Chinesisches Roulette

Es war und ist eine ausgedehnte Shoppingtour in Europa, auf der sich chinesische Unternehmen seit geraumer Zeit befinden. Das Ziel waren aber im seltensten Fall Schnäppchen, denn auf die Unternehmen, die chinesische Investoren übernehmen (wollen), fällt meist eine satte Prämie an. Ein Gastkommentar von Sabine Zhang.

Beispiele gefällig? Der chinesische Haushaltsgerätehersteller Midea übernahm den deutschen Roboterhersteller Kuka, der Staatskonzern ChemChina riss sich den Basler Saatgutkonzern Syngenta unter den Nagel, die HNA Group erwarb eine Mehrheit an der Deutschen Bank (mehr dazu in Kürze).

Die betroffenen Unternehmen sind oftmals recht glücklich über die neuen Eigentümer. Chinas riesiger Markt ist für alle europäischen Unternehmen hochinteressant, zudem haben die chinesischen Unternehmen nicht nur das nötige Kleingeld, sondern setzen auch auf Kontinuität. Kuka erhielt etwa eine Standortgarantie für die Produktion in Augsburg, die bis 2023 gilt. Doch auch Ressentiments in Europa sind spürbar. Von einem Ausverkauf der europäischen Wirtschaft ist da die Rede, aus Brüssel hörte man gar, dass Schlüsselunternehmen der europäischen Industrie nach China verkauft würden.

Doch auch in China selbst ist man nicht immer ganz glücklich über die rege Übernahmetätigkeit der eigenen Unternehmen. So setzte Peking die bewilligungspflichtige Schwelle für Auslandsinvestitionen von 50 auf fünf Millionen US-$. Und nun scheinen sich auch die Regulatoren für die Aktivitäten der größten chinesischen Investoren zu interessieren. Dass das mit dem im Herbst 2017 anstehenden 19. Parteikongress nichts zu tun hat, ist nur schwer vorstellbar.

Aber von Anfang: Seit Anfang Juni finden sich die größten privaten chinesischen Investoren auf einer „schwarzen“ Liste von Pekings Bankregulatoren wieder, die offiziell Verschuldung und offene Bankkredite der Unternehmen prüfen sollen.

Der Mischkonzern Fosun steht bereits seit geraumer Zeit auf dieser Liste. In Europa hat sich die Investorengruppe vor allem durch den Kauf des Tourismusunternehmens Club Med und des kanadischen Zirkusveranstalters Cirque de Soleil einen Namen gemacht. Zudem hält Fosun acht Prozent am britischen Reiseanbieter Thomas Cook mit dem sie High End Reisen für reiche Chinesen nach Europa anbieten. Fosun-CEO Guo Guangchang, der mit einem Vermögen von 6,5 Milliarden US-$ auf Platz 28 der reichsten Chinesen rangiert, verschwand im Dezember 2015 kurzzeitig. Fosun befand sich damals gerade mitten in den Kaufverhandlungen um die deutsche Privatbank Hauck & Aufhäuser – die Aktie wurde vom Verkauf ausgesetzt. Als der als „chinesischer Warren Buffet“ bekannte Guo nach ein paar Tagen wieder auftauchte, waren 35 Prozent des Unternehmenswertes, wegen des in der Zwischenzeit gefallenen Aktienkurses, vernichtet. Seinen eigenen Angaben zufolge hatte er die chinesische Polizei bei Ermittlungen unterstützt, die Behörden sagten offiziell nichts dazu. Die Mehrheitsbeteiligung an der 220 Jahre alten deutschen Privatbank verzögerte sich dadurch zwar etwas, ging im September 2016 dann aber doch über die Bühne.

Mittlerweile findet sich Fosuns Name auf der Liste in guter Gesellschaft. Dazu kamen kürzlich nämlich die Anbang Insurance Group, Dalian Wanda sowie die HNA Group.

Anbang-CEO Wu Xiaohui ist es nach seinem Verschwinden am 14. Juni aus „privaten Gründen“ nicht möglich seinen Geschäften nachzugehen. Im Klartext heißt das, dass er von der chinesischen Polizei befragt wird – was der Story rund um Guo verdächtig ähnlich klingt. Die Anbang Insurance Group, die nach außen wie eine biedere Versicherungsgesellschaft agiert, hält jedoch einige interessante Beteiligungen: Darunter findet sich die chinesische Minsheng Bank (20 Prozent), sowie 100 Prozent des belgischen Versicherers Fidea Assurances und das Nobelhotel Waldorf Astoria in New York. Ende 2016 zeigte Anbang zudem Interesse an einem Bürogebäude von Jared Kushner ist dann aber doch von dem politisch sensiblen Deal zurückgetreten.

Wu’s Verhaftung verhärtet den Verdacht, dass es hier nicht nur um wirtschaftliche und regulatorische Fragen geht. Vielmehr werden im Vorfeld des wichtigen Parteitags im Herbst vermehrt auch politische Fäden gezogen. Denn bislang tanzte Wu, ein ehemaliger Parteibürokrat, der mit einer Enkelin Deng Xiaopings verheiratet ist, sehr erfolgreich auf dem chinesischen Politparkett. In seinem Firmenregister finden sich der Sohn eines wichtigen Militärkommandanten Maos und Levin Zhu, der Sohn des ehemaligen Premiers Zhu Rongji. Wem Anbang tatsächlich gehört, ist aber eine offene Frage, denn Wu wird nicht als Eigentümer angeführt.

