Charlie Shrem: „Alles kann Geld sein“

Charlie Shrem machte mit seinem Bitcoin-Start-up bereits in jungen Jahren Millionen. Wegen Geldwäsche musste er dann aber ins Gefängnis. Dort wurden Makrelen als Währung verwendet. Doch wieso? Und was hat das mit Bitcoin und Blockchain zu tun? Ein Ausflug in die „Prison Economy“.

„Ich war immer der Außenseiter, wenn es um die Frage ging, wie die Welt funktioniert. Ich denke, die Menschen sollten frei sein können in dem, was sie tun.“ Wahrscheinlich war es dieser Drang nach Freiheit, nach dem Wegfallen von Grenzen, der Charlie Shrem zu Bitcoin hinzog. 2011, als die Kryptowährung nur echten Insidern bekannt war, stieß der gebürtige New Yorker auf das mysteriöse neue Zahlungsmittel.

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„Ich war immer der Außenseiter, wenn es um die Frage ging, wie die Welt funktioniert. Ich denke, die Menschen sollten frei sein können in dem, was sie tun.“

Damals hatte – ganz im Gegensatz zu heute – kein Banker, kein Regulator, kein Regierungsmitglied von Bitcoin gehört. „Ich habe in einem Chatroom von diesem Bitcoin-Ding erfahren. Jemand wollte mir zeigen, wie Bitcoin funktioniert, und überwies mir 30.000 Bitcoin, einfach so. Ich schickte sie zurück. Heute wären das rund 300 Millionen US-$“, erzählt Shrem. Shrem hing aber an der Angel. Er begann, alles zu lesen, was es über Bitcoin gab – was zu dieser Zeit nicht besonders viel war. Das Whitepaper des weiterhin anonymen Bitcoin-Gründers Satoshi Nakamoto war noch die beste Dokumentation für die digitale Währung. Die Community war klein, Shrem machte sich schnell einen Namen. „Wir kamen in Wien erstmals alle zusammen, um uns persönlich kennenzulernen. In einem Café auf der Mariahilfer Straße wurde dann von Gavin Andersen, Roger Ver, Eric Voorhees, mir und einigen anderen die Idee der Bitcoin Foundation entworfen.“ Dass dieses Treffen in Wien stattfand, hatte laut Shrem mehrere Gründe. „Wien ist das Tor zum Osten und liegt sehr zentral. Zudem hatte die österreichische Schule eine Rolle.“ Denn die von Carl Menger begründete und von Friedrich August von Hayek auf ihren Höhepunkt geführte ökonomische Strömung stellt die Freiheit des Indi­viduums an die Spitze ihrer Lehre.

Das passt natürlich zu Bitcoin. Doch diese Freiheit, die losen Zügel, führen auch zu Schwierigkeiten. Denn Bitcoin ist, wie Shrem sagt, „wie der Wilde Westen. Keine Ahnung, was da alles passiert.“ Mittendrin im Wilden Westen war er selbst. Gemeinsam mit einem Partner gründete Shrem das Start-up BitInstant. Sie wollten Bitcoin für eine breite Masse von Menschen verfügbar machen. „Ich dachte: Wenn viele Menschen Bitcoin schnell und einfach verkaufen und kaufen könnten, würde es sich schnell verbreiten.“ Das Ding hob ab – und wie. Bit­Instant hatte schnell über eine Million Locations – Supermärkte, Tankstellen etc. –, wo man ganz einfach Bitcoin gegen Dollar tauschen konnte. Das Start-up schloss mehrere Finanzierungsrunden ab, bewältigte „absurde Volumina“, wie Shrem sagt. Shrem war schnell Millionär und ein Star in der Bitcoin-Community. Er war damals 22 Jahre alt. Und wer ihn persönlich kennenlernt, merkt, dass ihm dieses Leben gefallen haben muss. Der Amerikaner spricht schnell und laut, ist extrovertiert und eloquent. Mit Anfang 20 Millionär zu sein und dabei ein wachsendes Start-up zu leiten war mit Sicherheit die Erfüllung von Shrems Träumen. Dass er dabei einen gewissen Rebellenstatus hatte und regelmäßig betonte, dass Bitcoin das Finanzsystem umkrempeln würde, trug vermutlich zu diesem Selbstbewusstsein bei.

