend und fügt hinzu: „Wir finden immer wieder etwas. Die Frage ist nur, was Sie damit anfangen.“

Craig Venter hat das Human Genome Projekt ins Leben gerufen, das die menschliche DNA als erstes vollständig sequenzierte.

Der Mann, der diese fast bedroh­lich klingende Ankündigung macht, ist derselbe Craig Venter, der in den späten 1990er-Jahren aus Frust über die ­zähen Fortschritte beim staatlich geförderten Human Genome Project ein eigenes Projekt ins Leben rief, mit dem die menschliche DNA zwei Jahre früher als geplant sequenziert wurde. In der Folge war Venter der erste Mensch, dessen Erbgut vollständig sequenziert wurde. Er hat seit damals nichts von seinem Schwung verloren. In­spiriert von Charles Darwins Expe­dition auf der „Beagle“ segelte er um die Welt und entdeckte unterwegs Tausende neue Arten. Er schuf syn­thetisches ­Leben, gründete drei ­Firmen und wurde dabei beinahe zum Dollarmilliardär, bevor er von einem der vielversprechendsten dieser Unternehmen, Celera Genomics, entlassen wurde.

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Jetzt ist er wieder zurück, mit seinem ehrgeizigsten Projekt seit dem historischen Durchbruch vor 17 Jahren. Für sein neues Unternehmen, Human Longevity, stellte er 300 Millionen US-$ von Investoren wie Celgene und GE Ventures auf. Damit plant er, Informationen über das Erbgut, an dessen Entschlüsselung er beteiligt war, zu nutzen, um dem Tod ein paar zusätzliche Lebensjahre – wenn nicht -jahrzehnte – abzuringen.

Im Zentrum dieses Unterfangens steht die exklusive, mit 25.000 US-$ zu Buche schlagende Vorsorgeuntersuchung namens „Health Nucleus“, der auch ich mich unterziehe (Offenlegungshinweis: Die Untersuchung erfolgte in meinem Fall kostenlos). Die Untersuchung ist zweifellos sehr gründlich, für viele Ärzte wegen der falsch positiven Ergebnisse aber genau der verkehrte Ansatz. „Eine Studie nach der anderen hat gezeigt, dass solche Screenings mehr Schaden als Nutzen anrichten“, so Steven Nissen, Vorstand für Kardiologie an der Cleveland Clinic. „Wenn Sie eine Magnetresonanztomografie des ganzen Körpers durchführen, können Sie von Glück reden, wenn Sie gar nichts finden. Ich halte das für keine gute me­dizinische Praxis.“

Venter quittiert diese Aussage mit einem spöttischen Lachen. „Wir untersuchen Gesunde. Das gefällt vielen Ärzten nicht“, räumt er ein. „Ich sage dazu Folgendes: Wie will man denn wissen, dass diese Menschen gesund sind? Die heutige Definition von Gesundheit geht auf das Mittelalter zurück: Wer gesund aussieht und sich so fühlt, gilt auch als gesund. Unser Blick auf die Menschen ist ein anderer.“

Der mittlerweile 70-Jährige nennt sich selbst als Beispiel: Als er sich vor einem Jahr selbst der von ihm entwickelten Untersuchung unterzog, fand man Prostatakrebs, der letzten November entfernt wurde. Bei jenem Mann, den Venter als seine „wissenschaftliche Muse“ bezeichnet, dem heute 85-jährigen Nobelpreisträger Hamilton Smith, wurde ein tödliches Lymphom in der Lunge entdeckt. Er wurde inzwischen ebenfalls behandelt und sagt, seine Prognose sei gut.

FA022817_132ADer für seine unwirsche Art bekannte Venter hat kein Problem damit, das Establishment, egal in welchem Bereich, vor den Kopf zu stoßen. Wobei die Ablehnung auf Gegenseitigkeit beruht. Sein Durchbruch bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts war eine der großen wissenschaftlichen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, und doch bekam er nie einen Nobelpreis. Wissenschaftler sehen in ihm jemanden, der Profit über die Wissenschaft stellt. „Er ist sehr unsicher und kompensiert das durch seine sehr arrogante und aggressive Art“, so ein ehemaliger Mitarbeiter. Ebenso haben Venters Entdeckungen ganze Branchen auf den Kopf gestellt, seine unternehmerische Erfolgsbilanz – einschließlich einer kurzen Phase als Beinahe-Milliardär – fällt jedoch gemischt aus, zumal die Beziehung zu ehemaligen Unterstützern und Chefs zerrüttet ist. „Er hat viele Leute ver­ärgert“, so George Church, Professor für Genetik in Harvard und ein Fan Venters. „Das ist sehr schade.“

