Bitmovin: von Kärnten ins Silicon Valley

Seit 2013 mischt Bitmovin, ein Spin-off der Universität Klagenfurt, ganz oben mit, wenn es um Videoübertragungsstandards im Internet geht.

Begonnen hat für Stefan Lederer und Christopher Müller alles während des Studiums an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und der Entwicklung eines neuen Videostandards, MPEG4, am Institut für Informationstechnologie. „Universitätsprofessor Hermann Hellwagner, der auch den Lehrstuhl leitet, ist beim Konsortium MPEG schon seit rund 15 Jahren aktiv und hat eine gute Reputation aufgebaut. Sein Assistenzprofessor ist Christian Timmerer, der bei uns mitarbeitet und unser Mitgründer ist. Die Universität Klagenfurt ist in Sachen Medien-Standardisierung weiter als viele andere. So ergab es sich auch, dass wir da reinrutschten und an dem neuen Standard MPEG-Dash mitgearbeitet haben, wofür uns Professor Timmerer an Bord holte. Neben uns waren Microsoft, Apple und Adobe dabei – das ist ziemlich international. Da mitzuarbeiten war schon sehr lässig“, erklärt Stefan Lederer im Gespräch mit Forbes Austria, wie sie zu der Innovation kamen, die sie vom universitären an die Spitze des privatwirtschaftlichen Bereichs hievte.

Hellwagner forsche nicht nur, sondern reiche auch immer wieder Industriestandards ein, er ist im MPEG-Beirat, der weltweit agiert und laufend neue Industriestandards sucht und definiert. „2011 haben wir an den ersten Playern gearbeitet und da schon einige Patente angemeldet. Natürlich haben wir die Konkurrenz begutachtet. Wir haben gesehen, dass unsere Software beispielsweise doppelt so gut ist wie die Lösungen von Apple und 50 Prozent besser als die Microsoft-Lösung. Bei uns gab es zum Beispiel kein Buffering. Das war der Grundstein für Bitmovin.“ Heute wird MPEG-Dash von Netflix oder Youtube eingesetzt und ist somit laut Lederer für 50 Prozent des Traffics in den Peakzeiten in den USA verantwortlich. Die Kundschaft von Bitmovin ist dabei der Mitbewerb von Netflix oder Google; weil die Standards dieses Konsortiums offen sind, kann man sie per se nicht verkaufen, aber Dienstleistungen rund um die Implementierung anbieten. „Die obliegt nämlich der Industrie“, so Lederer. Das bedeutet Video-Codierungssoftware und Videoplayer.

„Dadurch, dass wir diesen Standard mitentwickelt haben, haben wir einen Wettbewerbsvorteil“, so der Jungunternehmer. Auch zur effizienten Umsetzung hat Bitmovin Patente, so Lederer. Wie viel Umsatz die drei damit schon gemacht haben oder machen, verraten sie nicht – nur so viel: 70 Prozent davon machen sie mit Kunden in den USA. Dennoch sind sie nach eigenen Angaben von Europa bis Asien tätig. Das Geschäft dürfte wachsen: Momentan beschäftigt Bitmovin 17 Mitarbeiter, bis Jahresende sollen es 40 sein. Da auch 70 Prozent des Umsatzes in den USA erzielt werden, war es ein logischer Schritt, 2015 eine Inc. zu gründen, die die Muttergesellschaft der 2013 gegründeten Bitmovin GmbH ist. „Die Inc. haben wir vor allem deshalb gegründet, weil die österreichische GmbH für internationale Investoren zu kompliziert ist. Die kennen das US-System, mit dem österreichischen aber kennen sich die Internationalen meistens nicht aus“, so Lederer. Investoren machten sie darauf aufmerksam, sich bei Y Combinator zu bewerben – das Erfolgserlebnis, 2015 einen Platz zu bekommen, wird dadurch aber sicher nicht geschmälert. Drei Monate zogen sie dafür ins Silicon Valley und schickten Bitmovin auf einenWachstumsschub. „Da sind wir jetzt von unserer Wachstumsrate betrachtet im obersten Prozent der Start-ups im Silicon Valley dabei.“ Ein Spin-off, das es also ganz nach oben geschafft hat. Unlängst hat das Kärtner Start-up seine erste Finanzierungsrunde mit beachtlichen 10,3 Millionen US-$ unter Lead Investor „Atomico“ mit Sitz in London abgeschlossen. Atomico ist einer der größten Investmentfonds Europas und auf Start-ups im Technologieberech spezialisiert.

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Bitmovin Gründer Christopher Müller (links) und Stefan Lederer bei Y Combinator in Mountain View, Californien.

Im Bereich Spin-offs vermisst Lederer vor allem „einen standardisierten Prozess, wie es ablaufen kann“, von einer wissenschaftlichen Erkenntnis über ein Patent bis hin zu einem fertigen Produkt für die Privatwirtschaft – und wer dann was bekommt. „Die Implementierung einer Technologie ist eigentlich die größere Aufgabe, das Patent ist ein kleiner Teil.“ Und da trennt sich die Spreu vom Weizen, denn eine solche Erfindung zu einem Produkt zu machen, das sei der entscheidende Erfolgsfaktor, so Lederer. „Die Technologie ist kein Produkt. Dass ich eine Software baue, eine Preisstrategie, eine Marketingstrategie und einen Vertrieb aufbaue, das ist als Wissenschafter echt ein Wahnsinn.“ Im Fall von Bitmovin hat das offensichtlich dennoch gut funktioniert. „Wir haben ein super Team und bekamen viel Hilfe durch Fördergelder und Investoren. Mein Studium der Betriebswirtschaftslehre hat auch geholfen. Der Link zu Standardisierungscommunity und Universität über Christian Timmerer als Mitgründer war ebenfalls sehr praktisch. Wir haben dann eine Lösung gefunden und das Patent abgekauft“, erklärt Lederer. Der Schritt vom Wissenschafter zum Unternehmer ist nicht nur schwierig, es bleibt auch viel Potenzial liegen. „Es wird viel geforscht, wo viel rauskommen könnte. Viele Forscher trauen sich nicht, sich selbstständig zu machen.“ Darüber hinaus spielen Universitäten ebenfalls eine Schlüsselrolle, vor allem bei der Patentanmeldung, die nicht immer geschieht. Lederer wünscht sich mehr Definition für den Bereich der Spin-offs und auch dafür, wie mit patentrechtlichen Themen umgegangen werden soll.

Dieser Beitrag erschien am 08.09.2016 in unserer Printausgabe. Sie erhalten Forbes Austria in Trafiken, als e-paper unter www.kiosk.at oder als Abo unter: abo.forbes.at.

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