Doch die öffentliche Aufmerksamkeit – Shrem sagt, er war eines „der Gesichter von Bitcoin“ – führte gepaart mit Bitcoins Freiheitsanspruch letztendlich zum rapiden Untergang von BitInstant. Denn die Währung zog neben visionären Träumern auch allerhand Kriminelle an. So wurde über BitInstant auch Geld gewaschen, etwa aus Drogendeals. Shrem hat das gewusst. „Ich war jung und dumm“, sagt er heute. Und wirklich wirkt Shrem in vielen Momenten nachdenklich, in sich gekehrt, ruhiger. Ab und zu bricht noch etwas aus ihm heraus, was man wohl als „alten“ Charlie Shrem bezeichnen könnte. Denn Shrem wurde zum Ziel der Staatsanwaltschaft. Einerseits, weil offensichtlich war, dass auf BitInstant nicht alles sauber war. Aber auch, weil die öffentlichen Stellen wohl einen Schlag gegen die Bitcoin-Szene machen wollten, um ein Zeichen zu setzen: nämlich, dass die USA eben nicht mehr der Wilde Westen sind, sondern ein Land, in dem Gesetze herrschen.

 

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Shrem war schnell Millionär und ein Star in der Bitcoin-Community. Er war damals 22 Jahre alt. Und wer ihn persönlich kennenlernt, merkt, dass ihm dieses Leben gefallen haben muss. Der Amerikaner spricht schnell und laut, ist extrovertiert und eloquent. Mit Anfang 20 Millionär zu sein und dabei ein wachsendes Start-up zu leiten war mit Sicherheit die Erfüllung von Shrems Träumen.

Shrem musste 2014 ins Gefängnis. Er wurde wegen Geldwäsche und des Operierens als Geldhändler ohne Lizenz verurteilt. Ob er diesen Vorschriften, etwa dass man als Geldhändler eine Lizenz braucht, zustimmt, beantwortet Shrem folgendermaßen: „Das ist schwierig zu sagen. Denn eigentlich kann ja alles Geld sein, wenn die Menschen es diesem Objekt zuschreiben. Letztendlich ist es aber egal, ob ich einem Gesetz zustimme oder nicht – wenn ich in einem Land leben und arbeiten will, muss ich die Gesetze respektieren.“ Weil er das zu spät verstand, verbrachte der Bitcoin-Pionier etwas mehr als ein Jahr hinter Gittern – und lernte dort die „Prison Economy“ kennen. „Im Gefängnis gab es zwei Märkte. Einmal den regulierten: Jeder Insasse konnte einmal pro Woche in einem von der Gefängnisleitung betriebenen Shop einkaufen; etwa Thunfisch, Makrelen, Shampoo, solche Sachen.“ Daneben hatte sich im Gefängnis aber auch ein Schwarzmarkt entwickelt. Mit verschiedensten Dingen wurde da getauscht, um sich auch an allen anderen Tagen Dinge zu beschaffen – oder Waren und Dienstleistungen zu bekommen, die es im Shop gar nicht gab. „Auf diesem von den Insassen betriebenen Markt gab es keine einheitliche Währung. Alle tauschten einfach Dinge aus. Der Typ, der mir meine Kopfhörer reparierte, wollte Proteinriegel als Bezahlung. Derjenige, der die Haare von anderen schnitt, wollte nur Erdnussbutter. Alle tauschten Objekte, die sie wertvoll fanden.“

Doch auch im Gefängnis setzte sich scheinbar eine Währung durch. „Nach und nach fingen alle an, Makrelendosen als Bezahlung zu akzeptieren. Denn die hatten einen Nutzen – sie enthielten etwa Protein – und setzten sich als Wert durch.“ Also wurden Makrelendosen, die rund 1,50 US-$ wert waren, die Währung im Gefängnis. „Makrelen waren auch deswegen ideal als Geld, weil sie in ihrem Angebot begrenzt waren. 500 Insassen konnten maximal 14 Makrelendosen pro Woche kaufen. Es gab also eine eingebaute Verknappung. Die maximale Menge im Jahr ließ sich so berechnen: Insassen (500) mal Menge (14) mal Anzahl der Wochen (52).“ Es stellt sich heraus, dass das Gefängnis eigentlich ein ideales Setting ist, um Währungsdynamiken zu erklären. Klar, das System ist zwar in sich geschlossen und in seinen Ausprägungen stark vereinfacht. Dennoch funktioniert die Analogie hinsichtlich der Funktionsweisen unseres Währungssystems.