Damit bedeutet Human Longevity für Venter eine letzte Chance, seine Bilanz zurechtzurücken, die Welt der Wissenschaft vor Ehrfurcht erstarren zu lassen und nebenbei noch Milliarden einzustreifen – und das dadurch, dass er einen Bereich völlig umkrempelt, an dem genau 100 Prozent der Spezies Homo sapiens großes Interesse haben: die Frage, wie und wann wir sterben.

Vielversprechende Züge zeigte Venter praktisch schon von Geburt an, wobei er manches umsetzte, anderes aber auch nicht. Er wuchs in Millbrae in Kalifornien auf, wo ganz in der Nähe das spätere Silicon Valley entstand, und brachte dermaßen schlechte Noten nach Hause, dass seine besorgte Mutter in Venters Highschool-Jahren mitunter dessen Arme auf Einstichnarben untersuchte. Ein erstes Anzeichen für seine späteren Erfolge zeigte sich beim Schwimmen. Er war ursprünglich ein mittelmäßiger Schwimmer. Als ihm sein Trainer über den Sommer aber einige Tipps mitgab, packte ihn der Ehrgeiz. Er trainierte drei Monate wie ein Besessener und verlor nie wieder einen Wettkampf. „Wären die Dinge anders gelaufen, hätte ich vielleicht für Olympia trainiert“, so Venter. „Aber da machte mir Lyndon B. Johnson mit der Einberufung [in den Vietnamkrieg; Anm. d. Übers.] einen Strich durch die Rechnung.“

Wären die Dinge anders gelaufen, hätte ich als Schwimmer vielleicht für Olympia trainiert. Meine Einberufung machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Das Schwimmen setzte sein Potenzial frei, aber Vietnam machte ihn zu dem Mann, der er heute ist. Im Alter von 20 Jahren war er als Sanitäter in einem Marinekrankenhaus für die Erst­einschätzung der vom Schlachtfeld hereinkommenden Soldaten zuständig, einschließlich der in der Tet-Offensive Verletzten. Die Entscheidung darüber treffen zu müssen, wer überleben durfte und wer sterben musste, war derart traumatisch für Venter, dass er sogar an Selbstmord dachte und mit der Absicht, zu ertrinken, auf das offene Meer hinausschwamm. Nach einer glimpflichen Begegnung mit einem Hai etwa eine Meile vor der Küste hatte Venter jedoch einen Sinneswandel. Die Erfahrungen in Vietnam würde er trotz allem nicht missen wollen. „Rückblickend und im Wissen, wie ich persönlich daran gewachsen bin, würde ich mich, wenn ich die Wahl hätte, noch einmal dazu zwingen“, so Venter.

FO022817_116Nach seiner Rückkehr in die Staaten schrieb er sich zunächst an einem Community College und dann an der University of California in San Diego ein, ursprünglich in der Absicht, Arzt zu werden. Dann entdeckte er sein Interesse an der Wissenschaft und machte schließlich seinen Doktor in Physiologie und Pharmakologie. Seit 1976 Professor an der State University of New York in Buffalo, wechselte er 1984 zur Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH). Dort kamen jene Themen zusammen, die für Venters weitere Laufbahn bestimmend sein sollten: Produktivität, der Vorwurf der Gier, die Konflikte zwischen reiner Wissenschaft und Geld aus der Wirtschaft. Mithilfe einer neuen Technologie entdeckte er Tausende menschlicher Gene, die nach einer beispiellosen Entscheidung der NIH in Venters Namen patentiert wurden.

Aus Kollegenkreisen erhielt Venter dafür Schuldzuweisungen, wurde als gierig bezeichnet. Nobelpreisträger James Watson sagte, er sei „entsetzt“. Venter besteht darauf, immer gegen die Patente gewesen zu sein, die NIH hätten sie aber dennoch angemeldet.

