Auf den Spuren eines Überlebenskünstlers

Der Dokumentationsfilm “Homme Less”, vom österreichischen Filmemacher Thomas Wirthensohn, erzählt die Geschichte des Obdachlosen Mark Reay, der auf den ersten Blick so gar nicht in diese Schublade passt. FORBES Austria hatte in Wien die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch.

Mark Reay sieht gut aus für sein Alter, die Strapazen der vergangenen Jahre scheinen spurlos an ihm vorbei gegangen zu sein. “Mein Leben hat sich wohl nicht so entwickelt wie ich es geplant hatte”, sagt der Hauptdarsteller, der mehrmals auf internationalen Filmfestivals ausgestrahlten Doku “Homme Less”. In den 80er Jahren war Reay in Belgien, Düsseldorf, Paris, Mailand und auch Wien als Model gefragt. “Ich wurde damals von “Wiener Models” gebucht und habe mehrere Monate in einer Model-WG gewohnt”, erzählt er. Zu dieser Zeit lernte er auch Model-Kollege Thomas Wirthensohn kennen. Um heute in seiner Lieblingsstadt New York zu leben, musste Reay im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2008 einige Prioritäten neu setzen.

HommeLess-21

Ein Leben auf der Dachterrasse

In diesem Jahr brachte ihn ein finanzieller Schicksalsschlag in die missliche Lage, in der er sich die letzten sechs Jahre befand. “Ich war verzweifelt, hatte kein Geld und konnte mir die astronomischen Mieten in New York nicht leisten, also musste ich nach einer Alternative suchen.” Der freie Zugang zu einer Dachterrasse brachte ihn auf die entscheidende Idee: “Da ich keine andere Möglichkeit sah, begann ich mir auf diesem “rooftoop” ein Lager einzurichten und fühlte mich auch irgendwie gut dabei, mit diesem alternativen Lifestyle zu überleben – fast wie ein U-Boot in dieser überteuerten Gesellschaft”, beschreibt er.
Zum Duschen ging Reay einfach in sein Fitnesscenter YMCA, wo er auch seine Wertgegenstände wie Kamera oder Laptop unterbrachte. “Es war für mich klar, dass ich in meinem “hood” bleiben will, auch wenn alles immer teurer wird. Und so habe ich für mich die Entscheidung gefällt, auf dem Dach zu schlafen. Viele Menschen leben heute von der Hand in den Mund und ich denke, dass es ohne soziales Auffangnetz schnell zu so einer Situation kommen kann. Wenn man zum Beispiel krank wird oder ein erwartetes Einkommen einfach nicht bezahlt wird.” Trotz der schwierigen Lebensumstände ist seine Liebe zu New York unverändert groß: “Die Stadt ist aufregend und hat so viel zu bieten, worauf ich im Leben Wert lege – Vielfalt, interessante Leute und auch Jobs”, sagt Mark Reay, der heute abwechselnd als Fotograf, Model und Schauspieler tätig ist.

HOMME-LESS_10-560x315

Coming-Out

Bei einem Treffen mit seinem alten Freund Thomas Wirthensohn, kam es dann zum entscheidenden Coming-Out. “Mark war in dieser Nacht wohl betrunken genug, um mir seine Geschichte zu erzählen. Für mich war es als Filmemacher sofort klar, dass dieses Schicksal für viele Menschen interessant sein würde. Nach einer Woche Bedenkzeit haben wir zu drehen begonnen”, erzählt Wirthensohn. Knapp drei Jahre hat er den Ausnahme-Obdachlosen fast täglich begleitet. Beim Aufwachen und beim Schlafengehen unter dem freien Himmel, bei seinen Jobs, im Fitnesscenter und beim Feiern. “Ich wäre dabei fast verrückt geworden”, scherzt er.
“Homme Less” findet nun internationale Beachtung und Mark Reays Privatsphäre ist öffentlich geworden. “Für mich hat sich geändert, dass ich nun keinen Zugang mehr zu meiner Dachterrasse habe und viele Menschen auf der ganzen Welt meine Geschichte kennen, auf die ich teilweise nicht stolz bin.”

Thomas Wirthensohn sieht seinen Film als Kunstwerk, das zum Denken anregen soll. “Jeder Zuseher wird die Geschichte anders aufnehmen und der bittere Nachgeschmack wird wohl viele dazu motivieren, im Leben mehr zu leisten, um nicht in so eine Situation zu kommen”, sagt der Regisseur.

“Homme Less” ist heute, Freitag Abend ab 21:30 Uhr im Topkino zum vergünstigten “Club Day”- Preis von 5 Euro zu sehen. Bis 1. Oktober gibt es noch weitere Termine.

HommeLess-25

Fotos: Matthias Hombauer, Schatzi Productions/Filmhaus Films
Drucken