„Die Dosen laufen nach drei Jahren ab. Also entwickelte sich ein zweiter Markt – ,Money Mack‘ genannt –, auf dem die Insassen mit Dosen handelten, die bald ablaufen. Einige Insassen nutzten die Dosen, um Wert aufzubewahren. Ein Typ hatte rund zehn Prozent aller Money Macks gelagert, die dann aber aus irgendeinem Grund von den Wärtern beschlagnahmt wurden. Die Gefängnisleitung schenkte die dann her.“ Doch daraus entwickelte sich Inflation. Hyperinflation sogar, denn plötzlich hatte jeder Insasse Makrelendosen im Übermaß, und die Währung verlor ihren Wert. Das brachte Shrem zum Nachdenken: Wie sicher sind ­Makrelendosen in ihrem Wert?

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„Im Gefängnis gab es zwei Märkte. Einmal den regulierten: Jeder Insasse konnte einmal pro Woche in einem von der Gefängnisleitung betriebenen Shop einkaufen; etwa Thunfisch, Makrelen, Shampoo, solche Sachen.“

Denn die Nachteile der Fische als Währung waren offensichtlich: Sie können ablaufen und damit ihren Wert verlieren, oder aus der eigenen Zelle gestohlen werden. Doch Shrem wäre kein echter Bitcoiner, hätte er sich nicht ein digitales System überlegt, das diese Probleme lösen könnte. Er dachte darüber nach, wie er die Gefängniswährung aufziehen könnte, ganz ohne physischen Austausch. „Ich merkte schnell, dass das gegen die Regeln im Gefängnis gewesen wäre – und diesbezüglich hatte ich meine Lektion gelernt“, lacht Shrem. Doch als Gedankenexperiment ließ es ihn dennoch nicht los: „Anstatt physischer Dosen könnten alle digitale Versionen austauschen.“ Doch wie könnte das funktionieren? Denn im Gefängnis gibt es etwa keine Computer. Doch die Bitcoin unterliegende Technologie Blockchain ist nicht zwingend an digitale Technologien gebunden – auch wenn es in der realen Welt natürlich nicht ohne sie ginge. Viel eher ist revolutionär, dass alle Transaktionen von einem Netzwerk validiert werden und fälschungs­sicher sind. Im Gefängnis müssten also einfach Insassen in Notizblöcken alle Transaktionen festhalten – auf der Blockchain als „Nodes“ bezeichnet.

Shrem: „Man würde zu einem dieser Insassen gehen und ihm sagen, dass man Insassen A für einen Haarschnitt zwei Dosen überweisen will.“ Insasse A schreibt das auf und notiert somit die Transaktion. Und dann müsste man – wenn man keinen zentralen Vermittler haben will – alle Insassen, die diese Transaktionen aufzeichnen, zusammenbringen. Es gäbe also nicht nur eine „Node“, sondern viele verschiedene. Diese müssten sich regel­mäßig treffen und alle Transaktionen synchronisieren. So hätte jeder schriftführende Insasse den gleichen Transaktionsstand, doch niemand alleine alle Informationen. Das würde sich dann „dezentraler Ledger“, also ein dezentrales Transaktions- oder Kontobuch, nennen. Jede Transaktion wäre ein Block, zusammen bilden sie die Blockchain. Wie auch die „Prison Economy“ stark vereinfacht ist, funktioniert auch die Blockchain komplexer. Aber das Grundprinzip stimmt. Und ebendiese Blockchain ist in der Zeit, in der Shrem im Gefängnis war, in der öffentlichen Wahrnehmung explodiert. Shrem: „Früher dachten wir, Bitcoin würde das Finanzsystem völlig verändern. Doch jetzt wird die Blockchain für Social Media, E-Government, Logistik und vieles andere eingesetzt. Das haben wir damals nicht voraussehen können.“

Shrem verbrachte einige Zeit nach seiner Freilassung damit, seinen Wissensrückstand aufzuholen und ist seitdem wieder in verschiedenen Kryptowährungsprojekten involviert: Etwa Changelly, ein Marktplatz für Kryptowährungen, wo man in Echtzeit Bitcoin in andere digitale Währungen, etwa Ether oder Dash tauschen kann. Oder eben Dash, das laut Shrem ein „anderes“ Bitcoin sein soll. Dass ihm in der Bitcoin-Community seine Gesetzesverstöße schnell vergeben wurden, ist nicht weiter verwunderlich. Viele der frühen Pioniere halten nicht allzu viel von Freiheitsbeschränkungen durch staatliche Organe. „Manche haben mich auch als Märtyrer bezeichnet. Ich sehe das absolut nicht so. Ich habe einen Fehler gemacht – und meinen Preis gezahlt.“ Und dieser Preis lässt sich vermutlich weder in Bitcoin noch US-Dollar – oder Makrelendosen – berechnen.

Dieser Artikel erschien in unserer April-Ausgabe.

Fotos: David Visnjic

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