Frustriert gründete er 1992 mithilfe eines neuartigen Modells ein nicht auf Gewinn ausgerichtetes Institut. Die Finanzierung durch Risikokapitalgeber sicherte er sich unter der Bedingung, seine Daten vor der Veröffentlichung mit einem gewinnorientierten Unternehmen, Human Genome Sciences, zu teilen. Die Beziehung endete 1997 nach Meinungsverschiedenheiten über die Offenlegung von Daten im Streit, wodurch Venter auf Forschungsmittel in Höhe von 40 Millionen US-$ verzichtete. „Ich habe viel Geld dafür bezahlt, Human Genome Sciences loszuwerden“, so Venter.

1995 war Venters Institut jedoch ein echter Durchbruch gelungen: die erste Sequenzierung eines Genoms, also der genetischen Karte oder des gesamten Erbguts eines Organismus; in diesem Fall eines bestimmten Bakteriums. Der Vorschlag ging auf Ham Smith zurück. Die beiden hatten sich 1993 auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Spanien kennengelernt und waren gemeinsam etwas trinken gegangen – der Beginn einer mehr als zwanzig Jahre dauernden Zusammenarbeit. In einer Vorwegnahme des späteren Wettlaufs mit dem Human Genome Project kamen Venter und Smith mit der Genom-Karte ihres Bakteriums ähnlichen wissenschaftlichen Projekten um etliche Monate zuvor.

Infolgedessen wandte sich der kalifornische Ableger des Laborausrüsters Perkin-Elmer, der ­DNA-Sequenzierer­ herstellte, mit einem Vorschlag an Venter: Wo es ihm nun schon gelungen sei, das Genom eines Bakteriums zu sequenzieren, wäre es da nicht von Interesse für ihn, die neuesten Geräte von Perkin-Elmer für die Sequenzierung des menschlichen Genoms zu nutzen? Dieses Angebot konnte Venter nicht ausschlagen, und so wurde 1998 Celera Genomics gegründet. Dem Unternehmen gelang es nicht nur, das mit drei Milliarden US-$ finanzierte Human Genome Project zu überholen, ein internationales, großteils von der US-Regierung finanziertes Forschungskonsortium, sondern auch das Genom der Fruchtfliege und der Maus zu kartieren, beide wichtige Labortiere. Auf dem Weg dahin brachte Venter weltweit Wissenschaftler gegen sich auf, die bestürzt darüber waren, dass Forschung in diesem Bereich von Gewinnstreben und nicht der Suche nach Wissen angetrieben wurde. James Watson soll damals derart aufgebracht gewesen sein, dass er Venter mit Hitler verglich und Kolleginnen und Kollegen fragte, ob sie es lieber mit Chamberlain oder mit Churchill hielten.

Der privatwirtschaftliche Druck trieb schließlich aber beide Projekte zu Ergebnissen an, sowohl bei Celera als auch beim öffentlichen Forschungsprojekt, wodurch Methoden verbessert wurden und die Forschungstätigkeit Fahrt aufnahm. Im Endeffekt verkündeten beide Gruppen am 26. Juni 2000 gemeinsam im Weißen Haus, dass ihnen die Kartierung des gesamten menschlichen Genoms gelungen war – eine Errungenschaft, über die noch unsere Enkelkinder in ihren Schulbüchern lesen werden.

In der Zeit des Dotcom-Hypes entwickelte sich Celera zum Überflieger und nahm im Rahmen einer Aktienausgabe im Februar 2000 855 Millionen US-$ ein. Der Börsenwert erreichte in der Folge einen Höchststand von 14 Milliarden US-$, kurz bevor im März der gesamte Markt ­einzubrechen begann. Venters Anteile lagen kurze Zeit bei über 700 Millionen US-$. Die Hälfte seines Aktien­pakets überschrieb er eigenen Angaben zufolge an seine gemeinnützige Stiftung, die ihrerseits die Hälfte davon um mehr als 150 Millionen US-$ netto verkaufte, womit seither Venters wissenschaftliche Tätigkeiten finanziert werden.