Stay close to the government and distant to politics.

Der Vertrautenkreis rund um Dalian Wandas Eigentümer Wang Jianlin liest sich indes noch schillernder. Frühe Investoren waren ein enger Vertrauter der Tochter des früheren Premier Wen Jiabao sowie andere Familienmitglieder des Politbüros. Qi Qiaoqiao, die ältere Schwester des derzeitigen Premiers Xi Jinping, gab ihre Anteile 2013 an einen ihrer Geschäftspartner weiter. Einer von Wangs Sprüchen lautet „Stay close to the government and distant to politics“ – was bislang gut funktioniert hat. Wang ist mit einem geschätzten Vermögen von 31 Milliarden US-$ der reichste Chinese. Wanda (wörtlich übersetzt: „Zehntausend erreichen“) besitzt ein Immobilienimperium, seit dem Kauf des Schweizer Sportmarketingunternehmens Infront Sports & Media, prangt Wanda auch auf Fußballbanden – und unlängst als Fernsehwerbung auf österreichischen Bildschirmen zwischen zwei Spielen des Confed-Cup. Die World Triathlon Corporation (Veranstalter der Ironman-Wettbewerbe) gehört ebenso zur vielfältigen Gruppe, wie ein 20 Prozent-Anteil am spanischen Fußballclub Atletico Madrid. Nicht zuletzt besitzt die Wanda Group Chinas größte Kinokette Wanda Cinemas, Mehrheitsanteile an den amerikanischen AMC Theaters und die australische Kinokette Hoyts. Warum genau Wang nun ins Visier der Behörden gerutscht ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen an andere reiche Geschäftsmänner: Wenn es den Reichsten trifft, kann es wohl jeden treffen.

Das etwas passieren würde war zu erwarten, nicht aber der Verkauf von 9,3 Milliarden Dollar an Vermögenswerten, die die Wanda Group überraschend an Sunac China Holdings verkaufte. Die Hälfte des Geldes für den Kauf hat sich Sunac dabei von Wanda geliehen.

Zu guter Letzt: die HNA Group. Die Frage wer hinter dem Konglomerat steckt erweckt in der deutschsprachigen Region schon seit einiger Zeit Interesse. Spätestens, seit das Unternehmen Mehrheitsanteile an der Deutsche Bank übernahm und dann auch noch den Frankfurter Flughafen Hahn kaufte. Zuvor hatte HNA bereits in die Hotelkette Hilton, den US-Kommunikationskonzern Ingram Micro sowie die Schweizer Flugservicegesellschaft Swissport investiert. Die Gruppe, die aus einer kleinen südchinesischen Fluglinie in Hainan entstand, fiel auf als sie ihre Einkaufstour trotz verschärfter Kapitalkontrollen für Auslandsinvestitionen munter fort setzte. Das lässt auf gute politische Verbindungen schließen, HNA-CEO Chen Feng ist jedoch kalligraphierender Buddhist und öffentlich eher unauffällig, er schaffte es trotz seines 15 Prozent-Anteils an HNA nicht auf die Liste der reichsten Chinesen, da die Ersteller des Hurun-Reports sein Vermögen nicht nachweisen konnten. Insgesamt halten 13 Personen Anteile an HNA und alle bis auf einen sind im Management aktiv, Guan Jun, der im vergangenen Jahr 29 Prozent der Firma übernahm, ist ein völlig unbeschriebenes Blatt, was viele Fragen offen lässt.

Wenn mit Wang Jianlin der reichste Chinese untersucht wird, kann es wohl jeden treffen.

Die Anteilsstruktur der HNA Group sorgte dann auch für politische Aufregung: Der im Exil lebende chinesische Milliardär Guo Wengui (mit 2,6 Milliarden US-$ auf Rang 132 der chinesischen Reichenliste) beschuldigte nämlich von seinem Apartment in Manhattan aus gerade Chinas Korruptionsbekämpfer Nummer eins, Wang Qishan, nicht offen gelegte Anteile an der HNA Group zu halten. Wang dementierte umgehend – und China stellt e einen Interpol-Haftbefehl gegen Guo aus.

Es dürfte spannend bleiben bis zum 19. Parteikongress im Herbst, wenn das chinesische Politbüro sich erneuert. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang im Amt bleiben, die anderen fünf Mitglieder des mächtigen siebenköpfigen Komitees müssen aus Altersgründen in Pension gehen. Lediglich beim Korruptionsbekämpfer Wang Qishan (Jahrgang 1948) gibt es parteiinterne Stimme, die ihn gerne für eine weitere Periode im Amt sehen würden.

 

Text: Sabine Zhang

Fotos: Flickr, Mariana Oliver, Melenama, Pedro Plassen Lopes, Jimmy Baikovicius

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