5starts: Wo Ideen keimen

Seit einem Jahr hat Wien mit 5starts einen weiteren Start-up-Inkubator, frei übersetzt: einen Brutkasten für junge Geschäftsideen. In fünf Monaten wird dort aus einer Idee ein marktreifes Produkt.

29.500 Unternehmen wurden 2015 in Österreich gegründet. Jene, die der Kategorie Start-up angehören (die Wirtschaftskammer, die diese Zahl erhebt, weist Start-ups nicht gesondert aus) haben mit dem Inkubator 5starts seit einem Jahr im fünften Wiener Gemeindebezirk ein weiteres offizielles Starthilfeprogramm; rund 70 Prozent aller Start-ups in Österreich sind in Wien angesiedelt, die Standortwahl passt also. Ein Inkubator ist ein Brutkasten, in dem ein neues Business wächst – meist aus Leidenschaft für eine Idee; ein Gefühl, das grundsätzlich sowohl von Vor­-, aber auch von Nach­teil sein kann. Der Weg von einer Idee zu einem Produkt hat nämlich meist weniger mit der nahezu romantischen Nähe des Gründers zu seiner Idee zu tun. Viele sprechen dennoch von ihren „Babys“. In diesem Spannungsfeld tap­pen sie immer wieder in vermeidbare Fallen. Und manchmal stirbt auf diese Weise et­was, das mit einem abgeklärteren Blick von außen gut überleben hätte können.

Das wissen vor allem die, die schon einmal gegründet und viele jener Fehler selbst gemacht haben – oder gar gescheitert sind: die Mentoren. Sie stellen ihre Erfahrung im Programm zur Verfügung. „Wenn ich weiß, dass ein Gründer glaubt, kein Marketing oder Sales zu brauchen, à la: ‚Mein Produkt ist gut, das verkauft sich von selbst!‘, setze ich ihn mit einem unserer Mentoren zu­sammen, der am eigenen Leib verspüren musste, dass das nicht so ist“, sagt Floor Drees.

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v.l.n.r.: Barbara Hölzl von Ecovis, Thomas Schranz, Gründer von Blossom, Floor Drees, Managing Director 5starts, Iwona Laub, Mentorin in PR-Fragen und Yves Schulz, Founder von Sektor5. Foto: Jiri Turek und Jana Jirkubova

Drees ist Managing Director von Sektor5 und verantwortet das Programm 5starts, das sie auf fünf Monate Laufzeit individuell zuschneidet. Start-ups werden in extrem frühen Phasen aufgenommen – von sie­ben werden fünf im Inkubator gegründet. Das Prototyping für ein Produkt oder eine Dienstleistung durchläuft dabei etliche Tests, ebenso Nutzer­-Interviews sowie entsprechende Adap­tierungen, erklärt Floor Drees. Bis zum letzten Monat, „der sich auf den Demo-­Day konzentriert, der auch den Inkubator abschließt“, so Drees wei­ter. Eine Garantie, dass es ein Start­-up durchs Programm schafft, gibt es dabei nicht. „Es ist wichtig, sich nicht in der Idee zu verlieren und sich klare Ziele zu stecken, mit einem klar definierten Zeitraum. Und wenn man diese nicht erreicht, muss man auch den Mut ha­ben, etwas sein zu lassen“, erklärt Barbara Hölzl, Steuerberaterin bei Ecovis Austria und Mentorin im Programm. Die, die es schaffen, präsentieren am „Demo­Day“ ihre im Inkubator gereiften Geschäftsfälle und Produkte.

Im letzten 5starts­-Batch war der australische Ex­-Journalist Jake Moss mit von der Partie. Er gründete die Kreativagentur Pow Pang Boom und startete den Blog Vienna Würstelstand. „Ich habe Vienna Würstelstand so benannt, weil wir uns zwar an eine internationale Community richten, aber dennoch 60 Prozent unserer Leserschaft Locals sind. Dabei kann ich den Namen nicht einmal ordentlich aus­ sprechen“, lacht er. „Ich war in Aus­tralien Busch­ Reporter, wurde dann zu Online versetzt und habe gekündigt. Ich bin eineinhalb Jahre gereist und in Wien gelandet, gerade als mir das Geld ausgegangen ist. Da habe ich bei einem Freund auf der Couch geschlafen und wollte, sobald ich genug Geld habe, wieder zurück nach Australien. Damals habe ich bemerkt, dass es hier keine englischsprachige Pub­likation gibt, und meinen Blog gestartet. Ich bin vom Wesen her einfach Journalist und habe eine authentische Marke aufgebaut. Vieles von Vienna Würstelstand entspricht meiner Persönlichkeit.“

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Jake Moss bekam Starthilfe für seine Agentur Pow Pang Boom Foto: Jiri Turek und Jana Jirkubova