Dieses finanzielle Polster war auch notwendig. Celera tat sich schwer damit, auf der Grundlage der eigenen bahnbrechenden Forschungsarbeit neue Medikamente oder Diagnosetests zu entwickeln, und Venter geriet ständig mit dem Vorstand aneinander. Dieser wollte Celera zum Pharma­riesen umbauen und unternehmensintern Medikamente entwickeln. Venter hingegen wollte einfach weiterhin als Wissenschaftler tätig bleiben und seine Daten an andere Unternehmen weiterverkaufen. Im Jänner 2002 wurde er entlassen, wenige Tage bevor er über ein Viertel seiner Aktienoptionen frei verfügen hätte können. „Auf eine schmierigere Art hätte man mich wohl kaum rauswerfen können“, meint Venter dazu. Celera wirtschaftete bis 2011 mehr schlecht als recht dahin und wurde schließlich um 344 Millionen US-$ an Quest Diagnostics verkauft. (Venters aktuelles Nettovermögen schätzt Forbes übrigens auf der Grundlage seiner Anteile an seinen beiden Start-ups auf 300 Millionen US-$). Venters Baby war praktisch nur noch zum Ausschlachten verkauft worden.

Mit Human Longevity hofft Venter, jenes Problem zu lösen, das sowohl Celera als auch das Human Genome Project letztlich ineffizient gemacht hat. Beide Gruppen hatten eine „durchschnittliche“ DNA-Sequenz erstellt. Für die wissenschaftliche Lehre ist das von immenser Bedeutung, für den einzelnen Menschen jedoch zählen die Unterschiede – also wie sich das Erbgut des Einzelnen von dem seiner Mitmenschen unterscheidet und dadurch für die Form der Nase, die Augenfarbe und letztlich auch das Entstehen von Krankheiten verantwortlich ist.

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Venter behauptet, er könne dank moderner Technologie jene Daten erheben, die die Grundlage für ebendiese Unterschiede sein können. Bei Celera zeigte Venter noch mit besonderem Stolz die über 2.300 ­Quadratmeter großen Hallen mit DNA-Sequenzier­geräten. Heute ist ein einziger DNA-­Sequenzierer von der Größe eines Tischgeräts genauso leistungsfähig wie tausend der damaligen Hallen und kann um etwa 1.000 US-$ das Genom eines Menschen in ein paar Tagen sequenzieren. Für dieselbe Aufgabe benötigte das ursprüngliche Human Genome Project mehr als ein Jahrzehnt und verschlang mindestens 500 Millionen US-$. Illumina, der in San Diego beheimatete Hersteller der besagten Desktop-Sequenzierer, zählt zu den maßgeblichen Investoren bei Human Longevity.

Human Longevity sequenzierte zunächst die DNA von 40.000 Personen, die an klinischen Studien der Pharma­unternehmen Roche und Astra­Zeneca teilgenommen hatten. Laut Venter wurden dabei Genvarianten entdeckt, die nur bei jungen Menschen, aber nicht bei älteren vorkommen – was bedeutet, dass diese jungen Leute über Gene verfügten, die mit einem Leben bis ins hohe Alter nicht kompatibel sind. Findet man heraus, wie diese Gene wirken, so ist womöglich genau der Durchbruch geschafft, mit dem das Versprechen, das Leben dank ­Gen­sequenzierung zu verlängern, tatsächlich eingelöst werden kann.

Venter beschloss, er brauche eine Studie, mit der er noch mehr Informationen sammeln könne als im Rahmen einer klinischen Versuchsreihe. So kam die Untersuchung um 25.000 US-$ ins Spiel. Da es Leute gibt, die dafür bezahlen, liefert die Untersuchung nicht nur Daten, sondern auch Einnahmen. Bisher haben sich fast 500 Personen dem Screening unterzogen. Venter hofft, noch heuer das Ziel von 2.000 pro Jahr zu erreichen, was Einnahmen in Höhe von 50 Millionen US-$ brächte. Nachdem eine derart umfassende Untersuchung nicht unter normale Kassenleistungen fällt, beschränkt sich der Markt vorerst auf Wohl­habende und ein paar Unternehmen, die die Kosten für ihre Topmanager übernehmen – das Versprechen von Gesundheit als ultimatives Luxusgut.

