Aus dem Wasser

Mit 30 Jahren war Michael Phelps der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten. Nun will er seine Leistungen nutzen, um eine weltbekannte Marke aufzubauen. Doch kann er es seinem Namensvetter Michael Jordan gleichtun?

Michael Phelps liegt auf einer Couch in einem Hotel in Manhattan. Er hat einen Vollbart und trägt eine Strickmütze, ein weißes T-Shirt und eine Jogginghose von ­Under Armour – ein Athlet in Ruhestellung, sozusagen. Er ist in New York, um einen weiteren Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Dieses umfasst Medaillen bei fünf verschiedenen Olympischen Spielen. Es ist noch eine Chance, für ihn und alle um ihn, um in den Erfolgen der Vergangenheit zu schwelgen. Doch Phelps will nicht über die Vergangenheit, sondern die Zukunft sprechen: „Ich habe jahrzehntelang nur diese schwarze Linie am Boden des Schwimmbeckens angestarrt“, sagt er. „Ich will was Neues machen. Ich will meinen Ehrgeiz für etwas anderes nutzen!“ Der 31-jährige Phelps beendete seine Olympia-Karriere nach den Spielen in Rio 2016. Die nächste Phase seines Lebens hat laut dem Sportler ­offiziell begonnen und hat demnach zwei Teile: Erstens will er eine Marke kreieren, die jahrzehntelang bestehen soll. Doch er will auch ein Aushängeschild für die zwei Dinge werden, die ihm am wichtigsten sind: Schwimmen und das Wohlergehen von Kindern. Markentechnisch ist Phelps natürlich ziemlich erfahren. So hat er Werbeverträge etwa mit Under Armour, Omega, Intel, Activision und Beats by Dre. Doch das sind nur die bekannten Namen, Phelps hat auch Deals mit zahlreichen weniger ­bekannten Unternehmen wie etwa Master Spas, Krave und Sina Sports.

Ich habe jahrzehntelang nur diese schwarze Linie am Boden des Schwimmbeckens angestarrt. Ich will jetzt etwas Neues machen.

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In seinen besten Zeiten verdiente der Schwimmer mit ­Werbeverträgen geschätzt rund sieben Millionen US-$ pro Jahr. Viele der Unternehmen sind langjährige Partner – und wollen das auch beibehalten. „Wir hoffen, er bleibt für immer bei uns“, sagt etwa Kevin Plank, CEO von Under Armour, das Phelps 2010 unter Vertrag nahm. Aber Phelps will nicht nur das hübsche Gesicht von Marken sein. So verließ er 2013 Speedo, um seine eigene Bademodenmarke ins Leben zu rufen: MP. Mit Aqua Sphere fand er einen passenden Partner, der nun gebrandete Badehosen verkauft. Kostenpunkt: zwischen 40 und 475 US-$. „Ich möchte irgendwann einmal die beste und bekannteste Marke der gesamten Schwimmwelt haben“, sagt Phelps. Sein Vorbild in Sachen Business ist, kein großes Wunder, Michael Jordan.

Dessen Marke „Nike Inc. Jordan“ verkaufte im Vorjahr Waren um satte 2,8 Milliarden US-$. Der Schwimmsport lässt sich klarerweise nicht so gut verkaufen wie Basketball, aber laut Kevin Plank müsse man Phelps’ Ambitionen ernst nehmen: „Michael hat diese spezielle Qualität, diese Fähigkeit, zu gewinnen, wenn es wirklich darauf ankommt. Das hat er bei den Olympischen Spielen immer wieder bewiesen. Er könnte der König des Wassers werden.“

Michael Phelps – I Swam Blind

Michael Phelps explains why visualization helped him in the ultimate worst-case-scenario.

Posted by Forbes on Dienstag, 1. November 2016

Phelps hat aber noch ein ­zweites Projekt, dem er sich nach seiner olympischen Karriere widmet: seine Stiftung. Diese wurde 2008 mit dem Bonus von einer Million US-$, den er nach seinen rekordbrechenden acht Medaillen in Peking erhielt, gegründet. Die größte darin enthaltene Initiative ist Phelps’ „im program“ („im“ steht dabei für „individual medley“, also Lagenschwimmen, aber auch für „I am“). Das Programm will Kindern Sicherheit im Wasser geben. Denn Ertrinken ist die häufigste ­verletzungsbezogene ­Todesursache bei Kindern unter 14 Jahren in den USA und Nummer drei weltweit.

Phelps muss eine globale Ikone werden – das ist selbst für hocherfolgreiche olympische Athleten keine leichte Aufgabe.

