2012 hat Moritz Plassnig, gebürtiger Steirer, Wien verlassen – wegen der Karriere. Die heimische Start-up-Szene hat er von Anfang an miterlebt und -gestaltet. Dennoch ist er derweilen so gar nicht auf Nach-Hause-Kommen eingestellt.

Herr Plassnig, Sie kennen die Start-up-Szene in Österreich seit ihren Anfängen. Wie war das damals?

Ja, das ist mehrere Jahre her. Damals gab es noch keinen Stammtisch (Anm.: Veranstaltungsreihe des Vereins Austrian Start-ups aus und für die Community). Und das Pioneers hieß damals Start-up-Weekend, 2011 oder 2012 war das. Als Start-up-Weekend zu Pioneers wurde, habe ich aufgehört. Damals, Ende 2011, hatten wir auch die Firma für unser Produkt ­Codeship gegründet – davor hatten wir Teilzeit daran gearbeitet und das dann zu Vollzeit erweitert. In Österreich kannten wir schon alle aus der Szene und bekamen durchgängig das Feedback, dass unser Produkt zum automatisierten Testen von Software niemand braucht und dass es nicht funktioniert. Deswegen sind wir dann nach Berlin gegangen.

Heute leben Sie ja in Boston – auch Ihre Firma ist dort zu Hause. Wie kam es dazu?

Nachdem wir Ende 2012 nach Berlin gegangen waren, haben wir uns im Februar 2013 bei Techstars beworben (Anm.: einer der weltweit größten Start-up-Accelerators mit rund 1.000 Start-ups, denen man beim Wachstum geholfen hat, und 8,1 Mrd. US-$ Marktkapitalisierung). Wir waren davor noch nie in den USA und wollten eigentlich bei keinem dreimonatigen Accelerator-Programm mitmachen, dachten aber, nachdem wir niemanden kannten, dass das vielleicht doch eine gute Idee wäre. Wir haben über das Programm dann aber sehr viele Kontakte bekommen, auch zu Investoren. Mittlerweile kennen wir sozusagen alle in Boston. (lacht) Deswegen sind wir dann auch gleich dort geblieben.

Ihr Business lebt ja von Signalwirkung. Auch so Accelerators, da geht es doch oftmals um die Marke, die man sich auf die Fahne heften kann, um Vertrauen und ergo wahrscheinlich darum, Investments zu bekommen. Wie sehen Sie das?

Ich finde, dieses Stempelding kann und soll man ruhig kritisch sehen. Sicher, bei Techstars in Boston hineinzukommen, ist nicht einfach, es bewerben sich unheimlich viele Start-ups und die haben schon echt tolle Leute – zum Beispiel habe ich zwei ehemalige NSA-Mitarbeiter dort kennengelernt, die an ihrem Start-up gearbeitet haben. Wenn man uns drei damals angesehen hat – drei Österreicher, die mit diesem Start-up-USA-Ding eigentlich wenig bis gar nichts zu tun hatten. Das war kein No-Brainer, dass wir Founder sind und uns da durchsetzen werden, weil wir zum Beispiel auf einer Eliteuni studiert hatten. Es ist spannend, in so etwas drin zu sein und aber von woanders zu kommen. Es kann schon sein, dass, wenn ich 100 Computer Engineers von etwa Stanford mit 100 Engineers einer anderen Uni vergleiche, ich in Stanford vielleicht mehr dabei habe, die besser sind, es gibt aber genug Beispiele von Menschen, die Großartiges und Spannendes leisten und nicht in Stanford studiert haben.

Der gebürtige Steirer ging 2012 nach Berlin. Damals begann er auch, mit seinen Co-Foundern Vollzeit an Codeship zu arbeiten – einer Software zum automatisierten Software-Testing. Das Geschäft läuft gut – über Umsätze spricht er nicht, auch nicht über Userzahlen, aber seit vier Jahren behaupten sich die Österreicher erfolgreich in Boston, haben eine Firma mit 40 Mitarbeitern aufgebaut und im vergangenen Jahr 7 Mio. US-$ Investment bekommen – von einem Tech-VC in den USA. Unlängst bekam Plassnig auch eine Greencard und wird wohl noch länger im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleiben.
Der gebürtige Steirer ging 2012 nach Berlin. Damals begann er auch, mit seinen Co-Foundern Vollzeit an Codeship zu arbeiten – einer Software zum automatisierten Software-Testing. Das Geschäft läuft gut – über Umsätze spricht er nicht, auch nicht über Userzahlen, aber seit vier Jahren behaupten sich die Österreicher erfolgreich in Boston, haben eine Firma mit 40 Mitarbeitern aufgebaut und im vergangenen Jahr 7 Mio. US-$ Investment bekommen – von einem Tech-VC in den USA. Unlängst bekam Plassnig auch eine Greencard und wird wohl noch länger im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleiben.

Sie haben eine erfolgreiche Unternehmensgründung hingelegt und sind nach wie vor in den USA. Codeship gibt es nun seit sieben Jahren. Hat sich an dem Produkt etwas verändert und ist das auch der Grund für das Sieben-­Millionen-US-$-Investment von Accent? Das ist ja für uns in Österreich viel Geld …

Ja, für San Francisco sind sieben Millionen wenig, für Österreich viel; man muss dazusagen, in den USA ist es viel teurer, ein Unternehmen und Mitarbeiter zu beschäftigen (Anm.: Plassnig hat 30 Vollzeit- und zehn Teilzeitmitarbeiter). Aber ja, zu behaupten, es wäre nicht viel Geld, wäre absurd. Der Kern des Produktes ist nach wie vor gleich – die Leute in Österreich haben es nur nicht verstanden. Manchmal denke ich, wir hätten gleich auswandern sollen und stur bleiben und nicht erst Teilzeit beginnen sollen, weil jede Geschäftsidee hat ein gewisses Zeitfenster zur Verfügung. Bei Software as a Service, das, was wir machen, war das eben vor sieben Jahren, und alle drei Firmen, die damals entstanden sind, gibt es noch – inklusive uns. Im Nachhinein betrachtet haben wir zwei Jahre verloren, aber mittlerweile sind wir in Boston sehr gut aufgehoben. San Francisco und Boston sind wahre Technologie-Hubs und in Boston haben wir nur sechs Stunden Zeitverschiebung. Das ist wichtig. Ich merke immer mehr, wenn man das länger als fünf Jahre machen möchte, braucht man einen geregelten Rhythmus.

Sie kommen ursprünglich aus der Steier­mark und sind dann nach Wien. Wie geht es Ihnen da, in einer Stadt wie Boston zu leben?

Gut! Das Mindset in den USA ist angenehmer, Unternehmer werden positiver wahrgenommen und es werden eher Gründe gesucht, warum etwas funktioniert. Sicher hat sich in den letzten Monaten mein Bild von den USA ein wenig verschlechtert, aber trotzdem: Die Neiddebatte, die es oft in Österreich gibt, gibt es hier nicht. Auch wenn Unternehmer Dinge machen, die gut funktionieren und Geld machen. In den USA sieht man uns positiv, weil wir Geld erwirtschaften und Arbeitsplätze schaffen. Es muss jetzt nicht jedes Unternehmen Non-Profit sein, trotzdem: Ich möchte schon einen Mehrwert für die Welt kreieren.

Fotos: Jiri Turek & Jana Jaburkova

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