Die Ärzteschaft ist alles andere als begeistert. „Ich bin höchst skeptisch“, sagt Benjamin Davies, ein Urologe an der Universität Pittsburgh. „Dass man gesunde Patienten untersucht, gab es schon früher – und es ist ein schäbiges Geschäft.“ Er verweist auf eine neue Studie, in der mittels Computertomografien auf Lungenkrebs untersucht wurde: Bei 60 % der Untersuchten ­waren Folgeuntersuchungen notwendig, aber nur 1,5 % hatten tatsächlich Krebs. Otis Brawley, medizinischer Leiter der American Cancer Society, erklärt, dass sich Venters Arbeit nach „faszinierender Wissenschaft“ anhört, aber dass sich jene, die sich der Untersuchung unterziehen, auch bewusst sein müssen, dass es sich hierbei eben um Forschung und nicht um Medizin handle.

Für Venter liegt das Problem bei früheren Screening-Ergebnissen darin, dass sie zu wenige Daten geliefert haben, nicht zu viele. Sich selbst nennt er als besten Beweis dafür: Er war der erste Mensch, dessen DNA sequenziert wurde, und aus dem Ergebnis schloss er, dass sein Risiko für die meisten Krebsarten gering sei. Als er an Prostatakrebs erkrankte, fragte er seine Forscher nach dem Grund dafür. Sie fanden, was er als den „wahrscheinlichen Täter“ bezeichnet. Es geht um eine veränderte Reaktion seines Körpers auf das Hormon Testosteron. Testosteron wirkt, indem es einen Zellrezeptor aktiviert, ähnlich einem Schalter. Das für den Rezeptor zuständige Gen ist umso wirksamer, je weniger repetitive Elemente es aufweist (also sich wiederholende, verstümmelte Abschnitte im Erbgut). Da Testosteron das Wachstum von Pros­tatakarzinomen fördert, hat ein Mann mit 22 repetitiven Elementen und einem ineffizienten Rezeptor ein geringeres Risiko, daran zu erkranken. Venters Androgenrezeptor wies nur sechs repetitive Elemente auf.

„Kurz gesagt habe ich also einen ­supersensiblen Testosteronrezeptor“, erklärt Venter. „Alle dachten, ich sei der Inbegriff von Männlichkeit. Tatsächlich wiederholen sich bei meinem Androgenrezeptor nur sechs Abschnitte.“ Venters unablässige Suche nach noch mehr Informationen über seinen eigenen Körper machte das Problem allerdings auch schlimmer und ist so ein Beispiel für eine der wirklichen Gefahren seiner 25.000-Dollar-Untersuchung: Etliche Jahre zuvor hatte er nämlich herausgefunden, dass er einen niedrigen Testosteronspiegel hatte, und daraufhin beschlossen, Testosteronpräparate zu nehmen, was von den meisten Ärzten aber nicht empfohlen wird. Die Präparate beschleunigten bei Venter mit großer Wahrscheinlichkeit das Tumorwachstum.

Bei etwa 40 % der Patienten von ­Health Nucleus wurden ernste Erkrankungen entdeckt. Bei eini­gen war, wie bei Ham Smiths Lungen­krebs, eine Behandlung unbedingt notwendig. Venter betont, dass Smiths Krebserkrankung vielleicht tödlich gewesen wäre, hätte man sie erst ein paar Wochen später entdeckt. Bei den meisten Human-Longevity-­Patienten sind die Ergebnisse jedoch nicht so eindeutig. Ich habe Glück: Die MRT-Untersuchungen haben nichts ergeben, außer dass mein Hippocampus – jener Teil des Gehirns, der für das Formen von Erinnerungen zuständig ist – nur von durchschnitt­licher Größe ist. Die DNA-Sequenzierung ist noch nicht abgeschlossen.

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich tun würde, wenn bei mir ein Tumor oder ein Aneurysma gefunden würde, aber auch, ob das alles überhaupt eine gute Idee ist. Aber bereut habe ich die Teilnahme an der Untersuchung auch nicht. Mehr über sich selbst zu erfahren ist ein verführerisches Angebot. Venter hofft, damit endlich genügend Informationen zu erlangen, um das Versprechen, das die Entschlüsselung des Genoms mit sich gebracht hat, einzulösen.

 

Text: Matthew Herper; Übersetzung: Denise Tschager

Foto: Forbes USA & Human Longevity Inc.

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