Phelps’ Mutter drängte ihn, einen solchen Kurs zum Thema Wasser­sicherheit zu machen, als er ein kleiner Junge war. Laut Phelps war das der Grund, warum er Leistungsschwimmer wurde. Das „im program“ umfasst 104 Teams in allen 50 US-Staaten und hat bereits 16.000 Kindern das Schwimmen beigebracht. Für drei Viertel der Teilnehmer war es das erste Mal, dass sie in einem Swimmingpool waren. „Ich möchte, dass diese Zahl bald auf 50.000 Kinder anwächst – und irgendwann bis auf 100.000“, sagt Phelps. „Das Ziel ist es, jedem einzelnen Kind auf der Welt beizubringen, ­sicher zu schwimmen.“

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Um diesen Traum zu erfüllen, wird Phelps eine globale Ikone werden müssen. Das ist auch für hocherfolgreiche Olympioniken keine leichte Aufgabe: Der Weltklasseläufer Jesse Owens war mehr Symbol als Marke. Muhammad Ali boxte nach seinem olympischen Gold noch zwei Jahrzehnte weiter, um seinen Status zu erhalten. Caitlyn Jen­ner ist auch vier Jahrzehnte nach ihrem Triumph im Zehnkampf noch berühmt. Die Gründe dafür hätte 1976 jedoch niemand voraussehen können – Caitlyn Jenner, vormals Bruce ­Jenner, outete sich 2015 als Transfrau und erreichte damit viel mediale Aufmerksamkeit. Dennoch: Phelps war kein gewöhnlicher olympischer Athlet. Er begann seine Karriere als 15-jähriges Wundertalent bei den Spielen 2000 in Sydney und zeigte erste Anzeichen von Weltklasse in Athen 2004. Es folgten acht Medaillen in Peking 2008 sowie einige weniger spektakuläre Triumphe in London 2012. Danach folgten Alkohol und Depressionen sowie ein Gastspiel in einer Entzugsklinik. All das endete in der Erlösung und Wiedergutmachung bei den Spielen in Rio 2016. Letztendlich gewann Michael Phelps 28 olympische Medaillen, davon 23 goldene – das ist absoluter Rekord.

Dieser lang andauernde Siegeszug bescherte Phelps eben jene internationale Strahlkraft, die den meisten US-Athleten verwehrt bleibt. Das ist aber nicht ganz zufällig: Phelps arbeitete seit seinen Anfängen – gemeinsam mit seinem Agenten Peter Carlisle – an seinem internationalen Profil. Er besuchte China bereits fünf Jahre vor den Olympischen Spielen 2008, um im Vorfeld Deals abzuschließen – die Chinesen nennen ihn nicht umsonst „Fliegender Fisch“. Phelps und Carlisle nutzten das gleiche Vorgehen in Rio de Janeiro – Phelps war vor den Spielen insgesamt viermal in Brasilien. Das Ergebnis? Ein Deal mit dem brasilianischen Medienriesen Grupo Globo. Und bald wird Phelps eine Tour durch Vietnam, Äthiopien, Südafrika und Südamerika starten. Phelps kennt das natürlich alles schon von seinem ersten Rücktritt nach den Olympischen Spielen in London 2012. Aber: „Diesmal ist es anders. Damals wollte ich nur ein tiefes Loch graben, mich dort verstecken und meine Ruhe haben.“ Jetzt sei das Leben „so anders, so viel besser. Ich habe Boomer (sein achtjähriger Sohn; Anm.) und Nicole (seine Frau; Anm.). Ich muss mich noch um andere Dinge als mich selbst kümmern.“ Phelps sagt, er reise drei Wochen pro Monat. Und er komme zu Meetings nicht mehr nur, um Hände zu schütteln und hübsch zu lächeln, sondern wirklich einzutauchen. „Ich sitze am Meetingtisch und stelle Fragen. Ich will draußen sein, unterwegs. Wenn ich mich von der Welt isoliere, wie ich es schon einmal getan habe, kenne ich den Weg, der mir bevorsteht. Und der ist kein guter.“

Eine Frage bleibt aber noch: Wird er wirklich keine Wettkämpfe mehr bestreiten? „Ja, definitiv“, sagt Phelps. Und gibt im gleichen Atemzug zu, dass er genau das Gleiche auch 2012 behauptet hatte. Die Olympischen Spiele 2020 sind jedenfalls kein Thema, aber Carlisle hat immer wieder mal Gerüchte wegen der Spiele 2024 gestreut. So sagte Phelps’ Agent kürzlich etwa: „Was, wenn Los Angeles den Zuschlag für 2024 erhält – und ein Platz im US-Staffelteam offen ist?“ Carlisle ließ die Frage unbeantwortet, wie es sich für einen guten Agenten gehört. Phelps lächelt nur, wenn diese Idee erwähnt wird: „Ich bin glücklich. Und freue mich auf das, was vor mir liegt.“

 

 

Text: Monte Burke, Forbes US

Übersetzung: Klaus Fiala | klaus.fiala@forbes.at

Foto: Jamel Toppin für Forbes US & Marco Paköeningrat

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