Es ist also einem Zufall geschuldet, dass Moss in Wien geblieben ist. Es war ebenfalls ein Zufall, dass er sich bei 5starts bewarb, worüber er heute froh ist. „Ein wesentlicher Punkt im Programm war, unser Kerngeschäft zu identifizieren und zu schauen, wie man es monetarisieren kann. Das Modell der digitalen Publikationen ist meiner Meinung nach am Sterben. Des­wegen haben wir eine Plattform zur Markenkommunikation entwickelt. Mit Pow Pang Boom konzentrieren wir uns auf authentisches Marketing mit einem menschlichen und einem Spaßfaktor – so wie wir das für uns selbst auch kreiert haben. Mit diesem Angebot ma­chen wir Umsatz“, erzählt Moss. Und Drees fügt hinzu: „Kreative tun sich oft schwer damit, ein Preisschild auf ihre Arbeit zu hängen.“ Dabei halfen die Mentoren. Im Gegenzug für Beratungsleistungen, die günstiger oder gar kostenlos gestellt werden, erhält der In­kubator Beteiligung.

Der Deal des zweiten Batches, an dem Moss teilnahm, beinhaltet ein Prozent Umsatzbeteiligung und 2,5 Prozent Investmentbeteiligungen für die Laufzeit des Programms. Viele Gründer empfinden das befähigender, als Unternehmensanteile abzugeben, wie es meistens der Fall ist. Dennoch wurde auch bei 5starts das Modell nun um­ gestellt: 50.000 € Wert (20.000 € Cash und 30.000 € Beratungsleistungen) gegen sieben Prozent der Unternehmensanteile. Dieser Deal greift bereits beim dreiten Batch der im Jänner, gestartet ist. „Für einen In­kubator ist das nachhaltiger“, sagt Drees. Dabei wäscht eine Hand die andere: „Wir helfen Start­ups, ihr Produkt zu ent­wickeln. Wir erörtern gemeinsam, wer die Kunden sind und wohin sich die Produkte entwickeln sollen, also welche Features in welcher Reihenfolge Sinn machen. Wir definieren Ideale und wie man sie erreichen kann. Die meisten wissen nicht, wer ihre Kunden sind und wie sie zu ihnen kommen“, erklärt Thomas Schranz, selbst Gründer der Firma Blossom, die lange im Coworking­ Space Sektor5 beheima­tet war. „Ich helfe dabei, Rechtsformen zu etablieren, wir erstellen gemeinsam Kostenpläne und Budgets – auch Bu­sinesspläne, wenn es um Investoren geht, die interessiert sind“, sagt Barbara Hölzl. Iwona Laub, ehemalige Stan­dard­ Mitarbeiterin, ist Mentorin in Medienfragen: „Viele wissen nicht, wie man mit unterschiedlichen Stakehol­dern kommuniziert, und verwechseln Marketing mit PR. Interessanterweise sind die, die glauben, PR am wenigsten zu brauchen, die, die es am meisten brauchen“, so die PR­-Beraterin. Hölzl fügt hinzu: „Damit aus einer Idee ein Produkt und ein Unternehmen werden kann, braucht man klare Strukturen, ei­nen Zeitplan und Meilensteine, die man abarbeitet. Vieles ist vom Team abhän­gig, aber auch von den Rahmenbedin­gungen, Stichwort Rechtsform. Allein eine GmbH zu gründen ist unglaublich kompliziert.“

Die Mentoren kennen die Fallstri­cke, die es gibt, wenn Menschen leidenschaftlich ans Werk gehen und dies dennoch auch wirtschaftlich auf den Boden bringen müssen, damit eine Idee auch bestehen kann. Jake Moss ist überzeugt, dass er ohne Inkubator kein Businessmodell hätte. „Ich finde es wichtig, dass es abseits der Fördermaschinerie, die nicht nachhaltig ist, diese Unterstützung gibt, etwas zwar auch finanziell, aber vor allem durch Know­how aufzubauen“, so Laub.

5starts wurde zwar erst vor einem Jahr gelauncht, der Co­working­ Space Sektor5 machte aber auch schon davor vieles, was einen In­kubator ausmacht: Hilfe anbieten, die richtigen Menschen zusammenbringen. Seit 2010 haben alle Sektor5­-Alumni nach eigenen Angaben 25 Millionen € an Investitionen an Land gezogen und 21 Millionen € Umsatz gemacht.

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Über Sektor 5

Der Coworking-Space ist so etwas wie eine Institution der österreichischen Start-up-Szene: Im Alumni-Netzwerk sind Erfolgsstorys wie Firstbird, Codeship oder Anyline. Alle Alumnis haben nach Eigenangaben seit 2010 rund 25 Millionen € geraist und 21 Millionen € Umsatz gemacht. Die Managing Directors Yves Schulz und Floor Drees führen den Coworking-Space; Letztere seit drei Jahren und seit einem Jahr auch das Inkubatoren-Programm 5starts, das von AWS Jump Start gefördert wurde. Momentan ist 5starts auf Investorensuche – eine halbe Million € will Drees raisen, die sich für 5starts bei den größten Programmen weltweit, wie etwa Y Combinator oder Techstars, schlaugemacht hat.

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