Das alte Lied

Premierminister Shinzo Abe wollte Japan nach 20 Jahren Stillstand wieder auf den richtigen Pfad führen. Doch die Probleme sind trotz großer Anstrengungen unübersehbar. Für Anleger ergeben sich so kurz- und langfristige Chancen.

Einen ganzen Prozentpunkt kostet die demografische Struktur – sprich Überalterung – laut Patricia Buckley, Managing Director for Economic Policy and Analysis von Deloitte US (siehe S. 90), Japan pro Jahr an BIP-Wachstum. Als wir diese Zahl hörten, sahen wir allen Grund, das Land einer genaueren Analyse zu unterziehen. Und da zeigt sich: Japan steckt fest. Über 20 Jahre kämpfte der Inselstaat mit Deflation und steigenden Staatsschulden – gemessen am BIP liegen die Verbindlichkeiten bei rund 250 Prozent. Zum Vergleich: Die Staatsschuldenquote Griechenlands beträgt „nur“ 180 Prozent, Österreich kommt auf 80 Prozent. Premierminister Shinzo Abe wollte das nach seiner Wahl im Jahr 2012 ändern. Sein wirtschaftspolitisches Programm „Abenomics“ (ein Kofferwort aus Abe und Economics) sollte den Staatshaushalt sanieren, die Inflationsrate auf zwei Prozent und das BIP um 20 Prozent steigern. Dadurch sollten auch Japans internationales Ansehen und seine nationale Sicherheit steigen – ein ambitioniertes Projekt also.

Um seine Ziele zu erreichen, kündigte Abe drei „Pfeile“ an: eine lockere Geldpolitik, expansive Fiskalpolitik sowie tief greifende strukturelle Reformen. Und vermutlich waren die vorlauten Ankündigungen nötig, um Zwischenziele zu erreichen. Denn das Vertrauen in die Wirtschaft stieg nach Verlautbarung der Pläne – dass Japan eine positive Inflationsrate erreichte, grenzte angesichts der vorhergehenden zwei Dekaden an ein Wunder. Abe feierte auch andere Erfolge: Der Yen wurde geschwächt, was für die exportorientierten Hightech-Unternehmen (etwa Toyota oder Sony) ein Segen war. So ging es auch für den Aktienmarkt nach oben – der japanische Leitindex Nikkei stieg bis zu seinem Höchststand Mitte 2015 um satte 100 Prozent (auf rund 20.700 Punkte, siehe Chart). Doch das angekündigte Wachstum blieb aus. Unter Abe wuchs Japans BIP nur um durchschnittlich 0,8 Prozent, unter der Vorgängerregierung war es das Doppelte. Wachstum kommt von der arbeitenden Bevölkerung – und davon gibt es in Japan wegen der schon angesprochenen Überalterung zu wenig. Nur 13 Prozent der Japaner sind unter 15 Jahre, doppelt so viele Menschen jedoch über 65 Jahre alt.

Und auch der Aktienmarkt hat im letzten Jahr wieder einiges an Boden verloren, rund 40 Prozent des zuvor gewonnenen Kursanstiegs sind wieder dahin. Das nicht zuletzt deshalb, weil die Währung wieder stärker und japanische Exporte damit teurer wurden. Zudem fällt das Vertrauen bei internationalen Investoren immer stärker. Die Japaner interessieren die Sorgen der Regierung indes herzlich wenig. Sie haben sich an stete Preise gewöhnt, der Lebensstandard im Land ist nach wie vor hoch. Und nach 25 Jahren wirtschaftlichen Stillstands erwartet das Volk nur noch wenig von seiner Regierung. Dass Abenomics nun zu scheitern droht, scheint die Japaner kaum zu kratzen. Und auch Unternehmen helfen kaum – sie legen ihr Geld lieber im Ausland an oder halten Bargeld, statt in die heimische Wirtschaft zu investieren. Und so könnte das Land in eine massive finanzielle Krise schlittern.

Die Notenbank hält die Wirtschaft derzeit noch mit künstlicher Beatmung am Leben. So kauft die Bank of Japan in großem Stil Staatsanleihen, wodurch die Nachfrage und die Zinsen fallen. Zudem führte sie Anfang 2016 Negativzinsen ein, um die Kreditvergabe von Banken zu fördern – erfolglos. Das nächste Experiment, nämlich die Zinsen auf langfristige Anleihen zu manipulieren, die eigentlich vor allem durch Inflationserwartungen und weniger von Notenbanken beeinflusst werden, ist so ungewöhnlich, dass die Neue Zürcher Zeitung gar von „geldpolitischem Größenwahn“ spricht. Denn die Notenbank hebelt damit Marktmechanismen – also Angebot und Nachfrage – aus. Experten sind äußerst skeptisch. Auch andere Maßnahmen zeigen kaum Erfolge. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer brachte Japan eine Rezession ein. Der zweite Schritt der geplanten Erhöhung war für Oktober 2015 angedacht, wurde von der Regierung nach den schlechten Ergebnissen der ersten Erhöhung erst auf 2017, nun sogar auf 2019 verschoben. Auch die Reform des Arbeitsmarkts stottert. Diejapanische Norm des lebenslangen Mitarbeiters inklusive extrem ausgeprägtem Kündigungsschutz wird weiterhin nicht angetastet. Und obwohl man dem konservativen Abe fehlenden Willen nicht unterstellen kann, agiert er in der verstärkten Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt nicht unbedingt geschickt. Dabei könnte eine höhere Erwerbsquote bei Frauen – sie liegt in Japan bei nur 66 Prozent – zumindest einen Teil des Überalterungseffekts wettmachen. Ein zweites Standbein wären ausländische Arbeitskräfte. Doch Ökonomen zufolge müsste Japan bis 2050 rund 500.000 Ausländer pro Jahr aufnehmen, um die demografische Entwicklung auszugleichen. Das ist utopisch in einem Land, in dem der Ausländeranteil bei zwei Prozent liegt – sprich 2,5 Millionen Menschen.

Grundsätzlich hat Japan also die gleichen Probleme wie seit 25 Jahren. Interessant zu sehen wird es sein, was passiert, wenn die Notenbank ihre stützenden Maßnahmen einstellt. Die angesprochene Krise ist die eine Option. Die wahrscheinlichere Möglichkeit ist, dass Japan „weiterwurschtelt“. Vielleicht kann das Land aber auch als erste Volkswirtschaft einen Weg finden, wie man auch ohne Wachstum Wohlstand erhalten kann – was derzeit aber unwahrscheinlich scheint. Für Investoren gibt es nun mehrere Möglichkeiten, die Situation zu nutzen. Kurzfristig dürften die Maßnahmen von Notenbank und Regierung dem japanischen Aktienmarkt aufgrund ihrer massiven Dimension wohl wieder etwas Aufwind geben. Risikofreudige Anleger könnten also kurzfristig auf den Nikkei setzen (mit oder ohne Hebel, siehe Tabelle). Auf Dauer wird das aber nicht erfolgreich sein. Langfristig denkende Anleger sollten also mit einer PutOption auf einen fallenden Nikkei setzen. Und wenn Japan dann wirklich Wohlstand ohne Wachstum findet, kann man ja noch immer verkaufen.

chart

print